Er gilt als Meister des Gegenpressings. Dieses Bild von Jürgen Klopps Spielstil ist oft veraltet. Warum der designierte Bundestrainer längst flexibler agiert.
Er gilt als Meister des Gegenpressings. Dieses Bild von Jürgen Klopps Spielstil ist oft veraltet. Unser Taktik-Experte erklärt, warum der designierte Bundestrainer längst viel flexibler agiert.
Eventuell war das frühe deutsche Ausscheiden bei dieser WM ein Glück im Unglück. Denn die Schmach von Foxborough hat den DFB dazu gezwungen, einen unmittelbaren Trainerwechsel vorzunehmen. Auf Julian Nagelsmann soll nun Jürgen Klopp folgen. Rund 20 Jahre nach dessen großem Durchbruch als Fußballerklärer und charmanter Strahlemann genießt der Schwabe weiterhin ein hohes Ansehen hierzulande wie auch international.
Gemeinhin wird Klopp seit seiner erfolgreichen Zeit bei Borussia Dortmund mit dem Schlagwort „Heavy-Metal-Fußball“ in Verbindung gebracht. Er selbst präferiert auch für gewöhnlich einen vertikalen Fußball mit Gegenpressing und hohem Tempo, hat jedoch in den vergangenen Jahren immer wieder zugegeben, dass er den Spielstil seines Teams anpassen musste. Insofern existiert teilweise bis heute ein falsches Bild von Klopps Fußball.
Aber der Reihe nach: Nach seinem Start bei Borussia Dortmund im Jahr 2008 und einer Phase der Aufbauarbeit mit einem damals mittelmäßigen Team entwickelte Klopp den BVB zu dieser fast schon sagenumwobenen Gegenpressing-Maschine.
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Klopps Verständnis damals war, dass Gegenpressing der beste Spielmacher wäre, weil der Ball dadurch schneller zu den Angreifern gelangen würde, als das eine klassische Nummer zehn jemals bewerkstelligen könnte.
Unter Gegenpressing versteht man das schnelle Attackieren nach Ballverlusten – teilweise sogar eingeplanten Ballverlusten infolge von langen Bällen. Der Gegner befindet sich in diesen Situationen im Angriff, einige Spieler rücken auf. Wird der Ball dann zurückgewonnen, ergeben sich im besten Fall offene Wege in Richtung Strafraum.
Natürlich erfand Klopp das Gegenpressing nicht. Er war auch nicht der Erste, der dieses erfolgreich einsetzte. Aber er machte es auf seine Weise im Mainstream bekannt. Für eine Weile nutzten selbst die Engländer den deutschen Begriff „Gegenpressing“ als Bezeichnung, bevor sich dann „counter-pressing“ etablierte.
Schon beim BVB war es zuweilen so, dass die Gegner darauf bedacht waren, das Gegenpressing zu umgehen, indem sie den Ball sehr schnell nach vorn schlugen und somit der Gefahr aus dem Weg gingen.
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Klopp verglich dies als Liverpooler Cheftrainer später mit einem Hund, dem man das liebste Spielzeug wegnehmen würde. Der Hund möchte unbedingt damit spielen, lernt aber mit der Zeit, dass auch andere Spielzuge Spaß machen könnten. So ähnlich war es sowohl mit Dortmund als auch Liverpool.
Gerade an der Anfield Road durchlief Klopp eine gewisse Transformation. Bis zum Abschluss der Saison 2017/18, die für Liverpool mit einer Niederlage im Champions-League-Finale endete, waren die „Reds“ weiterhin dieses vertikale und Gegenpressing-lastige Team. Es wurde schnell nach vorn gespielt und schnell auf den Gegner gepresst. In der Premier League hatte Liverpool 2017/18 die meisten Balleroberungen und auch die meisten vertikalen Angriffe.
Jedoch änderte sich in der darauffolgenden Zeit etwas. Klopp erkannte, dass immer mehr Teams mit langen Bällen das Gegenpressing umgingen. Oder sich aber so weit zurückzogen, dass vertikale Angriffe nicht mehr so leicht ausführbar waren.
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Die Premier League hing in den 2010ern noch ein Stück in alten Mustern – einst war sie von großen Räumen und weitgezogenen Formationen geprägt. Der Zuwachs an ausländischen Trainern und auch die zunehmende Erkenntnis, dass Teams wie Liverpool oder Manchester City mit ihrem Pressing vielen enorm zusetzen konnten, führte zu einem Umdenken.
Klopp zeigte ab 2018/19 eine neuerliche Flexibilität, die ihm zum Dortmunder Ende etwas abgegangen war und seine letzte BVB-Spielzeit zu einem mittelgroßen Desaster hatte verkommen lassen. 2014/15 standen die Schwarzgelben zwischenzeitlich auf einem Abstiegsrang.
Bei Liverpool fräste Klopp etwas an den vormaligen Idealen und wollte mehr Variabilität. Er ging zeitweilig sogar vom 4-3-3 weg, welches sich bei den Reds unter seiner Führung etabliert hatte. In manchen Spielen setzte er mehr auf das Passspiel durch die Mitte, in anderen Partien ging es verstärkt über die Flügel, wenn sich dort Vorteile ergaben.
Auch personell veränderte Liverpool ein wenig den Ansatz. Für eine Weile bestand das Mittelfeld vor allem aus pressingstarken Spielern wie James Milner, Jordan Henderson und Georginio Wijnaldum.
Für 2018/19 holten die Reds mit Naby Keïta einen weiteren Pressingspezialisten, aber auch nach und nach Kräfte wie Xherdan Shaqiri und Thiago Alcântara, die für die Ballzirkulation wichtig waren.
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Zugleich gewannen die Abräumertypen an Gewicht innerhalb des Systems. Fabinho als Anker vor der Abwehr und Virgil van Dijk als zeitweilig bester Defensivzweikämpfer der Welt entschieden Partien auf ihre Weise.
Liverpool hatte teils langsameren Ballbesitz und stand hoch aufgerückt. Griff das Gegenpressing dann nicht, dann packten Fabinho, van Dijk oder auch der agile Torhüter Alisson Becker weiter hinten zu.
Zwischen den drei Champions-League-Finalteilnahmen 2018, 2019 und 2022 unterschied sich das Team doch in einigen taktischen Punkten. Das heißt jedoch nicht, dass Klopp nicht weiter vertikalen Fußball von seinem Team sehen möchte. Wenn sich die Möglichkeiten ergeben und er die Spieler dafür hat, bleibt dieser Ansatz sein bevorzugter.
Aber Klopp ist bei weitem nicht mehr stur auf die eine Art von Fußball fokussiert. Er hat seine Lehren aus all den Jahren gezogen. Das Credo der relativen taktischen Flexibilität wird er gewiss auch bei der deutschen Nationalmannschaft im Hinterkopf behalten.
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