Der Kenyaner Sabastian Sawe hat beim London-Marathon die Zwei-Stunden-Mauer durchbrochen. Wie der Marathon zu einem langen Sprint mutierte.
Der Kenyaner Sabastian Sawe hat beim London-Marathon die Zwei-Stunden-Mauer durchbrochen. Wie der Marathon zu einem langen Sprint mutierte.

Matthew Childs / Reuters
Am Anfang einer grandiosen Entwicklung steht oft ein durchgeknallter Typ. Yannis Pitsiladis kann man durchaus so bezeichnen. Bei einem Besuch der «NZZ am Sonntag» 2012 sass er in einem mit Büchern und Akten vollgestopften Büröchen der Universität Glasgow und erzählte ohne Punkt und Komma von der Suche nach dem genetischen Code des Superathleten.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Eigentlich war er angestellt, um über die Ursachen der Fettleibigkeit bei Kindern zu forschen. Doch der Hochleistungssport interessierte ihn viel mehr. Für seine private Forschung verpfändete er sein Haus, worauf ihn die Frau verliess, vorübergehend wurde er von einem indischen Restaurant gesponsert. 2014 sagte er: «Gebt mir 30 Millionen Dollar, und ich reisse die Zwei-Stunden-Mauer ein.»
Pitsiladis hatte ein neues Projekt gefunden, in das er seine überschäumende Energie stecken konnte: «Sub2». Wenn er die finanziellen Mittel dafür habe, werde innerhalb von fünf Jahren ein von ihm betreuter Athlet den Marathon unter zwei Stunden laufen, sagte er. Der Weltrekord lag damals bei 2:02:57. Experten rund um den Globus begannen darüber zu diskutieren, ob der Zwei-Stunden-Marathon irgendwann Tatsache werden könnte. Aber innerhalb von fünf Jahren? Pitsiladis wurde als Spinner oder Grossmaul abgetan, die 30 Millionen brachte er nie zusammen.
Der Professor wollte den Angriff auf den Rekord am Toten Meer starten, weil am tiefsten Punkt der Erde die Luft besonders reich an Sauerstoff ist. Und Sauerstoff ist ein zentraler Faktor für die Ausdauerleistung der Muskulatur. Die Strecke sollte topfeben sein, vielleicht sogar über das Meer führen und mit Schildern vor störendem Wind geschützt werden. Die besten Athleten sollten nicht gegeneinander, sondern gemeinsam für den Rekord laufen. Ein Name, den Pitsiladis nannte: Eliud Kipchoge.
Der Schuh, der das Laufen revolutioniertDer Kenyaner Kipchoge hatte damals gerade vom Bahnlauf zum Marathon gewechselt und begonnen, sich als König dieser Strecke zu etablieren. Die Krone setzte er sich definitiv 2016 auf, als er in Rio Olympiagold gewann. Wenig später verkündete sein Ausrüster Nike, nun ebenfalls die Zwei-Stunden-Grenze ins Visier zu nehmen. Der Name des Projekts: «Breaking 2».
Im Mai 2017 war es so weit: Drei Athleten starteten auf einer Schleife des Formel-1-Kurses von Monza zu einer Art Laborversuch. Ein Tesla drehte mit exakt immergleicher Geschwindigkeit seine Runden, dahinter wechselten sich menschliche Tempomacher in einer im Windkanal erarbeiteten Formation ab. Das Setting war so, dass die gelaufene Zeit nie offiziell anerkannt wurde. Aber das Experiment fand weltweite Beachtung.
Dieser Umstand brachte «Breaking 2» viel Kritik ein: Es gehe Nike bloss darum, Werbung für einen neuen Laufschuh zu machen. Dieser hiess Vaporfly, Kipchoge hatte beim Olympiasieg einen Prototyp davon getragen. Nike behauptete, er verbessere die Laufökonomie um 4 Prozent. Kurz nach dem Rennen von Monza kam er auf den Markt, für 300 Franken.

Image of Sport / Imago
Von den drei auf der Formel-1-Strecke gestarteten Läufern lief nur Kipchoge beeindruckend, doch er verpasste die magische Grenze mit 2:00:25 knapp. Hinterher wurde heftig darüber diskutiert, was der Schuh nun tatsächlich gebracht habe. Der südafrikanische Physiologe Ross Tucker fasste in einem Satz zusammen, was die Fachwelt dachte: «Tesla war der heimliche Held dieser Veranstaltung.» Der grösste Teil der Leistungsverbesserung sei durch den Windschatten des Autos zustande gekommen, auf dessen Dach auch noch ein grosses Schild montiert gewesen sei.
Doch da hatten sich die Experten wohl getäuscht. In den Jahren 2017 und 2018 zeigte sich an den Marathons rund um die Welt: Wer keinen Vaporfly am Fuss hatte, war benachteiligt. Das führte sogar dazu, dass der von Adidas gesponserte Spitzenathlet Herpasa Negasa einen Vaporfly kaufte und das Nike-Logo überpinselte – und seine Bestzeit um fünfeinhalb Minuten steigerte.
Nike hatte tatsächlich den Laufschuh revolutioniert. Jahrzehntelang war dessen Entwicklung mehr oder weniger stillgestanden, neue Modelle zeichneten sich oft nur durch eine andere Farbgebung aus. Die Amerikaner aber hatten sich intensiv mit der Mechanik des Laufens befasst und neue Materialien in ihren Schuhen verbaut: eine Carbonplatte, kombiniert mit reaktivem Schaum. Gaben frühere Laufschuhe mit einer Mittelsohle aus EVA nur rund 75 Prozent der Aufprallenergie zurück, schaffen modernste Modelle fast 90 Prozent.
Inzwischen wurde in Studien belegt, dass diese Schuhe tatsächlich schneller machen – und zwar nicht nur Spitzensportler, sondern auch Hobbyläufer. Wer sie einmal ausprobiert hat, weiss, warum sie im Volksmund Superschuhe genannt werden: Nur fliegen ist schöner.
Für Nike war die Rechnung in Monza aufgegangen, auch wenn Kipchoge die Mauer nicht durchbrochen hatte. Die Superschuhe gingen weg wie warme Brötchen, überall auf der Welt wollten Sportlerinnen und Sportler sich zu Bestzeiten tragen lassen. Wozu also viel Geld für einen zweiten Versuch ausgeben? Ein Hobbyläufer aber hatte ein sehr dickes Portemonnaie und den Willen, es noch besser zu machen als die amerikanische Firma: Jim Ratcliffe, der mit dem Petrochemie-Konzern Ineos zum reichsten Mann Grossbritanniens geworden war.
Mit grossem Trara wurde 2019 in Wien die «Ineos 1:59 Challenge» inszeniert. Im Praterpark wurde ein flacher Rundkurs neu asphaltiert und an einem Wendepunkt extra eine leicht erhöhte Kurve gebaut, um optimal laufen zu können. Es gab bereits vor dem Anlass Testläufe auf der Strecke, und im Rennen wechselten sich insgesamt 41 Tempomacher in einer noch ausgeklügelteren Formation hinter einem Auto ab.
Und tatsächlich: Kipchoge lief wie ein Uhrwerk, als auf den letzten Kilometern die Beine schmerzten, setzte er ein Lächeln auf. Er erreichte das Ziel nach 1:59:40 Stunden. Die Mauer war gefallen, wenn auch in einer Art Laborversuch. Einer, der gar keine Freude daran hatte, war Yannis Pitsiladis. Gegenüber der «Times» sagte er: «Ich kann mich dafür nicht begeistern. Es ist sinnlos. Ich glaube, jetzt dreht sich alles nur noch um den Schuh. Ich habe mein Leben der Integrität des Sports gewidmet, aber das hier ist das genaue Gegenteil.»
Man kann ewig darüber streiten, wie viel Technologie in einem Schuh stecken darf. Sicher ist, dass Nike ein gewaltiger Entwicklungsschritt gelungen ist, der die Konkurrenten dazu zwang, ebenfalls in die Forschung zu investieren. Heute hat jeder grössere Hersteller einen Superschuh im Sortiment. Puma brachte 2025 ein Modell auf den Markt, das die Laufökonomie gegenüber dem ersten Vaporfly noch einmal um 4 Prozent verbessert. Und Adidas hat ein Modell entwickelt, das weniger als 100 Gramm wiegt.
Für den Exploit muss vieles zusammenpassenDiesen Adidas Adizero Adios Pro Evo 3 trug Sabastian Sawe, als er am Sonntag, 26. April 2026, in 1:59:30 die Schallmauer durchbrach. Der Schuh war zweifellos einer der Erfolgsfaktoren, doch er allein hätte wohl nicht genügt, um den Kenyaner so schnell so weit zu tragen. Man muss sich das vorstellen: 422-mal hintereinander 100 Meter in 16,99 Sekunden. Ein schier endloser Sprint.
Sawes Rekord ist vielmehr das Produkt einer Entwicklung, die mit den verrückten Ideen von Yannis Pitsiladis begann. Ein entscheidendes Puzzleteil dürfte dabei auch die Leistung von Kipchoge 2019 in Wien gewesen sein. Denn sie hatte den Läufern gezeigt, dass die Mauer brüchig war.
Eliud Kipchoge lief 2022 in Berlin einen regulären Weltrekord von 2:01:09 und sein Landsmann Kelvin Kiptum nur ein Jahr später in Chicago 2:00:35. Das waren Siebenmeilenschritte hin zur Mauer. Geholfen hat dabei, dass die Läufer inzwischen gelernt hatten, die Superschuhe auch im Training zu nutzen. Weil diese die Beine schonen, sind grössere Umfänge und mehr harte Einheiten möglich.
Hinzu kommt, dass heute dank Sportgetränken, an deren Entwicklung Pitsiladis beteiligt war, dem Körper pro Stunde 115 Gramm Kohlenhydrate zugeführt werden können. Das sind über 40 Prozent mehr als vor zehn Jahren – pure Energie, die der Muskulatur sehr schnell zur Verfügung gestellt wird.
Was ebenfalls nicht zu unterschätzen ist: Der historische Lauf von London war ein Rennen bis fast zur Ziellinie. Erst auf den letzten 1,6 Kilometern konnte sich Sabastian Sawe von Yomif Kejelcha lösen, doch der blieb ihm im Nacken. Der Äthiopier lief im allerersten Marathon 1:59:41. Er wird bloss als Fussnote in die Geschichte eingehen: als Mann, der durch die Mauer lief, als diese bereits durchstossen war.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»