Das Enfant terrible des Schweizer Skisports ist mit 75 Jahren verstorben. Zu seiner Aktivzeit war der Walliser der Konterpart zu Bernhard Russi.
Das Enfant terrible des Schweizer Skisports ist mit 75 Jahren verstorben. Zu seiner Aktivzeit war der Walliser der Konterpart zu Bernhard Russi.

Imago
Sie nannten ihn «La Colombe», die Taube. Aber so schön dieses Wortspiel tönt: Roland Collombin war alles andere als ein Täubchen, eher schon ein Habicht, der sich im Jagdflug die Berge hinunterstürzte. Zwischen 1972 und 1974 hatte er zwei verrückte Winter, in denen er acht Abfahrten und zweimal die Disziplinenwertung in der Königsdisziplin gewann. Doch er war ein Hasardeur, der immer einmal wieder abflog. Nach einem schweren Sturz 1975 in Val-d’Isère musste der Walliser die Karriere mit erst 24 Jahren beenden.
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2020 redete er in seinem Raclette-Stübli «La Streif» über den Unfall und all die Klischees und Legenden, die sich mit seinem Namen und seiner Karriere verbinden. Es war die Zeit der Pandemie, die Restaurants waren geschlossen, aber für den Journalisten aus Zürich durfte er ja wohl ein paar Kartoffeln kochen und etwas Käse schmelzen. Und dabei reden. «Ein Konkurrent sagte einmal, bevor Sie im Skizirkus aufgetaucht seien, habe man mit einer Sicherheitsmarge fahren können. Doch für Sie habe es nur volles Risiko gegeben.» – «Das ist Blödsinn. Es sah so aus, aber ich war immer auf der sicheren Seite.»
Nach Olympiasilber landete Collombin auf dem PolizeipostenDas ist wohl auch eine Frage des subjektiven Empfindens. Für die Zuschauer sahen Collombins Fahrten stets spektakulär aus; wenn er über die Sprünge flatterte, stockte einem der Atem. Er sei ein schlechter Springer gewesen, gibt er Jahrzehnte später zu. Sicher war er der wagemutigste, spektakulärste Abfahrer, den die Schweiz je gesehen hat. Und ein Gegenpart zum eleganten Bernhard Russi. Collombins Stern ging an dem Tag auf, an dem Russi seinen grössten Triumph feierte: 1972 wurde der Urner in Sapporo Olympiasieger, der Walliser gewann überraschend Silber.
Er feierte den Erfolg in bester Collombin-Manier: Gemeinsam mit dem Eishockeyspieler Jacques Pousaz ging er in eine japanische Bar. Über das, was danach passierte, erzählten die beiden Jahrzehnte später lückenhaft und sehr unterschiedlich. Gesichert ist, dass sie schliesslich auf dem Polizeiposten landeten und eingesperrt wurden. Der spätere Bundesrat Adolf Ogi, damals Leiter der Schweizer Olympiadelegation, holte sie mit der Hilfe des Schweizer Konsuls aus dem Knast. Und er beschwor die Medien, nicht darüber zu schreiben. Die Journalisten parierten, die goldenen Tage von Sapporo blieben ungetrübt.
In den zwei darauffolgenden Wintern lieferten sich Russi und Collombin auf den Abfahrtspisten ein episches Duell. Russi, der Ästhet, der mit unvergleichlicher Eleganz durch die Luft flog. Und Collombin, der Haudegen, der mit dem Messer zwischen den Zähnen raste. Die Schweizer Skifans teilten sich in zwei Lager. Russi oder Collombin? Das war eine Glaubensfrage, wie: Beatles oder Rolling Stones? 2018 wurde die Rivalität in einem Dok-Film thematisiert. «Seither kommen Leute aus der ganzen Schweiz in mein Bistrot», sagte Collombin 2020.
Die Rivalität der beiden Schweizer Ausnahmekönner war ein gefundenes Fressen für die Medien. Sie zeichneten ein Bild, das nicht zwingend ganz der Realität entsprach: Russi galt als Traumschwiegersohn, dessen Lebenswandel so proper war wie seine Linie am Hang. Von Collombin hiess es, er sei eine Kerze, die von beiden Seiten her brenne: ein Lebemann, ein Partytiger, ein Frauenheld.
Wahr ist, dass die beiden nach dem Ende ihrer Karriere freundschaftlich verbunden blieben. Der Walliser war in seinen letzten Jahren nicht nur Bistrotier, sondern auch Weinhändler. Auf seinen Touren in die Deutschschweiz vergass er selten, bei seinem einstigen Rivalen in Andermatt vorbeizuschauen. Und ein Kistchen Walliser Wein zu hinterlassen.

Keystone
Es ist aber auch eine Tatsache, dass sich die beiden Charaktere grundsätzlich unterschieden. Russi ist in seinem Heimatort Andermatt eine Art Dorfheiliger und stets auf sein Image bedacht. Nach der Karriere hatte er die Möglichkeit, für Jaguar zu werben, aber er entschied sich für Subaru, weil das besser zum Bild des Berglers passte.
Collombin raste nach den ersten Erfolgen mit einem Sportwagen durch sein Heimatdorf Versegères und feierte wilde Partys. Die Leute ärgerten sich darüber und sagten das auch. Darauf angesprochen, sagte er 2020: «Sie können mich mal. Ich sage es ihnen ins Gesicht, ich habe es am Fernsehen gesagt, am Radio und in der Zeitung.» Trotzdem blieb er ein Leben lang dort, lebte in seinem Elternhaus. Seine Erklärung: «Ich liebe die Gegend, nur die Leute mag ich nicht.»
Der Walliser trug das Herz stets auf der Zunge und blieb sich selbst treu. Er sagte offen, er sei ein Anhänger des gemütlichen Lebens und werde immer ein Faulpelz sein. Sein Motto: so wenig wie möglich arbeiten und so viel wie möglich herausholen. 1974 hatte er drei Abfahrten in Serie gewonnen, als er nach Kitzbühel kam. Das erste Training liess er aus und blieb im Bett. Im zweiten Training fuhr er aufrecht. Dann gewann er das Rennen. Collombin erklärte seinen Charakter später damit, dass seine Mutter Italienerin war. Er sei eben kein typischer Schweizer.
Er hatte Angst, gelähmt zu bleibenVersegères wurde schneller wieder zu seinem Lebensmittelpunkt, als er sich das erhofft hatte. Ende 1974 flog er an einem Buckel auf der Piste Oreiller-Killy in Val-d’Isère ab. Danach faltete er sich in seinen Porsche 500 und fuhr heim. Am nächsten Tag untersuchte ihn ein Arzt und schickte ihn nach Bern ins Inselspital. Diagnose: angerissener Wirbel, Saisonende, Gipskorsett. Ein Jahr später kehrt er in Val-d’Isère in den Skizirkus zurück. Er rast auf die Kuppe zu, an der es ihn 1974 erwischt hat, richtet sich etwas auf, gerät in Rücklage und fliegt scheinbar unendlich lange durch die Luft, bis er auf den Rücken knallt.
«Ich kann die Beine nicht mehr bewegen!», schreit er. Der Helikopter flattert heran, im Spital spürt Collombin drei Tage lang die Beine nicht, er hat Angst, dass er gelähmt bleibt. «Da habe ich mit dem Skifahren abgeschlossen», sagt er in seinem Raclette-Stübli. «Ich wollte wieder gehen können, alles andere war mir egal.» Er redete nicht gerne darüber und wurde doch immer wieder darauf angesprochen. Im «La Streif» hingen Bilder von seinen grossen Erfolgen: zwei Siege in Kitzbühel, Triumphe in Wengen, Garmisch . . . Collombin wollte als grosser Sportler in Erinnerung bleiben, nicht als Sturzopfer.
Die Stelle, an der Collombin stürzte, erhielt den Namen «Bosse à Collombin», sie ist heute ein harmloser Buckel. Collombin hatte alle seine Siege mit demselben Paar Ski herausgefahren. Er behielt es bis zum Ende seines Lebens.
Nach dem abrupten Karriereende war der Weg zurück in den Alltag nicht einfach. Arbeiten? «Ich wollte die Zeit geniessen», sagte er in dem Gespräch 2020. Schliesslich hatte ihn der Sport reich gemacht. Zwei Saisons an der Weltspitze hatten ihm eine Million Franken eingebracht. Das meiste davon wurde ihm unter dem Tisch zugeschoben, denn damals waren Skirennfahrer offiziell Amateure. Millionär mit 24 Jahren! Collombin haute auf den Putz und lebte in den Tag hinein.

Valentin Flauraud / Keystone
Der Walliser verlor sich dabei auch ein wenig selbst. Erst als er seine künftige Frau Sarah kennenlernte, fand er wirklich seinen Platz im Leben. Er verbrachte einen Sommer als Geisshirt auf einer Alp, um zur Ruhe zu kommen, baute den Getränkehandel seines Vaters wieder auf, eröffnete ein Bistrot. Dorthin kamen zeitweise ganze Cars voller Ski-Nostalgiker, um sich ein Raclette servieren und von Collombin Geschichten aus der guten alten Zeit erzählen zu lassen.
Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass der Walliser an Krebs erkrankt war. Er schien geheilt, doch die Krankheit brach erneut aus. Nun hat seine Familie mitgeteilt, er sei friedlich entschlafen. In Versegères, im Elternhaus, wo er geboren wurde.