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Frankreich kultiviert WM-Stars, wir sortieren Charaktere aus

Дата публикации: 14-07-2026 10:34:00

„Wir bilden einfach zu schlecht aus”, sagt Frankfurt-Sportchef Markus Krösche über die Lage im deutschen Fußball. Die mit Stars gespickten Franzosen machen es anders. Eine Analyse.

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„Wir bilden einfach zu schlecht aus”, sagt Frankfurt-Sportchef Markus Krösche über die Lage im deutschen Fußball. Die mit Stars gespickten Franzosen machen es anders. Eine Analyse.

„Wir bilden einfach zu schlecht aus.“ Frankfurts Sportchef Markus Krösche brachte schon im Februar auf den Punkt, worüber im deutschen Fußball seit Jahren diskutiert wird – und was das frühe WM-Ausscheiden jetzt schonungslos offengelegt hat. Nicht nur die Nationalelf steckt vor der Ära Jürgen Klopp in der Krise. Vor allem die Nachwuchsarbeit des DFB hat den Anschluss an die Weltspitze verloren.

Der Blick auf Frankreich macht die Probleme sehr deutlich. Klar, Deutschland hat Florian Wirtz. Auch Jamal Musiala kann die Zukunft gehören, sobald die Nachwirkungen seiner schlimmen Verletzung restlos der Vergangenheit angehören. Aber wie Krösche traf auch Toni Kroos kürzlich den Nagel auf den Kopf: „Wir haben Spieler mit Weltklasse-Potenzial, aktuell aber keinen einzigen Weltklasse-Spieler.“ Frankreich schon – zuhauf.

Hinter den Französischen Topstars steckt ein System

Während sich Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé oder Dayot Upamecano auf ihrem Karriere-Peak befinden, sind auch Michael Olise, Bradley Barcola oder Désiré Doué keine Zufallsprodukte. Hinter diesen Topstars steckt ein französisches System, das Talente nicht nur entdeckt, sondern ihnen auch erlaubt, außergewöhnlich zu bleiben.

Deutschland hingegen hat sich lange in vermeintlicher Perfektion eingenistet. Nach dem WM-Titel 2014 war der Respekt groß. Die letzte goldene Generation um Mesut Özil, Mats Hummels, Sami Khedira und Co., die 2009 die U21-EM gewonnen hatte, sorgte fünf Jahre später für den großen Coup. Deutschlands NLZs galten als Vorbild, moderne Übungsmethoden als Garant für Erfolg. Doch der Vorsprung schmolz dahin.

Über Jahre wurde der Nachwuchs auf Sicherheit und Fehlervermeidung getrimmt. Trainer standen unter Druck, Spiele und Meisterschaften zu gewinnen. Also setzten sie auf taktische Disziplin, körperliche Robustheit und funktionierende Abläufe.

Viele deutsche Talente wirken hervorragend ausgebildet, aber oft austauschbar

Was verloren ging, waren die Eigenschaften, die auf höchstem Niveau den Unterschied machen: Mut, Kreativität, Eigenverantwortung, Eins-gegen-eins. Siehe Frankreich. Wie lässig und zugleich effektiv Olise mit dem Ball umgeht, sucht seinesgleichen.

CHICAGO, ILLINOIS - JUNE 05: Lennart Karl of Germany looks on during a Team Germany Training session at Soldier Field on June 05, 2026 in Chicago, Illinois. Germany will face the United States in an international friendly match on June 6, 2026.   Alexander Hassenstein/Getty Images/AFP (Photo by ALEXANDER HASSENSTEIN / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / Getty Images via AFP)

DFB-Talent Lennart Karl ALEXANDER HASSENSTEIN | 2026 Getty Images

Sein Bayern-Kollege Lennart Karl musste aus deutscher Sicht leider vor WM-Start die Heimreise antreten. Der 18-Jährige ist eher dank der Campusarbeit des FC Bayern schon so gut – nicht dank des DFB. Viele Talente wirken hervorragend ausgebildet, aber oft austauschbar.

Der deutsche Fußball hat die Individualisten glattgeschliffen

Technisch sauber, taktisch diszipliniert, athletisch stark. Doch der geniale Dribbler oder der unberechenbare Straßenfußballer sind seltener geworden. Der deutsche Fußball hat seine Individualisten vielerorts glattgeschliffen.

Laut Marcell Jansen ist das fatal. „Die Intensität ist in der Jugend viel zu gering“, sagte der Hamburger Ex-Nationalspieler bei Sport1. Im NLZ habe man viel zu lange „in Schablonen gedacht“. Es brauche mehr offensive Zweikämpfe und Spieler, die Druck standhalten.

Jansen: Unbequeme Charaktere dürfen nicht aussortiert werden

Motto: nicht bloß Technik oder Taktik. Auch Mentalität. „Leistung muss zugelassen werden“, meint Jansen.

Unbequeme Charaktere dürften nicht aussortiert werden – sie müssten gefördert werden.

Was die Franzosen anders machen

Da setzt der Vergleich mit Frankreich an. Während Deutschland seine Talente früh voll in die Klubakademien integriert, geht der französische Verband seit Jahrzehnten andere Wege.

Dank des berühmten Leistungszentrums Clairefontaine werden die besten Youngster einer Region zunächst zentral ausgebildet.

Frankreich und der X-Faktor Straßenfußball

Im Fokus stehen Technik und Persönlichkeitsentwicklung – beinahe losgelöst vom Ergebnisdruck der Vereine. Erst später wechseln die Spieler in die Akademien. Hinzu kommt etwas, das sich kaum verordnen lässt: der Straßenfußball.

«Nicht aufzuhalten»: Pressestimmen zum Frankreich-Erfolg

Jubelnde Franzosen bei der WM Tom Weller/dpa

In den Pariser Vororten, den Banlieues, entsteht außergewöhnliches Talent oft auf Betonplätzen und in engen Fußballkäfigen. Wer da bestehen will, braucht Kreativität, Mut und Robustheit. In Frankreich will man diese Eigenheiten nicht abtrainieren. Vielmehr werden die Diamanten taktisch geschult, ohne ihnen Unberechenbarkeit zu nehmen.

Spanien: Ballgefühl, Technik und Spielfreude im Kindesalter als Schwerpunkt

Auch Spanien verfolgt seit Dekaden eine klare Philosophie. Dort bilden Ballgefühl, Technik und Spielfreude im Kindesalter den Schwerpunkt. Vor allem aber erhalten außergewöhnliche Talente früh Vertrauen. Barça-Topstar Lamine Yamal etwa sammelte bereits als Teenager Erfahrung auf Spitzen-Niveau.

Beim DFB ist eigentlich längst angekommen, dass ein Kurswechsel nötig ist. Unter Nachwuchsleiter Hannes Wolf wurde die Trainingsphilosophie reformiert. Kleine Spielformen, mehr Ballkontakte, mehr Entscheidungen und mehr Zweikämpfe sollen die individuelle Entwicklung stärken.

Spaniens Lamine Yamal (2.v.l.) am Ball

Spaniens Lamine Yamal (2.v.l.) am Ball AP Photo/Erik S.Lesser

Auch dieser Ansatz ist nicht neu. Es wird selbst in den Profiklubs gezielt umgesetzt. HSV-Vorständin Kathleen Krüger sagte bei ihrer Vorstellung: „Am Ende schaffen es einzelne Spieler nach oben, nicht die ganze Mannschaft. Das Thema Individualisierung ist ganz wichtig.“ Das sieht Wolf genauso.

Der Ex-HSV-Trainer weiß aber, dass die Reformen Zeit brauchen. Wer erst seit zwei Jahren nach neuen Prinzipien trainiert, kann nicht heute die Nationalelf tragen. Zudem muss der DFB in einem föderalen System die Vereine und Landesverbände überzeugen, statt Vorgaben einfach durchzusetzen. Dadurch ging viel Zeit verloren.

Gibt es einen Kulturwandel mit Jürgen Klopp?

Bald-Bundestrainer Klopp will deshalb anpacken. Bereits „ab der U10“ müsse strukturell alles hinterfragt werden. Klopp fordert mehr Intensität, Mut und eine Ausbildung, die Spieler nicht nur taktisch formt, sondern ihnen erlaubt, ihre Stärken zu entwickeln.

„Es ist offensichtlich nicht so, dass wir die besten Spieler der Welt haben und davon noch 200 in der Hinterhand“, weiß der 59-Jährige. „Das hat unglaublich viele Gründe. Es ist nicht nur die Ausbildung, aber auch die Ausbildung.“

Der DFB braucht mehr Individualisten statt Schablonenspieler

Klopps Job geht weit über die A-Nationalelf hinaus. Er soll nicht nur ein einziges Team umbauen, er soll einen Kulturwandel anstoßen. Ein neues Weltklasse-Ensemble entsteht nicht bis zur EM 2028. Die Teenager, die nach neuen Prinzipien lernen, können vielleicht erst in acht Jahren einen Turnier-Kader prägen.

Die WM war ein Weckruf. Wenn Deutschland wieder um Titel spielen will, reicht ein Trainer-Wechsel nicht. Der DFB muss Talente entwickeln, die Mut zum Risiko haben und Spiele im Alleingang entscheiden können. Erst, wenn wieder mehr Individualisten statt Schablonenspieler ausgebildet werden, kann aus dem Scherbenhaufen eine neue Gold-Generation werden. Klopps Mission beginnt bald.

Von Tim Meinke

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