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Hallervorden singt, Merz schweigt: Warum der Osten für die CDU zum Schicksalsort wird

Дата публикации: 02-08-2026 06:13:28

Die CDU kämpft im Osten ums Überleben. Während ein 90-jähriger Kabarettist die Säle füllt, bleibt der Kanzler dem Wahlkampf fern. Manch einer atmet auf.

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Alles begann mit einem Lied über den Mond. Dieter Hallervorden, 90 Jahre alt, in Dessau geboren, stand dieser Tage mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze auf einer CDU-Bühne, das Format heißt „Kultur braucht Freiheit“.

Und irgendwann dann sang er einen Vers, der Bundeskanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius empfiehlt, ihre Kriege doch bitte auf dem Mond auszutragen. Das Publikum kam, der Saal war voll, für Dessau liegen rund 600 Anmeldungen vor.

Und die Bundes-CDU? Sie distanziert sich.

Der Anlass ist ein Standbild in einem Hintergrundvideo, auf dem ein Demonstrationsschild mit dem Schriftzug „Stoppt den Völkermord in Gaza“ zu sehen war. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann stellte daraufhin klar, für die CDU Deutschlands gebe es keinen Völkermord in Gaza, man stehe an der Seite Israels; Kunstfreiheit gelte, müsse aber mit deutlichem Widerspruch leben. Unklar ließ sie, ob sie dieses Prinzip adaptiert auch für  Bundes- und Außenpolitik akzeptiert. Man darf daran zweifeln.

Der sachsen-anhaltinische CDU-Landesverband jedenfalls konterte mit einem Satz, den man sich in Berlin einrahmen sollte: Man dürfe das Streiten nicht verlernen.

Die Landes-CDU stellte zudem klar, dass Hallervorden von sich aus auf Schulze zugekommen sei und seine Texte selbst verantworte – und dass politische Positionen der Partei sich aus Beschlüssen ergäben, nicht aus künstlerischen Beiträgen von Gästen.

Man kann das als Provinzposse lesen. Man kann es auch als Stilbild einer Partei sehen.

Denn der Vorgang ist präziser, als es scheint. In Magdeburg hat ein CDU-Ministerpräsident begriffen, dass Aufmerksamkeit im Jahr 2026 nicht mehr über Pressemitteilungen organisiert wird, sondern über Reibung. Er lässt einen 90-jährigen Kabarettisten singen, der ihn selbst nur halb unterstützt – Hallervorden sagte in Halle offen, auf Bundesebene würde er für Merz keine Werbung machen, bei Schulze sei das anders –, und nimmt in Kauf, dass die Bühne ihm nicht vollständig gehört.

Schulze formulierte es in Magdeburg selbst: Er wolle kein Land regieren, in dem alle nachsprechen, was er sagt, er wolle Gegenrede. Das ist, mit Verlaub, moderneres Politikverständnis, als es die Zentrale gerade vorführt.

In Berlin dagegen greift ein Reflex, der älter ist als jede Kommunikationsabteilung: Kontrolle. Ein Gast sagt etwas, das nicht Beschlusslage ist, also muss klargestellt werden. Dass die Klarstellung dem Auftritt erst die bundesweite Reichweite verschafft, die er sonst nie gehabt hätte, ist die Ironie des Vorgangs.

Und dass eine Partei, die im Osten um ihre Existenz als Volkspartei kämpft, ausgerechnet einem der wenigen prominenten Kulturschaffenden ins Wort fällt, der öffentlich dafür wirbt, das Kreuz bei CDU, SPD, FDP, Grünen oder Linken zu machen, um eine AfD-Regierung zu verhindern – gemeinsam mit Leuten wie Axel Prahl und Oliver Kalkofe –, ist mehr als ein Kommunikationsfehler. Es ist eine Selbstauskunft.

Der Streit um Hallervorden ist deshalb kein Kulturkonflikt. Er ist ein Machtkonflikt in Verkleidung. Die ostdeutschen Landesverbände experimentieren, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Die Zentrale korrigiert, weil sie es immer so gemacht hat. Beide reden über Meinungsfreiheit und meinen etwas anderes: nämlich die Frage, wer in dieser Partei noch definiert, was sagbar, zeigbar, wählbar ist.

Friedrich Merz und die Halbierung politischer Werte

Von hier führt eine gerade Linie zu einem Satz aus dem November 2018. Damals warb Friedrich Merz um den CDU-Vorsitz und versprach in Lübeck, die Union könne wieder bis zu 40 Prozent erreichen und die AfD halbieren – „Das geht!“

Gegenüber einer großen Boulevardzeitung formulierte er es nüchterner: kurzfristig bekomme man die AfD nicht weg, aber halbieren könne man sie. Bezugsgröße war faktisch das Bundestagswahlergebnis von 2017: 12,6 Prozent. Halbieren hieße also etwa 6,3 Prozent.

CDZ udn AfD: Wie sieht Merz' Zwischenbilanz aus?

Die Bilanz ist bekannt. 2021 kam die AfD auf 10,3 Prozent, bei der Bundestagswahl im Februar 2025 auf 20,8 Prozent – gut das Dreifache des rechnerischen Halbierungsziels. Die Union lag 2025 bei 28,6 Prozent und damit weiter unter ihrem Wert von 2017. Merz selbst hat den Satz 2023 kassiert und ihn zuletzt als Äußerung aus Oppositionszeiten eingeordnet.

Das ist ehrlich. Es ist auch das Eingeständnis eines strategischen Irrtums: Die Annahme, die AfD sei ein Protestphänomen, das sich durch schärferen Ton der Union abtragen lasse.

Der Osten wird für Merz und die CDU zum Schicksalsort

Im Osten ist diese Annahme flächendeckend widerlegt worden. In Thüringen legte die AfD gegenüber der letzten Wahl vor Merz' Versprechen um 22,2 Punkte auf 32,8 Prozent zu, in Sachsen um 20,9 auf 30,6 Prozent, in Brandenburg um 17,0 auf 29,2 Prozent.

Die CDU verlor in denselben Ländern zweistellig oder nahe daran. Für Sachsen-Anhalt zeigt eine aktuelle Infratest-dimap-Erhebung die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 24 – ein Vorsprung von 17 Punkten, SPD bei sieben, Grüne knapp an der Hürde. Man kann diese Zahlen nicht mehr mit Protest erklären. Protest ist volatil; das hier ist stabil.

Was hier wirkt, ist eine Kombination aus Vertrauensverlust, Repräsentationslücke und dem Eindruck permanenter Selbstbeschäftigung. Laut einer Befragung im Auftrag des Beamtenbunds dbb trauen nur noch 17 Prozent dem Staat zu, seine Aufgaben zu erfüllen.

Das eigentliche Probblem der CDU heißt nicht AfD

Wer diesen Wert liest und dann verfolgt, wie eine Bundesregierung wochenlang mit sich selbst beschäftigt ist, versteht, warum Wähler abwandern – laut Forsa-Daten gingen von den Unionsverlusten seit der Bundestagswahl 20 Prozent zur AfD, 39 Prozent ins Nichtwählerlager.

Damit zum eigentlichen Problem der CDU. Es heißt nicht AfD. Es heißt Friedrich Merz.

Selbst in der CDU hat man auf den Kanzler keine Lust mehr

Nach einer Insa-Erhebung sind 15 Prozent der Deutschen mit der Arbeit des Kanzlers zufrieden, 67 Prozent wären für einen Austausch. Der missglückte Regierungsumbau nach dem Rücktritt von Jens Spahn hat innerparteilich Spuren hinterlassen, die schwerer wiegen als Umfragen: Die CDU-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz sagte ein Treffen mit dem Kanzler ab, weil ein „Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung“ fehle.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer erklärte öffentlich, er habe die Ablösung der Staatsministerin Christiane Schenderlein „überhaupt nicht verstanden“.

In der Fraktionssitzung kritisierten rund 20 Abgeordnete den Kanzler, niemand verteidigte ihn. Ein prominenter Christdemokrat wird mit der Prognose zitiert, spätestens am 21. September – dem Montag nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern – werde Merz hinschmeißen müssen.

Friedrich Merz Absturz begann im Osten

War Merz einmal ein Mobilisierer im Osten? Ja. Er lag dort in Beliebtheitsrankings vor Angela Merkel, weil er Merkels Migrationskurs kritisierte und einen wirtschafts- und sozialpolitisch konservativeren Kurs versprach. Genau das ist heute das Problem: Das Versprechen ist eingelöst worden – als Rhetorik, nicht als Politik.

Ein CDU-Mann formuliert es so, dass ein Ostdeutscher erwarte, dass man Versprechen halte, „vielleicht noch etwas mehr als im Rest der Republik“.

Dazu kommen Fehler, die keine Zahlen sind, sondern Bilder: monatelange Antrittsbesuche in aller Welt ohne einen einzigen Termin im Osten, ein barsch unterbrochener Bürgerdialog in Salzwedel, der Satz auf einem Parteitag in Sachsen-Anhalt, er habe „das Glück“ gehabt, im Westen aufzuwachsen.

Friedrich Merz und das politische Sprachproblem

Merz verkörpert damit nicht den Neuanfang, den er 2018 versprochen hat, sondern die Rückkehr einer Sprache, die im Westen zu oft noch als  „Klartext“ gilt und im Osten fast immer als Belehrung ankommt. Die Konsequenz ist bemerkenswert: Die Landesverbände gehen auf Abstand.

Die für Ende August geplante Präsidiumsklausur in Magdeburg wurde auf Wunsch des Landesverbands abgesagt, dem Landesparteitag blieb der Kanzler fern. Wenn eine Partei ihren Vorsitzenden aus dem Wahlkampf heraushält, ist das keine Terminfrage. Das ist ein Misstrauensvotum mit Kalenderbegründung.

Die CDU unter Friedrich Merz in der Zwickmühle

Und wenn die Ergebnisse so ausfallen, wie die Umfragen es nahelegen? Dann gerät die CDU in eine Zange, aus der es keinen eleganten Ausweg gibt. Der Unvereinbarkeitsbeschluss schließt Koalitionen mit AfD und Linkspartei aus. Sollten SPD, Grüne und BSW an der Fünfprozenthürde scheitern, wäre in Magdeburg eine AfD-Alleinregierung rechnerisch möglich.

Jede denkbare Alternative – Duldung durch die Linke, thüringische Verhältnisse, kreative Formate – würde im Westen der Partei Verwerfungen auslösen, während im Osten einzelne Abgeordnete bereits durchblicken lassen, sie würden im Zweifel eher rechts als links aushelfen.

Führende Ost-CDU-Leute sprechen offen von der Sorge vor einer Spaltung ihrer Partei. Wer dann noch, wie aus der Sachsen-Anhalt-SPD vorgeschlagen, kurz vor der Wahl über eine Absenkung der Sperrklausel auf drei Prozent nachdenkt, liefert der AfD das Argument frei Haus: Wenn die Latte zu hoch hängt, wird sie eben tiefergelegt.

Damit sind wir bei der größeren Frage. Es geht 2026 nicht nur um drei Landtage und einen Kanzler. Es geht um die Statik einer Ordnung, die die alte Bundesrepublik bis 1990 getragen hat und das vereinte Deutschland danach lange weiter: zwei Volksparteien, zwei bis drei Korrektive, wechselnde Lager, aber stets eine belastbare Mitte.

Von dieser Statik ist im Osten wenig übrig. Die SPD kämpft in Sachsen-Anhalt um den Wiedereinzug, die Grünen zittern an der Hürde, die FDP ist dort seit Jahren keine Größe mehr, die Linke lebt von Restbeständen und Momentaufnahmen. Die CDU ist die letzte verbliebene große Partei im Osten – und sie liegt 17 Punkte zurück.

Wenn die Mitte nur noch durch Brandmauern zusammengehalten wird und nicht mehr durch Zustimmung, ist sie keine Mitte mehr, sondern eine Verteidigungsstellung. Verteidigungsstellungen kann man halten, gewinnen kann man mit ihnen nichts.

Die eigentliche Frage, die der 6. und der 20. September stellen, lautet deshalb nicht, ob Friedrich Merz Kanzler bleibt. Sie lautet, ob die etablierten Parteien noch ein Angebot haben, das über die Abwehr eines Gegners hinausgeht. Bislang liefert die Empirie darauf keine ermutigende Antwort: eine Partei, die ihren Vorsitzenden aus dem Wahlkampf herausbittet, ist keine Partei mit Programm, sondern eine mit Schadensbegrenzung.

Bleibt die Frage der Nachfolge, über die in Berlin bereits mit einer Offenheit geraunt wird, die man in der CDU sonst nur aus Nachrufen kennt. Genannt wird Hendrik Wüst. Genannt werden könnte auch jemand, der die entscheidenden Qualifikationen längst mitbringt: Er ist in Sachsen-Anhalt geboren, füllt dort Säle, hat keine Angst vor Widerspruch und hält Bühnen aus, auf denen es unbequem wird. Er nennt Merz beim Namen, ohne rot zu werden, und hat eine klare Vorstellung davon, wo Konflikte ausgetragen werden sollten – notfalls auf dem Mond.

Die CDU hätte ihn haben können. Sie hat sich stattdessen distanziert.

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