Israels Evakuierungsbefehle im Libanon treiben Hunderttausende in die Flucht. Eine humanitäre Katastrophe droht.
Die aktuellen Kämpfe haben eine Vorgeschichte: Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2023 startete die Hisbollah Angriffe auf Nordisrael. Daraufhin lieferten sich beide Seiten grenzüberschreitende Gefechte. Trotz eines 2024 vereinbarten Waffenstillstands führte Israel fast täglich Angriffe im Südlibanon und in der Bekaa-Region durch, bei denen mindestens 127 Zivilist*innen getötet wurden.
Am 2. März 2026 startete die Hisbollah wiederum eine Reihe von Angriffen auf Israel, als Reaktion auf die Tötung des Obersten Führers der Islamischen Republik Iran Ali Khamenei nach einem Angriff der USA und Israels auf den Iran.
Keine Schutzgarantien für die ZivilbevölkerungDie übermäßig weit gefassten Warnungen des israelischen Militärs stellen keine wirksamen Schutzgarantien dar und entsprechen damit nicht den völkerrechtlichen Anforderungen an Evakuierungen. Die Zivilbevölkerung im Libanon wird im Unklaren gelassen:
Die Betroffenen erhalten keine aussagekräftigen Informationen darüber, wo und wann das israelische Militär zuschlagen könnte.
Es fehlen die nötigen Informationen, um fundierte Entscheidungen darüber zu treffen, ob und wie lange sie fliehen sollen.
Viele Menschen, darunter Ältere, Kinder und Menschen mit Behinderungen, können gar nicht evakuiert werden oder haben keinen sicheren Ort, an den sie sich begeben können.
Trotz der Evakuierungsaufrufe gelten die Regeln des Kriegsrechts weiter. "Die Anordnung von Massenevakuierungen gibt dem israelischen Militär weder das Recht, diese Gebiete als Feuerzonen zu behandeln, noch entbindet sie Israel von seinen Verpflichtungen nach dem humanitären Völkerrecht, Zivilist*innen zu schützen", so Beckerle.
Doch die Realität sieht anders aus:
Das israelische Militär hat wiederholt Evakuierungen angeordnet. Zudem hat es in über zwei Dutzend Gemeinden an der libanesischen Grenze massiv ziviles Eigentum zerstört. Dies geschah sowohl vor als auch nach dem Waffenstillstand im November 2024.
Das weckt große Sorge: Es besteht der Verdacht, dass einige dieser Befehle darauf abzielen, Zivilist*innen gewaltsam und für immer zu vertreiben. Eine solche dauerhafte Vertreibung ist laut dem humanitären Völkerrecht verboten und in der Vergangenheit blieben israelische Verstöße gegen das Völkerrecht straffrei.
Das hat die israelische Regierung nun dazu ermutigt, solche Taten zu wiederholen – Zivilist*innen geraten dadurch erneut in große Gefahr.
Alle Vorfälle müssen untersucht werdenWir fordern eine Aufarbeitung aller Vorfälle: Seit Oktober 2023 hat Amnesty International Israels rechtswidrige Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Objekte, den Einsatz von weißem Phosphor und die umfangreichen Zerstörungen in Grenzdörfern genau dokumentiert.
Ebenso haben wir die wiederholten Raketenangriffe der Hisbollah auf zivile Gebiete in Israel dokumentiert. All dies muss als Kriegsverbrechen untersucht werden.
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