Die AfD wählt eine neue Spitze. Alice Weidel und Tino Chrupalla gelten als gesetzt. Umkämpft sind vor allem die Plätze dahinter. Der rechtsextreme Flügel um Björn Höcke drängt nach vorn.
Erfurt. Entscheidungen über politische Spitzenposten und Massenproteste mit Zehntausenden Demonstranten: Begleitet von einem Großaufgebot der Polizei beginnt heute ein zweitägiger AfD-Bundesparteitag in Erfurt.
Auf dem Messegelände in der thüringischen Landeshauptstadt versammeln sich rund 600 Delegierte.
Im Mittelpunkt stehen die Wahlen zum Bundesvorstand. Die bisherigen Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla gelten als gesetzt. Bei anderen Vorstandsposten dürfte sichtbar werden, wie groß der Einfluss des rechtsextremen Thüringer Landeschefs Björn Höcke in der Bundespartei inzwischen ist.
Zunächst stellen sich Weidel und Chrupalla zur Wiederwahl. Spannend dürfte werden, mit welchen Ergebnissen beide bestätigt werden. In der Partei wird damit gerechnet, dass sie deutlich hinter ihren Resultaten vom vergangenen Bundesparteitag zurückbleiben könnten. Chrupalla hatte 2024 knapp 83 Prozent erhalten. Nun könnte er einen Dämpfer erhalten. Kritik an ihm gibt es wohl unter anderem aus Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt.
Auch Weidel, die vor zwei Jahren knapp 80 Prozent der Delegiertenstimmen erhielt, geht nicht unbelastet in den Parteitag. Im mitgliederstarken nordrhein-westfälischen Landesverband soll sie sich durch ihre Positionierung in internen Machtkämpfen Gegner gemacht haben. Unsicher ist deshalb, ob Weidel diesmal besser abschneiden könnte als Chrupalla. Beide führen die Partei seit Jahren gemeinsam.
Ihr Verhältnis gilt als kooperativ. Die Doppelspitze in Partei und Fraktion habe sich bewährt, sagte Weidel selbst einmal. Bei der Kanzlerkandidatur Weidels beschrieb Chrupalla, wie einig man sich in der Rollenverteilung sei: Sie sei „Stürmerin“, er „Libero“, damit Weidel so viele Tore wie möglich erziele. Allerdings zeigten sich im September 2025 auch Differenzen. Bei der Bewertung von Luftraumverletzungen durch Russland äußerte sich Weidel deutlich kritischer zu Moskau als Chrupalla.
Ein besonderer Blick richtet sich auf andere Personalien im Bundesvorstand. Der rechtsextreme Flügel um Höcke drängt mit mehreren Personen in das Spitzengremium. Sicher ist wohl die Wahl des Thüringer AfD-Politikers Stefan Möller. Der Bundestagsabgeordnete gilt als enger Vertrauter Höckes und soll Stephan Brandner als Parteivize ablösen. Um westdeutschen Landesverbänden wird Möller teils kritisch gesehen. Einen Gegenkandidaten soll es nach Angaben aus Parteikreisen dennoch nicht geben.
Brandner war bislang für die Thüringer AfD im Vorstand. Höcke sagte, Brandner sei über die Veränderung „nicht verärgert“, sondern zufrieden mit dem, was er in Berlin erreicht habe. Eine Kandidatur Brandners als Beisitzer sei nicht ausgeschlossen. Dem Höcke-Lager wird auch der Chef der AfD-Nachwuchsorganisation „Generation Deutschland“ (GD), Jean-Pascal Hohm, zugerechnet. Hohm strebt ebenfalls in den Bundesvorstand. Seine Chancen, gewählt zu werden, stehen gut.
Offener ist die Lage bei anderen Vorstandsposten. Parteivize Kay Gottschalk wird von Sven Tritschler herausgefordert. Beide kommen aus dem zerstrittenen nordrhein-westfälischen Landesverband. Tritschler werden parteiintern gute Chancen eingeräumt. Er kann dem Vernehmen nach auf Unterstützung aus dem Umfeld Weidels zählen.
AfD-Parteitag findet zu einem politisch heiklen Zeitpunkt stattFür zusätzliche Spannung sorgt ein Antrag Höckes zur sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD. Mit dieser Liste grenzt die Partei bislang bestimmte Organisationen aus, deren Mitglieder nicht zugleich AfD-Mitglieder sein sollen. Höcke und weitere Antragsteller wollen die Liste grundlegend überarbeiten. Kritiker sehen darin faktisch den Versuch, die Liste weitgehend zu entwerten. Damit könnte die AfD noch stärker für Personen aus dem rechtsextremen Spektrum geöffnet werden.
Die Parteiführung will den Vorstoß verhindern, erfuhr das Handelsblatt aus Parteikreisen. Verärgert ist man demnach auch darüber, dass Höcke den Antrag ohne vorherige Abstimmung eingebracht habe. Eine Möglichkeit wäre, den Antrag gar nicht erst zu behandeln. Das wäre zugleich ein Signal der Parteispitze, dass sie sich von Höcke nicht die Agenda bestimmen lassen will.
Alice Weidel Das „System Weidel“ – wie die AfD-Chefin ihre Macht festigt
Höcke selbst hat in der Bundespartei kein Amt. Dennoch dürfte er bei dem Parteitag eine wichtige Rolle spielen. Weil die AfD im Bundesland seines Landesverbands tagt, wird er ein Grußwort halten. Höcke dürfte versuchen, Akzente zu setzen und seine Stellung im Machtgefüge der Partei zu demonstrieren. Der Thüringer AfD-Verband wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.
Der Parteitag findet zu einem politisch heiklen Zeitpunkt statt. Im Osten stehen im Herbst Landtagswahlen an. In Sachsen-Anhalt wird am 6. September gewählt, in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September. In beiden Ländern liegt die AfD in Umfragen derzeit deutlich vorn. In Sachsen-Anhalt regiert aktuell eine Koalition aus CDU, SPD und FDP unter Ministerpräsident Sven Schulze (CDU). In Mecklenburg-Vorpommern führt Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) eine Koalition mit der Linken.
Bei früheren Parteitagen verzögerte sich der Beginn wegen Blockaden teils um StundenDie Partei will den Parteitag daher auch nutzen, um Geschlossenheit vor den Wahlkämpfen zu demonstrieren. Zugleich könnten offene Kampfabstimmungen, schwächere Ergebnisse für die Parteispitze und der Streit um Höckes Antrag genau dieses Bild trüben.
Außerhalb des Messegeländes bereiteten sich die Polizei und die Stadt Erfurt schon am Freitag auf große Gegenproteste vor. Mehrere Bündnisse haben Demonstrationen angekündigt. Das Bündnis „Widersetzen“ will den Parteitag mit Blockaden verhindern.
Kommentar Wer die AfD blockiert, macht sie noch stärker
Die Behörden erwarten nach bisherigen Angaben zwischen 30.000 und 50.000 Demonstrierende. Zudem rechnen sie mit gewaltbereiten Teilnehmern aus der linksextremen Szene. Die Polizei ist bis Sonntag mit mehreren tausend Kräften aus dem gesamten Bundesgebiet im Einsatz.
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Mecklenburg-VorpommernBei früheren AfD-Parteitagen hatten Blockaden den Beginn teils um Stunden verzögert. AfD-Chef Chrupalla sagte, er hoffe bei möglichen Straßenblockaden auf eine entsprechende Reaktion der Behörden. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Lucassen forderte Bund und Land auf, die Voraussetzungen für einen ordnungsgemäßen Ablauf des Parteitags zu schaffen.
Der frühere Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow rief zu friedlichen Protesten auf. Gewalt sei kein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung, sagte der Linken-Politiker. Von Aufrufen, den Parteitag durch Blockaden vollständig zu verhindern, distanzierte er sich. Protest gegen die AfD sei aber gerechtfertigt.