Netflix bringt „Unsere kleine Farm" zurück – diverser, rauer und historisch ehrlicher als das Original. Ab Donnerstag streamen acht neue Folgen. Ob der Reboot dem Klassiker gerecht wird, ist umstritten.
Wölfe, Fieber, Männer in der Nacht – die neue „Unsere kleine Farm" bei Netflix macht aus der Siebziger-Idylle eine ernste Pioniergeschichte.
Foto: Andrej Sokolow/dpa/Andrej SokolowBonn · Netflix bringt „Unsere kleine Farm" zurück – diverser, rauer und historisch ehrlicher als das Original. Ab Donnerstag streamen acht neue Folgen. Ob der Reboot dem Klassiker gerecht wird, ist umstritten.
Früher war - nein, gewiss nicht alles besser. Ob deshalb gleich alles schlimmer war, ist zwar Ansichtssache. Aber auf eins können sich nüchterne und nostalgische Gemüter womöglich einigen: Ohne fließend Wasser und feste Straßen, ohne Waschmaschinen, Postämter, Supermärkte oder ein Mindestmaß an Recht und Ordnung gestaltet sich der Alltag sehr viel entbehrungsreicher als in unserer Überflussgesellschaft von heute - das zeigt ein Serien-Reboot der unerwarteten Art.
Ab Donnerstag, 9. Juli, nämlich wird „Unsere kleine Farm“ wiederbesiedelt. Kinder der Siebziger samt Eltern erinnern sich vermutlich wohlig: Damals zog der fürsorgliche Ehemann und Vater Charles Ingalls (Jack Landon) westwärts nach Minnesota, um mit seiner treusorgenden Ehefrau Caroline und ihren drei Töchtern eine Existenz in den Great Plains aufzubauen. Eine Selbstermächtigung mit Hindernissen. Schließlich war die gigantische Prärie auch Ende des 19. Jahrhunderts noch weitestgehend unerschlossenes Terrain.
Und so fanden sich fünf - später sechs - Glückssuchende im Stammesgebiet der Osage wieder, die Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Landon seinerzeit noch ebenso abstrakt wie unbedacht „Indianer“ nannte und die allenfalls dekorative Funktion in einer Endlosserie besaßen, in der es vor allem um eines ging: den Alltag einer Sippe gottesfürchtiger Wohlstandsflüchtlinge ohne fließend Wasser und feste Straßen, ohne Waschmaschinen, Postämter, Supermärkte oder ein Mindestmaß an Recht und Ordnung. Dafür jedoch mit genügend positiver Energie für 204 Feel-Good-Folgen bis 1983.
Ölige Geigen aus dem Off
Gut 40 Jahre später nutzt Netflix nun also den Sog sogenannter Legacy Remakes und lässt „Unsere kleine Farm“ neu beziehen. Und so packt Charles Ingalls (Luke Bracey) seine Gattin Caroline (Crosby Fitzgerald) nebst Laura (Alice Halsey), Mary (Skywalker Hughes) und Jack (Rüde) auf den Planwagen und zieht noch etwas weiter südlich. Nach Kansas. Nicht der einzige Unterschied zum Original. Während Letzteres vom zeitgenössischen Rassismus über Armut, Intriganz, Willkür oder Ungleichheit bis zum ebenso epidemischen Alkoholismus durchaus Probleme thematisiert, aber sehr weiß ist, sind die neuen acht Folgen ungleich diverser.
Als sich Mama Caroline bei der anfänglichen Fahrt durch wilde Gewässer schwer verletzt, hilft ihr beispielsweise der schwarze Arzt Dr. Tann (Jocko Sims). Es gibt Bürgerkriegsversehrte, befreite Sklaven, allerlei Witwen oder Waisen. Und die indigenen Osage wachsen besonders in Gestalt des assimilierten Mitchell (Meegwun Fairbrother) vom telegenen Nice to Have zum zentralen Handlungsstrang einer Story, die der Benachteiligung amerikanischer Ureinwohner endlich mehr Raum lässt als 1976.
Wie Laura Ingalls - das autobiografische Alter Ego der gleichnamigen Kinderbuchautorin - die traumhafte Graslandschaft bei ihrer Ankunft im Klang öliger Geigen aus dem Off schwelgerisch als „Wellen aus Licht und Schatten unterm gigantischen Himmel“ beschreibt, wo vier Hauptfiguren sodann am Lagerfeuer singen und ohnehin bester Laune sind - egal. Die Showrunnerin mag zwar Rebecca Sonnenshine heißen und ihre Szenerien, so scheint es, mitunter aufräumen, fegen, feucht durchwischen.
Zerbeulte Cowboyhüte
Die Strapazen der zivilisatorischen Zwischenperiode des 19. Jahrhunderts werden allerdings nicht annähernd so verklärt wie einst bei Landon. Unter allen Genres hat der Western schließlich den größten Zeitgeschichts-Check hinter sich. Seit ihm Sergio Leone, Sam Peckinpah, Michael Cimino, Clint Eastwood und zuletzt Jim Jarmusch oder Quentin Tarantino die makellosen Cowboyhüte zerbeult haben, sind glattgebügelte Hemden selbstloser Helden zusehends in Blut, Schweiß und Tränen getränkt. Das neue Kino Fernsehen hat den frischen Realismus dann nur noch weiter verschlammt.
Auf die brachiale HBO-Serie „Deadwood“ (2204) folgten Dutzende dystopischer Erzählungen wie „The English“ oder „American Primeval“, in denen das Überleben Glückssache war. Als Familienunterhaltung nach Jugendbuchvorlage ist „Unsere kleine Farm“ hingegen zwar relativ eskapistisch.
Aber wenn Caroline im Dorf ohne Schule, Kirche, Polizei gewarnt wird, nachts auf ihre Töchter zu achten, „sonst werden sie von Wölfen und Männern geholt“, wenn der verwitwete Trinker John (Warren Christie) Siedler mit Präriefeuern vergleicht, die „niemand aufhält“, wenn jeder Fremde, jedes Fieber, jede Wetterkapriole das Ende aller Träume bedeuten kann - dann schrammen die fünf Regisseurinnen acht Episoden lang sehr sachlich an billigem Eskapismus vorbei.
Es geht 2026 zwar wie 1974 um altersgerechte Sorgen heranwachsender Mädchen und ihrer Eltern, die Minderjährige nie verdreschen und auch sonst liberaler sind als damals denkbar. Doch weil das soziokulturelle Umfeld historisch ungleich authentischer wirkt als damals, gerät die Modernisierung einer angenehm ereignislosen Siebzigerlegende absolut stichhaltig.
Dieses Land, sagt ein Ureinwohner zu den Einwanderern, locke „ganz bestimmte Männer“ an: „Manche sind verzweifelt und glücklos, andere haben Krieg und Armut erduldet, einige sind von Natur aus grausam und hart.“ Aber alle suchen wie die Ingalls ihr Glück. Dank Netflix ist es jetzt nur ein bisschen brüchiger geworden.
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