Wie oft stößt man auf ein Funkloch, wo das "andere" Netz versorgen könnte? Die Lösung: Zweites Netz mit zweiter Karte und Kosten oder nationales Roaming?
Regelmig meldet sich die Organisation diagnose:funk zu Wort, die sich seit 2009 als "unabhngige Umwelt- und Verbraucher-Organisation" versteht. Sie steht dem Mobilfunk im Lande sehr kritisch gegenber und setzt sich fr den "Schutz vor elektromagnetischen Feldern" ein.
Aus Anlass der heute endenden Mobilfunkmesswoche von Bundesnetzagentur, MIG und anderen stellt diagnose:funk die Forderung auf, dass "nationales Roaming schnell Funklcher schlieen" knnte. Die Mobilfunkmesswoche lenke hingegen "von einer guten Lsung" ab.
Alle Gerte knnen alle Netze nutzen?
Die Idee: Bei nationalem Roaming wrden sich alle mobilen Gerte in das vor Ort jeweils vorhandene Mobilfunknetz einbuchen unabhngig vom eigenen Vertragspartner.
Die Folge: Mobilfunkkunden htten auch in "grauen Flecken", wo der eigene Mobilfunkanbieter nicht vertreten ist, per Roaming Zugang zu einem Mobilfunknetz. Das wrde sich wie ein "Netz fr alle" anfhlen. Statt des Hashtags #CheckDeinNetz der Bundesnetzagentur sollte es #RoamingJetzt! heien.
Nationales Roaming: Lst das die Probleme?
Bild mit KI erstellt
„Seit Jahren kennen wir Roaming als bequemen Service aus dem europischen Ausland", erklrt Jrn Gutbier, der Vorsitzende von diagnose:funk und stellt die Frage: "Wieso soll das in Deutschland nicht auch mglich sein? Beim Stromnetz bauen wir doch auch jeweils nur ein Netz auf und nicht fr jeden Stromanbieter eine eigene berlandleitung! Das gleiche gilt fr das Gas- und das Straennetz. Wenn die Bundesnetzagentur Roaming bundesweit mglich machen wrde, htte auf dem Land die lstige Teilversorgung in grauen Flecken endlich ein Ende.“
Der Hintergedanke ist schnell klar: Der Ausbau von vier parallel betriebenen, aber nur teilweise ausgelasteten Mobilfunknetzen wre nicht weiter ntig. Davon verspricht sich die Organisation unter dem Stichwort "#RoamingJetzt!" eine Reduktion der "Strahlung" und erhofft sich, Nerven, Ressourcen und Energie zu sparen und Umwelt und Gesundheit zu schonen.
13-32 Prozent graue Flecken?Laut aktuellem BNetzA-Bericht seien 13,3 Prozent der Flche der Bundesrepublik "graue Flecken" (wo nicht alle Netze empfangbar sind), in bergigen Flchenlndern betrage ihr Anteil durchschnittlich sogar 15-20 Prozent der jeweiligen Landesflche, in lndlichen Gebieten in Baden-Wrttemberg sogar 32 Prozent.
Lege man die verffentlichten Werte und deren Entwicklung der letzten Jahre zugrunde, bliebe der graue-Flecken-Anteil bis 2030 bei 11,5 Prozent statt den 0,5 Prozent, die den Mobilfunkbetreibern durch die BNetzA auferlegt wurde.
Wie sich diagnose:funk das vorstelltdiagnose:funk schlgt in verschiedenen Stellungnahmen zum Frequenzverfahren, zur Frequenzverlngerung auf 800 MHz und zur TKG-Novelle vor, nationales Roaming nach einer angemessenen bergangs- bzw. Verhandlungsfrist von einem Jahr verpflichtend fr die deutschen Mobilfunknetze einzufhren. Damit htten die Mobilfunknetzbetreiber bis Ende 2027 gengend Zeit, miteinander ber die Gestaltung der dann notwendigen Roaming-Entgelte zu verhandeln.
Fr bereits gettigte Infrastrukturinvestitionen im Mobilfunkbereich knnten sie untereinander Ausgleichszahlungen beanspruchen, denn fr die Mobilfunknetzbetreiber solle sich nationales Roaming natrlich auch betriebswirtschaftlich darstellen lassen.
Die BNetzA fordert einen Netzausbau von 99,5 Prozent, also nur noch 0,5 Prozent Funklcher. Ist das mit 4 Netzen zu schaffen?
Grafik: diagnose:funk
Die Forderung von diagnose:funk und anderen klingt auf den ersten Blick charmant und drfte vielen Mobilfunkkunden gefallen. Doch so einfach ist es nicht.
Wenn wir ins Ausland fahren, haben wir die Auswahl zwischen verschiedenen Netzen, die jeweils vor Ort empfangbar sind. Es gibt aber keine lckenlose Versorgung, weil es kein Handover zwischen den Anbietern gibt. Soll heien: In Ort A ist Netz 1 gut, in Ort B Netz 2 und in Ort C knnte es Netz 3 oder Netz 4 sein. Die Kunden mssten also permanent auf die Netzversorgung achten und permanent das Netz neu von Hand auswhlen. Ein automatischer Wechsel fnde erst statt, wenn das gewhlte Netz komplett und dauerhaft verschwunden ist. Oft ist aber die Versorgung noch da, wenn auch wacklig.
Nationales Roaming ist in Deutschland an sich nichts Neues. Das gab es einst zwischen VIAG-Interkom (heute o2) und der Telekom ("D1"). Im Endausbau konnten VIAG-Interkom-Kunden dort, wo VIAG/o2 noch nicht versorgte, das Netz der Telekom nutzen und wurden sogar von VIAG zu D1 und zurck "handovert". Als E-Plus und o2 sich zusammenschlossen, passierte hnliches: Kunden von E-Plus konnten das o2-Netz verwenden und umgekehrt. Selbst heute gibt es das noch: Kunden des Anbieters 1&1 knnen das Vodafone-Netz nutzen. Die Handover zwischen Vodafone und 1&1 sind inzwischen eingerichtet. Umgekehrt jedoch knnen Kunden von Vodafone (und deren Service-Providern) nicht in das Netz von 1&1 einbuchen, selbst wenn es schon vor Ort verfgbar wre.
Nationales Roaming, wie sich die diagnose:funk das vorstellt, wrde nur dann wirklich Sinn ergeben, wenn ein Kunde automatisch von Netz zu Netz weitergereicht wrde, ohne sich selbst aktiv darum kmmern zu mssen. Und dort, wo gar kein Netzbetreiber versorgt, bliebe das Funkloch weiterhin.
Wie realistisch ist das ganze?Mit der Pflicht zum generellen nationalen Roaming wre der Infrastruktur-Wettbewerb vorbei. Die Idee des Infrastruktur-Wettbewerbs war: Die Kunden whlen das als "besser" erkannte Netz. Andere Netzbetreiber bauen daraufhin auch aus, um ihre Kunden zu behalten oder zurckzuholen - so wie es in einem Wettbewerb blich ist.
Mit nationalem Roaming wrden schlaue Kunden sofort zum gnstigsten Anbieter wechseln, weil sie wssten, dass sie das "beste" (= teurere?) Netz ja auch mitnutzen knnen. Die Lust fr die Netzbetreiber, weiter in den Netzausbau zu investieren, wre schnell dahin. Vorgeschlagene Ausgleichszahlungen zwischen Netzbetreibern drften schwierig werden, da die Beteiligten sich darber schnell in die Haare geraten werden.
Knnte der Regulierer vorgeben, dass "schwchere" Netzbetreiber ihren Kunden einen Aufpreis dafr abnehmen mssen, dass sie das "bessere" Netz mitnutzen knnen? Ein solcher Aufpreis knnte die Kunden motivieren, gleich ins "bessere" Netz zu wechseln oder auch auf diese neue Roaming-Option zu verzichten, weil "Hauptsache billig" wichtiger ist. Vermutlich wre das ein zu tiefer Eingriff in die Autonomie der Anbieter.
Und es ist ja nicht so, dass die Netzbetreiber nicht schon heute zusammenarbeiten und sich beispielsweise Standorte (Masten) teilen. Wenn es um den Ausbau von U-Bahnen oder groen Gebuden geht, gibt es Konsortien, wo ein Netzbetreiber fr alle anderen mitbaut. Beispiele gibt es in Berlin, Mnchen oder Frankfurt und an vielen anderen Orten.
Notruf 112: In allen Netzen mglichZu guter Letzt: Fr Notrufe (112) gilt schon heute das nationale Roaming: Um Hilfe zu holen, knnen sich alle Kunden in alle Netze einbuchen. Das ist aber nur fr Notrufe gedacht, Missbrauch ist strafbar.
Wir haben alle vier Netzbetreiber um Stellungnahmen zum nationalen Roaming gebeten. Die reichen wir noch nach. Was meinen Sie? Schreiben Sie es ins Forum oder in die Kommentare.
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