Murat Yakin und Vladimir Petkovic haben als Nationaltrainer den Schweizer Fussball in den letzten 12 Jahren geprägt wie niemand zuvor. Bevor sie nun im WM-Sechzehntelfinal Schweiz-Algerien aufeinandertreffen, erhalten sie von uns eine persönliche Würdigung.
Lieber Muri,
Weisst du noch vor 18 Jahren, als alles begann? Kleine Allmend in Frauenfeld. Ich steige aus dem Auto. Etwa eine Stunde, bevor du dein Trainerdebüt gibst. Deine erste Frage: Willst du Kaffee und ein Stück Kuchen? Ja, aber ich bin nicht deswegen in den Thurgau gefahren. Ich will sehen, wie du das angehst. Was passiert, wenn zwei Welten aufeinanderprallen. Hier der schillernde Ex-Profi, der Millionen verdient hat. Dort die Spieler, die Fussball als Hobby betreiben.
Murat Yakins erste Station als Trainer war der FC Frauenfeld. Das Foto entstand im Februar 2008.Archivbild: Susann Basler
Erschwerend kam dazu, dass die Spieler mit Streik gedroht haben, als sie von der Absetzung deines Vorgängers erfahren haben und ihnen gleichzeitig mitgeteilt wurde, dass du neu übernimmst. Und was machst du? Gehst unvoreingenommen in die Kabine, drückst jedem die Hand, stellst dich kurz vor, und schon verpufft die Idee vom Streik. Es ist verrückt, schwer zu erklären, obwohl ich es viele Male beobachtet habe. Klar, man kann den Begriff Aura bemühen. Ich habe es für mich irgendwann so erklärt, dass du die Sonne in der Hosentasche trägst.
Nach dem Besuch in Frauenfeld schrieb ich: Vielleicht geht der 15. März 2008 als Geburtsstunde einer grossen Trainer-Karriere in die Geschichte ein. Nicht, weil mich das Spiel deiner Mannschaft begeistert hat. Ihr habt 0:2 gegen Freienbach verloren. Aber es war sofort erkenn- und spürbar, welch positive Wirkung du auf andere Menschen hast.
Du hast mir mal den kühnen Satz diktiert: «Meine Taktik gewinnt immer.» Kann sein. Ich will deine taktischen und strategischen Qualitäten nicht klein reden. Schliesslich verliere ich im Backgammon häufiger gegen dich, als dass ich gewinne. Taktisch bist du ein Ass, weil du dich nie mit der erstbesten Lösung zufrieden gibst, ständig nach Optimierung suchst, auch wenn du dafür abstrakt anmutende Ideen wälzt.
Doch der eigentliche Erfolgsfaktor des Trainers Yakin ist und war für mich immer der Mensch Yakin. Deshalb gefällt mir auch die Fortsetzung des oben erwähnten Zitats. «Aber meine Spieler müssen mitmachen. Sie müssen mir helfen, das Spiel zu gewinnen.»
Murat Yakin, hier beim WM-Spiel gegen Kanada, gilt als Taktikfuchs.Bild: Toto Marti/Blick/Freshfocus
Wir haben Stunden in Raststätten, Dönerbuden, Cafés, Beizen, Gourmettempeln oder an diskreten Orten in Stadien verbracht, um nach einem Spiel ungestört zu plaudern. Mal über Fussball. Mal über deine Jugend. Mal über die Anfänge im Profifussball. Mal über das Erwachsenwerden. Mal über deine mittlerweile verstorbene Mutter, für die du auch mal ins Hotelzimmer hochgehezt bist, während die ganze FCB-Crew im Bus gewartet hat, weil du fandest, sie sei zu leicht angezogen. Aber allein waren wir nie.
«Herr Yakin, können Sie bitte hier unterschreiben?» «Herr Yakin, bitte ein Foto für meinen Sohn.» «Herr Yakin, warum übernehmen Sie nicht den FC Basel.» «Herr Yakin, Kobel ist doch der bessere Torhüter als Sommer, geben Sie ihm doch endlich eine Chance.» Schrecklich, diese Belagerung. Und du? Wie fast immer dem Leben gegenüber positiv eingestellt. Sitzt da, ein Lächeln wie gemeisselt, ein gutmütiger Blick wie eingefroren. Hörst zu und bedankst dich hinterher für die Glückwünsche. Bis heute ist mir deine Gelassenheit ein Rätsel.
François Schmid-Bechtel begleitet Murat Yakin seit Jahren und war auch bei dessen erstem Spiel als Trainer dabei.Bild: Sandra Ardizzone
Als du im Spätsommer 2021 zum Nationaltrainer ernannt wurdest, schlug dir eine Welle der Skepsis entgegen. Einige sahen in dir fälschlicherweise noch immer wahlweise den Glamourboy, das bequeme Genie oder den sorglosen Luftibus – was 20 Jahre früher Gültigkeit hatte. Anderen missfiel, dass der Nationaltrainer zuletzt beim unprätentiösen und unbedeutenden FC Schaffhausen gearbeitet hat.
Apropos Schaffhausen – auch eine schöne Erinnerung. Für das Mittagessen hetzen wir durch den fiesen Nieselregen ins Migros-Restaurant. Mit Hakan besprichst du das Nachmittagstraining. Ein Turnier soll es geben. Plötzlich sagst du: «Es fehlt eine Siegertrophäe. Wir brauchen einen Pokal. Ich will, dass die Spieler erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man einen Pokal in den Händen hält.» Hakan beschafft einen.
Einen Pokal wünsche ich dir an dieser WM. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es damit nichts. Aber allein, wie du den Petkovic-Fussball weiterentwickelt hast, wie du die Nati dem Publikum wieder näher gebracht hast, wie du das Team führst, ist weltmeisterlich.
In besonderer Erinnerung bleibt mir dabei, wie du auf Granit Xhaka zugegangen bist. Als er in seinem ersten Länderspiel unter dir erzürnt auf die Auswechslung reagierte, dich später wiederholt kritisierte, dachte ich: Was für ein Pulverfass. Viele Trainer würden in einer solchen Situation zum verbalen Gegenschlag ansetzen, um die Autorität zu wahren. Doch was machst du? Lässt Xhaka toben, gehst auf ihn zu, gewinnst ihn für dich und deine Ideen. Das nenne ich ganz grosse Führungsqualität.
Herzlich, François
Lieber Vlado,
Als wir uns in Bordeaux verabschieden, im September 2021, sagst du mir: «Keine Angst um diese Schweizer Nati! Sie kann auch noch in 7, 8 oder 10 Jahren in dieser Zusammensetzung spielen.» Und tatsächlich, wenn du nun an der WM mit Algerien auf die Schweiz triffst, dann steht dir immer noch ein grosser Teil «deiner» Nati gegenüber. Akanji, Elvedi, Rodriguez, Xhaka, Freuler, Embolo, Vargas. Der Kern von damals ist der Kern von heute.
Vladimir Petkovic bespricht sich an der EM 2021 während des Spiels gegen die Türkei mit Captain Granit Xhaka.Bild: AP / Darko Vojinovic
Sieben Jahre hast du die Nati betreut. 2014 bis 2021. Noch heute wissen viele Menschen in der Schweiz nicht, wie gut du als Trainer warst. Wenn ich dir das vor Augen führe, dann reagierst du mit deinem typischen Vlado-Lächeln. Als möchtest du sagen: Es gibt doch Wichtigeres im Leben!
Aber ein bisschen geschmeichelt fühlst du dich schon. Wie damals, als du nach der unvergesslichen EM 2021 in Ascona die Promenade entlang spazierst mit Frau und Tochter, sich die Leute in den Restaurants erheben, Spalier stehen und einfach applaudieren. Die Anerkennung dafür, dass du die Schweiz endlich ins gelobte Land eines Viertelfinals geführt hast.
Dieser Sieg über Frankreich, 1:0, 1:3, 3:3, Penaltyschiessen! Wir werden ihn nie vergessen.
Was hat deine Arbeit ausgezeichnet? Du hast es geschafft, die Nati erstmals in ihrer Geschichte vom Denken der «kleinen Schweiz» zu befreien. Du bist gekommen mit der Einstellung: Wir sind super, wir schauen auf uns, egal was der Gegner macht. Du hast den Beamtenfussball, den die Nati-Fans ertragen mussten, ins hinterste Kellerregal gesteckt. Und nie mehr hervorgekramt. Bald einmal wussten wir: Wir können den Spielen gegen Lettland, Estland oder Slowenien ohne Sorgen entgegenschauen. Die Selbstverständlichkeit, die eigenen Stärken zu sehen, ist dein bedeutendstes Erbe.
Etienne Wuillemin hat Vladimir Petkovic während seiner Zeit als Nationaltrainer begleitet.Bild: Severin Bigler
Wobei, Slowenien, gutes Stichwort. Ganz so einfach hattest du es nicht. Dein zweites Spiel als Nati-Trainer, Oktober 2014, Maribor. 0:1-Niederlage. Nach dem 0:2 zum Auftakt gegen England sorgte sich die Schweiz schon: Ist jetzt aller Zauber weg ohne Ottmar Hitzfeld? Auf einer Holzbank am Rand des Waldes von Maribor hast du erzählt, wie sehr dir das Spiel gefiel. Zurecht, nur das Resultat hat halt nicht gestimmt. Und erste Zeitungen schrieben schon vom «Endspiel» für dich drei Tage später in San Marino. So viel Misstrauen, du fandest das ungerecht.
Misstrauen. Es ist die Eigenschaft, die dich nie ganz losgelassen hat. Vermutlich ist das logisch. In einem unserer ersten Gespräche hast du erzählt von den Bombeneinschlägen, die du gehört hast, als du in deine Heimat Sarajevo telefoniert hast während des Krieges in den 90er Jahren. Dein Start in der Schweiz 1987? Wir holen dich ab am Flughafen, wurde dir versprochen. Dann standest du einfach alleine da. Kein Wort Deutsch. Handys gab’s noch nicht. Du musstest irgendwie nach St.Gallen kommen. Bist dann in Chur gelandet, NLB. Und doch bald heimisch geworden in der Schweiz.
Deinen Aufstieg in der Gesellschaft verdankst du allerdings nicht dem Fussball. Trainer bist du eher nebenbei geworden. Hast selbst dann noch als Sozialarbeiter gewirkt, als du Bellinzona in den Cupfinal geführt hast. Du musstest dir jedes kleine Stück Anerkennung erarbeiten.
Vladimir Petkovic besiegte 2008 mit der AC Bellinzona den FC St.Gallen in der Barrage und stieg in die Super League auf.Bild: Ralph Ribi
Auch deine Zeit als Nati-Trainer war geprägt von Stürmen. Der schlimmste? «Als der Balkangraben ans Licht kam», sagst du mir. Natürlich hat dich die Geschichte getroffen. Aber was das Potenzial hatte, zur kompletten Spaltung des Teams zu führen, hast du zum Anlass genommen, Gräben aufzuschütten. Einen Zusammenhalt zu bauen, der bis heute nachhallt.
Die Doppeladler-Geschichte rund um die WM 2018 war die nächste grosse Probe. Du kannst bis heute nicht verstehen, warum ein Teil des Landes den zwei Herzen unserer Doppelbürger so viel Skepsis entgegenbringt. Danach kommt es zum grossen Umbruch. Und auch zum Bruch mit Valon Behrami. Ich muss zugeben: Manchmal habe ich mich gewundert über deine Kommunikation. «Kommunikation schiesst keine Tore», würdest du entgegnen. Stimmt. Aber den Alltag erleichtern kann sie.
Auch diese Krise hast du überstanden. «Es ist wie bei einem Erdbeben: Es kommt das Beben, es gibt Brüche, aber dann folgt der Wiederaufbau und meist ist das Ergebnis stabiler als zuvor.»
Den Erfolg mit deiner neuen Nationalmannschaft Algerien gönne ich dir von Herzen. Ich habe mich für dich mitgefreut über die Sechzehntelfinalqualifikation. Nun verstehst du aber bestimmt, dass sich die Schweiz nicht zwingend nach einem Erdbeben sehnt rund um dieses Spiel.
Darum: Schade, muss Algerien ausscheiden am Freitag. Aber denk daran: Dein Einfluss auf die Entwicklung der Schweizer Nati ist weiterhin zu sehen.
Herzlich, Etienne