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Neue Bücher: Wohltemperierte Träume in Süditalien

Дата публикации: 30-07-2026 06:00:00




Das Bezeichnendste an Bernhard, diesem notorischen Antihelden in Hans-Ulrich Treichels jüngstem Roman, ist seine sich auferlegte Zurückhaltung: Er will niemandem zu nahe kommen. Bloß keinen bedrängen, in Verlegenheit bringen, aus der Reserve locken!



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Neue Bücher Wohltemperierte Träume in Süditalien

Saarbrücken · Das Bezeichnendste an Bernhard, diesem notorischen Antihelden in Hans-Ulrich Treichels jüngstem Roman, ist seine sich auferlegte Zurückhaltung: Er will niemandem zu nahe kommen. Bloß keinen bedrängen, in Verlegenheit bringen, aus der Reserve locken!

Autor Hans-Ulrich Treichel.  Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp

Autor Hans-Ulrich Treichel. Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp

Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag/HEIKE STEINWEG

Entsprechend gedämpft geht dieser Bernhard dann auch durchs Leben. Seine Behutsam- und Genügsamkeit schützt ihn vor heftigen Gefühlsausschlägen. Bernhards Lebenspuls schlägt gemächlich.

Dass er mit fast 70 von seiner Frau nach 30 Jahren Ehe verlassen worden ist, muss einen nicht wundern. Wir erfahren die Gründe zwar nicht. Wundern würde es einen aber nicht, wäre sie von seiner amplitudenlosen Beständigkeit gelangweilt gewesen. Bernhard weiß sich allerdings auch im Alleinsein einzurichten. Die ersten Jahre nach seiner Pensionierung als Fachhochschulprofessor vergehen erwartbar ohne besondere Vorkommnisse. So recht will ihm nicht einfallen, was denn nun „sein selbstbestimmtes Leben“ ausmachen soll. Aber das Leben vergeht glücklicherweise ja auch ohne große Ideen.

Mit Häme und Feingefühl zugleich

Hans-Ulrich Treichel (74) hatte schon immer ein Faible für Figuren an der Schnittstelle zwischen Hinz & Kunz und Sonderling. Ein knappes Vierteljahrhundert lehrte er als Professor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig angehende Autoren das Schreiben und verfügt naturgemäß über die nötige erzählerische Finesse, die es braucht, um einer Figur wie Bernhard in einer Melange aus Häme und Feingefühl auf den Pelz zu rücken.

Im ersten Teil des Romans führt uns Treichel zu Bernhards beruflichen Anfängen zurück, als er im süditalienischen Salerno zwei Jahre lang als Lektor für Wirtschaftsdeutsch anheuerte, um die Zeit bis zur Übernahme einer Wissenschaftlerstelle an der FU Berlin sinnvoll zu überbrücken. Treichel lässt diese frühen Jahre beschaulich dahinplätschern. Legt dabei jedoch schon all die Fährten aus, die im zweiten Teil – gut vier Dekaden später – dann wieder aufleben. Ganz so, als finde der Roman sein Thema in der ewigen, wenn auch leicht variierten Wiederkehr des Gleichen.

Das Karussell: Metapher für den Gleichlauf

Auch das titelgebende Karussell, das sich unschwer als Metapher für den Gleichlauf des Lebens im Zeichen des ewigen Wechselspiels von Anziehungs- und Trägheitskräften lesen lässt, taucht in diesem ersten Teil bereits auf. Damals aber ist es noch eingemottet in einer Halle neben dem Strandbad eingelagert, in dem Alfredo, ein Sprachschüler Bernhards und lange Zeit dessen einziger Bekannter in Salerno, seinem Vater zur Hand geht.

Gemächlich spielt Treichel auf der Vergegenwärtigungsklaviatur süditalienischen Strandlebens, gepaart mit nett zu lesenden Exkursen auf die diversen italienischen Spielarten, Bürokratie und Mauschelei miteinander zu versöhnen. Ehe das Ganze vollends in Biedermännische abrutscht, lässt dann eine Frau Bernhards Herz höher schlagen: Arianna, die als angehende Bauingenieurin das Karussell wieder flottmachen will. Treichel wäre nicht Treichel, wenn er die aufkeimenden Gefühle Bernhards nicht erst mal ins Leere laufen ließe.

An der Grenze zum Märchenonkelhaften

Exakt auf halber Romanstrecke beginnt dann der zweite Teil, der den beschaulich in Willmersdorf lebenden „anthropofugalen“, menschenflüchtigen Pensionär noch einmal nach Salerno führt, um seinen alten Freund Alfredo in dem alten, an einer Ausfallstraße gelegenen Strandbad zu besuchen. Dass eben jenes Karussell nun ins Laufen gebracht werden soll und Bernhard Arianna wiedersehen und eine zweite Chance erhalten wird, sind dann, wenig überraschend, die erzählerisch an der Grenze zum Märchenonkelhaften ausstaffierten Höhepunkte in diesem wiewohl gefälligen, jedoch auch allzu wohltemperierten Roman.

„Das Vergangene verging nicht. Zumindest so lange man lebte. Das Entgangene offenbar auch nicht“, heißt es gegen Ende dieses routinierten Alterswerks, das dann doch auf sympathische Weise vor Augen führt, dass der Gleichlauf der Dinge für eine entspannte Gleichgültigkeit sorgt, die wiederum ganz nach dem Geschmack einer so verhaltenen Natur wie Bernhard ist, die selbst ihre Melancholie noch zu dosieren weiß. (jos)

Hans-Ulrich Treichel: Das Karussell. Suhrkamp, 204 Seiten, 25 Euro

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