Einst richtete sie die Heime der Deutschen ein, jetzt bricht sie im sommerlichen Weimar als gierige Base die Herzen. Tine Wittler im Gespräch über „Jedermann“.
Wo sonst Touristen thüringische Rostbratwürste essen und das tägliche Markttreiben das Bild bestimmt, zieht im August das Theater ein. Der historische Marktplatz in Weimar, direkt vor der Kulisse des Rathauses, verwandelt sich in diesem Sommer in eine Open-Air-Bühne für das unerbittlichste Gericht der Theatergeschichte. Wenn der Gong ertönt und der Ruf nach „Jedermann“ über das Kopfsteinpflaster hallt, geht es um alles: Geld, Gier und die nackte Existenz im Angesicht des Todes.
Hugo von Hofmannsthals Klassiker braucht keine Akte, keine Pausen, kein langes Vorspiel – das Stück zieht seine Zuschauer in gut 90 Minuten gnadenlos mit in den Abgrund des reichen Mannes. Doch in diesem Jahr ist es nicht nur die neue, urbane Kulisse mitten in der Stadt, die fasziniert. Auch das Ensemble unter der Regie von Nicolai Tegeler bringt das Publikum mit seinen unerwarteten und sich ständig verändernden Inszenierungen zum Staunen.
Mittendrin steht Tine Wittler. Millionen Deutsche kennen sie noch als die Frau, die im Fernsehen für das perfekte, harmonische Zuhause sorgte. Doch in Weimar saniert sie keine Räume, sondern lässt menschliche Fassaden einstürzen. Als gierige, eiskalte Base verkörpert sie genau jene falsche Verwandtschaft, die den sterbenden Jedermann in seiner dunkelsten Stunde im Stich lässt. Im Gespräch mit Tine Wittler wird jedoch schnell klar, dass man die Rolle nicht so einseitig sehen darf, wie sie auf den ersten Blick wirken mag.
Zeitlos aktuellDas Theaterstück „Jedermann“ ist mittlerweile über 100 Jahre alt. Die Uraufführung fand bereits im Jahr 1911 statt. Das Stück ist eine Parabel über die Vergänglichkeit des irdischen Lebens und stellt darüber hinaus die Frage danach, was am Ende eines jeden Lebens wirklich zählt.
Im Mittelpunkt steht der reiche Jedermann, der im Überfluss lebt und sich rücksichtslos über seine Mitmenschen hinwegsetzt. Als ihn der Tod unerwartet vor das Jüngste Gericht ruft, versucht er verzweifelt, Freunde, Familie und Besitz zum letzten Weg zu bewegen – und erkennt, wer am Ende wirklich zu ihm hält.
Wie aktuell diese Thematik noch immer ist, fasziniert Tine Wittler: „In diesen zwei Stunden auf der Bühne wird ja alles abgehandelt, was ein menschliches Leben bewegt. Loyalität, Freundschaft, Liebe, Familie.“ Durch die Abhandlung grundlegender menschlicher Themen sei das Stück ihrer Ansicht nach schon immer aktuell gewesen und werde auch nie an Aktualität verlieren.
Warum sie den Fernseher hinter sich ließDie Autorin, Schauspielerin und Kulturveranstalterin Tine Wittler hat bereits einen vielseitigen Weg hinter sich gebracht. Dass sie stets kreativ war, zeigte sich bereits in ihrem Job als Moderatorin von „Einsatz in vier Wänden“, einer RTL-Serie, in der sie Häuser verschönerte und damit das Leben von vielen Menschen sehr viel bunter machte. 2013 wurde die Sendung abgesetzt. Auch auf Wunsch von Wittler.
„Es geht mir immer um Weiterentwicklung“, erklärt sie. Nach zehn Jahren sei es wichtig gewesen, „Ende Gelände“ zu sagen und weiterzumachen – mit neuen Projekten, neuen Aufgaben und neuen Herausforderungen. Heute ist sie überall unterwegs: Sie schreibt nach wie vor Bücher, ist selbst Kulturveranstalterin, arbeitet an Theatern und steht auch mit ihren Soloprogrammen auf der Bühne. „Meine Liebe zur Bühne und vor allen Dingen zur Kleinkunst und zum Theater ist sehr, sehr groß“, sagt sie.
Die zwiespältige BaseSeit 2022 steht Wittler als Base auf der Bühne – der Cousine des von Julian Weigend gespielten Jedermann. Von ihrem Schauspielkollegen schwärmt sie: „Der lebt und stirbt auf dieser Bühne. Er spielt sich die Seele aus dem Leib.“ Gemeinsam mit bis zu 60 Darstellern steht sie dabei auf der Bühne. Dass bei so vielen Künstlern Konflikte entstehen, habe sie in diesem Ensemble jedoch nie erlebt. „Es wird immer fair gespielt und mit Liebe und Herzlichkeit. Die hohe Kollegialität in diesem Ensemble beeindruckt mich immer wieder.“
Auf den ersten Blick scheint die Base die Verkörperung scheinheiliger Verwandtschaft zu sein: Solange es Jedermann gut geht, genießt sie seinen Reichtum. Als er dem Tod ins Auge blickt, zieht sie sich unter fadenscheinigen Ausreden zurück. Doch so einfach sei die Figur nicht, sagt Wittler. „Sie kämpft einen inneren Kampf. Sie ist eigentlich eine Frau, die ganz genau weiß, wie sie das Beste für sich rausholt.“ Zugleich gehörten sie und der Vetter zu den einzigen Gästen der Tafelrunde, die überhaupt bis zum Ende blieben.
„Der Konflikt, der sich dann in der Base abspielt, ist bezeichnend, denn auf der einen Seite hat sie ausreichend Empathie, um selber gar nicht mehr klarzukommen mit dem Schicksal des Jedermann. Auf der anderen Seite will sie aber eigentlich auch ganz gerne ans Erbe ran“, sagt Wittler. Wie die Base diesen Konflikt am Ende auflöst, möchte sie jedoch nicht vorwegnehmen. Auch ihre persönliche Lieblingsszene bleibt ein Geheimnis: „In dieser Lieblingsszene spielen hartgekochte Eier eine große Rolle“, verrät sie lachend – mehr aber nicht.
Warum keine Vorstellung der anderen gleichtEine Besonderheit des Stückes unter der Regie von Nicolai Tegeler ist laut Wittler außerdem, dass sich das Stück von Aufführung zu Aufführung, vom einen zum anderen Auftrittsort verändert. „Ich entdecke, ob in den Proben oder in den Vorstellungen, immer noch Neues“, sagt sie, sichtbar staunend. „Jedermann“ sei wie ein Film, den man sich immer wieder angucken könne.
Eine gänzlich neue Erkenntnis kam ihr erst im letzten Jahr bei Proben in Bayreuth. Mammon, eine Figur, die sinnbildlich für Jedermanns Reichtum steht, bezieht sich in einer Szene auf die Zeit. Er mache eine Uhr nach, erklärt Wittler die Szene. Die Erkenntnis, die sie daraus für sich zog, fasziniert sie noch immer: „Wir kommen mit nichts, wir gehen mit nichts. Und die Zeit dazwischen sinnvoll zu füllen, das ist dort die Aussage.“
Wie Tine Wittler geht es auch vielen der Besucher, die gleich mehrere Vorstellungen besuchen. Einflussfaktoren für die Wandelbarkeit des Stückes sind der Auftrittsort, die Bühne, der gegebene Platz, aber auch die einzelnen Rollen, die sich immer weiterentwickeln. Wittler erklärt das anhand ihrer Rolle der Base. Manchmal überwiege im Spiel die Empathie der Figur, mal sei sie rotziger, mal zielstrebiger. „Das Großartige an dieser Produktion ist, dass Nicolai Tegeler immer wieder Neues von uns erwartet“, so Wittler. Unerlässlich dafür, sich völlig auf den Charakter und das Spiel der Figuren einzulassen, sei die Textsicherheit: „Nur wenn der Text sitzt, kannst du die ganzen anderen Nuancen reinbringen.“ Seit November haben sie nun nicht mehr gespielt. Jetzt heißt es, „sich zu Hause noch mal auf den Hosenboden zu setzen“, sagt Wittler schmunzelnd.
Als Base im Theaterstück „Jedermann“ zeigt Tine Wittler die widersprüchige Seite einer Figur, die zwischen Mitgefühl und Eigennutz schwankt.
© MATTHIAS WEHNERT
Anfang August gastiert die Produktion in Weimar, wo das Theater nicht auf der bekannten Bühne im Weimarhallenpark spielt, sondern im Herzen der Stadt auf dem historischen Marktplatz direkt vor dem Rathaus. „Wir sind alle so aufgeregt, vor dieser Kulisse spielen zu dürfen“, schwärmt Wittler und beschreibt, wie dieser urbane Spielort auch die Energie und Stimmung des Schauspiels beeinflussen wird.
Mit ihren Soloprogrammen war Wittler bereits mehrfach in Weimar zu Gast. „Ich bin verliebt in Weimar“, sagt sie und bezeichnet die Goethestadt sogar als ihre zweite Heimat. Ob mit ihren Solo-Projekten oder dem „Jedermann“ – die Schauspielerin kennt Bühnen in ganz Deutschland und hat vor Publikum in Ost wie West gespielt. Unterschiede nehme sie dabei durchaus wahr, allerdings nicht zwischen den Himmelsrichtungen, sondern zwischen Stadt und Land. „Die Leute sind in kleineren Städten und vor allem auf dem Dorf noch viel wacher“, sagt sie. Dort seien die Menschen kulturell oft weniger übersättigt und freuten sich einfach, wenn etwas Besonderes in ihre Region komme. „Ich liebe es, auf dem Land aufzutreten“, sagt sie und ergänzt lachend: „In den ganz großen Städten schläft immer irgendwer ein. Immer. Kannste die Uhr nach stellen.“
Dass sich Tine Wittler besonders wohl auf den familiären Bühnen in kleinen Ortschaften fühlt, lässt sich wohl auch damit erklären, dass sie selbst ein Dorf mit gerade einmal 48 Einwohnern ihr Zuhause nennt. „Dieser Ort ist mein Kraftort“, sagt sie, als sie von ihrem Haus, einem Fachwerkhaus aus dem Jahr 1838 mit einem schönen Garten, erzählt. Es sei der Ursprungsort ihrer Kreativität. „Ich kann drei Tage in Berlin Remmidemmi gehabt haben und komme wieder hierher, sitze eine halbe Stunde im Garten und denke: War was?“
Die Frage nach den eigenen WerkenBei der Frage, wie wohl ihre eigenen Werke am Ende ihres Lebens aussehen und wie sie schauspielerisch dargestellt werden würden, muss sie in sich gehen. Sie überlegt und kommt schließlich zu dem Schluss: „Ich stelle mir so eine Art Chamäleon vor.“ Ständig wechsele es die Farbe, passe sich an neue Aufgaben, neue Ziele und neue Herausforderungen an. Doch während sich Gegebenheiten ändern, bleibt klar: „Der innere Kern ist sehr fest. Sehr geerdet. Der folgt bestimmten Prinzipien.“
Die Wohnexpertin, mit der Millionen Fernsehzuschauer sie verbinden, gibt es für Wittler zwar noch – aber eben nur als eine von vielen Facetten. Vor 13 Jahren drehte sie ihre letzte Folge von „Einsatz in vier Wänden“, nachdem sie die Sendung zehn Jahre lang geprägt hatte. Statt Bekanntes fortzusetzen, entschied sie sich bewusst für neue Wege. „Ich hätte ja auch sagen können: Ich reite das Pferd weiter. Aber dann wäre ich heute, glaube ich, nicht so zufrieden und glücklich.“
Jedermann. Premiere am 12. August 2026; weitere Vorstellungen:
13.–16. August, Beginn um 20 Uhr, Open Air auf dem Marktplatz Weimar, Markt 20, 99423 Weimar
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