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INTERVIEW - «Der Zeitpunkt für ein gemeinsames Vorgehen gegen China wäre gut. Immer mehr Länder leiden unter dem chinesischen Wirtschaftsmodell»

Дата публикации: 31-07-2026 03:30:00

Ely Ratner, der unter Joe Biden im Verteidigungsministerium für den Indopazifik zuständig war, sagt, dass Chinas Schwächen besser ausgenutzt werden könnten.

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«Der Zeitpunkt für ein gemeinsames Vorgehen gegen China wäre gut. Immer mehr Länder leiden unter dem chinesischen Wirtschaftsmodell»

Ely Ratner, der unter Joe Biden im Verteidigungsministerium für den Indopazifik zuständig war, sagt, dass Chinas Schwächen besser ausgenutzt werden könnten.

Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping zeigt, wo es langgeht: Die Politik der Regierung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gegenüber China ist auffallend zurückhaltend.

Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping zeigt, wo es langgeht: Die Politik der Regierung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gegenüber China ist auffallend zurückhaltend.

Evan Vucci / Reuters

Herr Ratner, vor gut einem Jahr hat der amerikanische Präsident Donald Trump China den Handelskrieg erklärt. Als Peking mit eigenen Zöllen zurückschlug und den Export seltener Erden einstellte, ist Trump zurückgekrebst. China hat die erste Runde im Handelskrieg gewonnen. Wie konnte es so weit kommen?

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Die USA waren schlecht vorbereitet. Die Abhängigkeit bei seltenen Erden war seit langem bekannt – doch die Regierung Trump hatte keinen Plan dafür, was man machen würde, sollte China dieses Druckmittel einsetzen. Sie hat sich nicht mit andern Ländern abgestimmt. Schlimmer noch: Zugleich mit China hat sie viele andere Länder mit Zöllen eingedeckt. Dabei können die USA nicht allein gegen Chinas unfaire Handelspraktiken vorgehen. Dazu müssen wir mit Europa, mit Japan und anderen wichtigen Wirtschaftsnationen zusammenarbeiten. Und drittens hat sich die Trump-Regierung nicht überlegt, welche Schwächen Chinas sie ausnutzen könnte.

Was sind die grössten Schwächen Chinas?

Es gibt eine ganze Reihe. Zuerst denke ich an Chinas Abhängigkeit vom Dollar und von Halbleitern beziehungsweise Technologien zur Herstellung von Halbleitern. China ist ausserdem stark vom Import von Energieträgern abhängig – und seine exportorientierte Wirtschaft ist auf offene Absatzmärkte angewiesen.

Wie können wir diese Schwächen nutzen?

Es ist am effektivsten, Schwächen auszunutzen, die der Gegner selber identifiziert hat und zu beheben versucht. Der Partei- und Staatschef Xi Jinping versucht, einige dieser Schwachstellen anzugehen, zum Beispiel, indem er lokale Hightech-Industrien fördert. Man kann das als Beweis für Chinas Schwachstellen sehen. Wir sollten Chinas Ängste schüren.

Warum tun das die USA nicht konsequenter?

Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die amerikanische Politik lange darauf ausgelegt war, Chinas Verhalten durch Engagement zu beeinflussen. Die Idee, China zu konfrontieren und seine Schwachstellen auszunutzen, wurde als unnötig angesehen. Man schreckt vielleicht auch davor zurück, weil man das nicht als Fairplay betrachtet.

Halten sich andere Grossmächte ebenso zurück?

Selbstverständlich versuchen diese, die Schwächen ihrer Gegner auszunutzen. Historisch gesehen ist das im Wettbewerb zwischen Grossmächten ganz normal. China nutzt sehr systematisch die Schwächen der USA. Washington ist aber wieder einmal zu stark in anderen Weltgegenden abgelenkt, als dass es sich auf China fokussieren könnte.

Mit welchen Folgen?

Ich befürchte, dass die Regierung Trump von einem Wettbewerb mit China zu einem zunehmend unterwürfigen Verhalten übergegangen ist. Der chinesische Exportstopp bei den seltenen Erden hat einigen in der Regierung Trump einen gewaltigen Schock eingejagt. Sie scheinen zum Schluss gekommen zu sein: «Wir sind nicht bereit für einen harten Wettbewerb mit China.» Sie wollen eine Pause einlegen, China beschwichtigen, nach Vereinbarungen suchen bis die USA alternative Lieferketten aufgebaut haben.

Das leuchtet doch ein.

Ich halte das für falsch. Wir müssten zugleich unsere Resilienz stärken und alles tun, um China davon abzuhalten, Druckmittel wie die seltenen Erden gegen uns einzusetzen. Wenn die Trump-Regierung richtig vorbereitet gewesen wäre, hätte sie Peking im April 2025 signalisiert: «Wenn ihr den Export von seltenen Erden einschränkt, hat das Konsequenzen.» Aber ganz allgemein scheint China für die zweite Trump-Regierung weniger wichtig zu sein als für alle amerikanischen Regierungen der jüngeren Vergangenheit – selbst im Vergleich zu Trumps erster Amtszeit.

Die Verletzlichkeit westlicher Industrieländer in Sachen seltene Erden war spätestens seit 2012 bekannt, als China Ausfuhren nach Japan stoppte, um Druck auf Tokio zu machen. Ausser den Japanern selber scheint damals aber niemand die Lehren gezogen zu haben. Ist das heute anders?

Es ist sehr unglücklich, dass die andern westlichen Demokratien damals nicht gehandelt haben. Nun aber hat man diese Verletzlichkeit erkannt und arbeitet fieberhaft daran, sie zu verringern. Schnell wird das nicht gehen. Man müsste ausserdem darüber nachdenken, ob China den Westen in andern Bereichen in einen ähnlichen Würgegriff nehmen könnte. Ich sehe da zum Beispiel pharmazeutische Produkte.

Viele demokratische Staaten leiden unter Trumps Zöllen und unter den wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs. Warum sollten sie mit den USA zusammenarbeiten?

Trotz allen Spannungen: Wir haben immer noch viele gemeinsame Interessen. Wenn Europa sich nicht zusammenreisst und nicht mit den USA zusammenarbeitet, dann wird China mit seiner Industriepolitik eine Reihe von zukunftsträchtigen Industrien im Westen zerstören.

Aber die USA setzen demokratische Länder wirtschaftlich massiv unter Druck.

Wenn Länder weltweit – in Europa oder anderswo – den wirtschaftlichen Druck der USA als ebenso bedrohlich wahrnehmen wie den von China, dann werden sie kaum mit den USA zusammenarbeiten. Dass die Trump-Regierung in ihrer Wirtschaftspolitik nicht zwischen freundlich und feindlich gesinnten Ländern unterscheidet, ist ein Riesenfehler.

Weil es sich unter diesen Umständen niemand mit China verscherzen will?

Ja. Dabei wäre der Zeitpunkt für ein gemeinsames Vorgehen gut. Immer mehr Länder leiden unter dem chinesischen Wirtschaftsmodell – Entwicklungsländer wie Industrienationen. China setzt wirtschaftlich noch immer fast ausschliesslich auf Exporte. Andere Länder müssen diese chinesischen Produkte absorbieren. Es liegt im Interesse aller, dem chinesischen Vorgehen Einhalt zu gebieten und die eigene Souveränität, Wirtschaft und Industrie zu schützen.

Die Niederlande, Japan oder Taiwan spielen eine unersetzliche Rolle bei der Herstellung von Hochleistungshalbleitern. Doch die Trump-Regierung wollte Nichtamerikaner von der Nutzung der besten KI-Modelle ausschliessen, die mit diesen Halbleitern laufen. Warum sollte man die USA unterstützen, wenn man vom Resultat nichts hat?

Wir brauchen eine neue Basis für die Beziehungen mit unseren Alliierten. Eine, in der alle Seiten einen Nutzen sehen. Trump hat das untergraben, und viele Verbündete fragen sich, ob eine wirtschaftliche oder sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den USA für sie noch vorteilhaft ist. Ich denke aber, das kann behoben werden. Ich sehe Möglichkeiten für neue, kreative Formen der Zusammenarbeit, sobald wir die Ära Donald Trump hinter uns gelassen haben.

Es wird sich also nichts ändern, solange Donald Trump Präsident ist?

Das hängt vom Resultat der Zwischenwahlen im November ab. Wenn Trump-nahe Politiker schlecht abschneiden, werden sich andere Republikaner im Kongress stärker von der Regierung distanzieren. Sie werden Druck machen für einen China-kritischeren Kurs. Das Gleiche kann man von Demokraten erwarten, insbesondere von potenziellen Präsidentschaftskandidaten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Trump-Regierung gegenüber China künftig einen härteren Kurs einschlägt, etwa wieder Ausfuhrrestriktionen einführt oder zusätzliche Waffen an Taiwan verkauft.

China reagiert sehr sensibel auf Kritik, etwa wenn es um Menschenrechte geht oder wenn sich jemand für Taiwan einsetzt. Kann diese Empfindlichkeit gegen Peking verwendet werden?

China setzt alles daran, das Narrativ seiner eigenen Macht und seines Aufstiegs zu kontrollieren. Es versucht, seine künftige Vorherrschaft als unvermeidlich darzustellen. Das hat einen enormen Einfluss auf das Verhalten von Personen und Regierungen weltweit. Doch dieses Narrativ basiert oft auf Lügen und Unwahrheiten.

Wie entgegnet man dem?

Chinas Lügen müssen mit der Wahrheit gekontert werden. Die demokratische Welt widmet der Bekämpfung von Chinas Einflussnahme nicht genügend Aufmerksamkeit. Radio Free Asia war ein solches Instrument im Arsenal der USA – aber die Trump-Regierung hat dem Sender die Gelder entzogen. Dem Wettbewerb der Narrative wird als Teil des strategischen Wettbewerbs viel zu wenig Gewicht beigemessen. Das war schon bei früheren amerikanischen Regierungen so.

Muss Tiktok verboten werden?

Es geht nicht um eine einzelne Plattform, sondern um den chinesischen Einfluss in den amerikanischen Medien und den sozialen Netzwerken im Allgemeinen. Wir müssen viel mehr dagegen unternehmen, dass diese nicht zu Instrumenten der Kommunistischen Partei Chinas werden.

Was will die Trump-Regierung von China?

Das kommt darauf an, wen Sie fragen. Unterschiedliche Personen in der Regierung verfolgen unterschiedliche Ziele. Es gibt eine Gruppe, die in China vor allem wirtschaftliche Opportunitäten sieht. Für den Präsidenten selber ist seine persönliche Beziehung zu Xi Jinping ein wichtiger Faktor. Dann gibt es die, die sich wünschen, dass China die USA in Ruhe lässt. Es fällt auf, dass es in der Regierung Trump praktisch keine Abstimmung gibt.

Was bedeutet das?

Das Resultat davon ist, dass es keine einheitliche China-Strategie gibt. Und dass sich gewisse Aktionen widersprechen. So werden in der Handelspolitik Entscheide getroffen, die der Sicherheitspolitik schaden. Die Zölle gegen Alliierte sind so ein Fall.

Zur Person

PD

Amerikanischer Politologe

paz. · Ely Ratner ist ein führender Experte der Marathon Initiative, einer überparteilichen Denkfabrik in Washington, die Strategien mit Blick auf den langfristigen Wettbewerb der Grossmächte entwickelt. Von 2021 bis 2025 war er im amerikanischen Verteidigungsministerium der Regierung von Joe Biden für den Indopazifik zuständig. Von 2015 bis 2017 war er stellvertretender Berater für nationale Sicherheit in Joe Bidens Zeit als Vizepräsident. Davor arbeitete er im Aussenministerium in der Abteilung, die für China und die Mongolei zuständig war.

Hans-Günther Vieweg

31.07.2026

2 Empfehlungen

Jahrzehntelang hat der Westen seinen Wohlstand im Handel mit China ausgebaut. Der Mehrwert aus dem internationalen Handel mit der Volksrepublik ging vor allem in eine Erhöhung des privaten Konsums. China hat den Mehrwert aus dem internationalen Handel vor allem in Innovationen und Investitionen gesteckt. Dies generelle Muster der außenwirtschaftlichen Beziehungen kann ich nicht als unfair ansehen.

So gesehen ist der „Iran-Krieg“ eigentlich ein Wirtschaftskrieg gegen China.

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