Ist ein Versuch im Jahr 2008 noch gescheitert, hat es 2026 geklappt: Die Waldsiedlung in Berlin-Zehlendorf ist in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen worden. Das hat das Unesco-Welterbekomitee im südkoreanischen Busan beschlossen.
Berliner "Papageiensiedlung" Waldsiedlung in Zehlendorf ist jetzt Unesco-Welterbe
Die Waldsiedlung in Berlin-Zehlendorf ist in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen worden. Das teilte das Unesco-Welterbekomitee am Sonntag im südkoreanischen Busan mit.
Bereits seit Mitte Juli berät das Komitee über Neuaufnahmen aus aller Welt in die Liste des Kultur- und Naturerbes. Jetzt hat es die einzige Nominierung aus Deutschland geschafft und erweitert die seit 2008 bestehende Welterbestätte "Siedlungen der Berliner Moderne".
Früher umstritten, heute ein Vorbild
Erbaut wurde die Waldsiedlung Zehlendorf von 1926 bis 1932 unter der federführenden Planung von Architekt Bruno Taut gemeinsam mit Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg. Die Gebäude im Bauhaus-Stil lösten während ihrer Entstehung heftige Widerstände innerhalb politisch konservativer Kreise aus.
Heute gilt das Konzept allerdings unbestritten als wegweisend: Unter dem Leitmotiv "Licht, Luft und Sonne" stellt die Waldsiedlung die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen während einer Zeit in den Mittelpunkt, als dies noch kaum üblich war. Bruno Tauts Vision verbindet moderne, offene Architektur in einem von Grünflächen und Bäumen geprägten Umfeld.
Eine Besonderheit der Waldsiedlung ist, dass sie flächenmäßig die größte aller Siedlungen der Berliner Moderne ist. Inmitten der Waldsiedlung befindet sich auch die Ladenstraße im U-Bahnhof Onkel Toms Hütte - das revolutionäre Konzept, ein Einkaufszentrum direkt an einen Bahnhof anzubinden, war damals weltweit einmalig.
Hinzu kommen die bunten Wände - gelbe, blaue, grüne oder bordeauxrote Fassaden, dreifarbige Fensterrahmen, farbenfrohe Eingangstüren -, die der Waldsiedlung auch den Spitznamen Papageiensiedlung verliehen haben. Etliche Prominente haben einst in der Siedlung gewohnt, darunter der Schauspieler Theo Lingen und der SPD-Politiker und Nazi-Gegner Julius Leber.
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Rot, Weiß, Grün, Gelb – die Waldsiedlung Zehlendorf wurde zunächst als "Papageiensiedlung" belächelt. Jetzt ist sie als Stätte in die Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt aufgenommen worden.
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Im Berlin der 1920er Jahre ist Wohnraum knapp. Sozialdemokrat Martin Wagner und sein Freund und Architekt Bruno Taut möchten Arbeiterfamilien bessere Lebensbedingungen ermöglichen. Ein Projekt, das sie im Kopf haben, liegt im Berliner Südwesten.
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Zu dieser Zeit gibt es hier noch große unbebaute Waldflächen. Vor allem das Gelände am späteren U-Bahnhof Onkel Toms Hütte (Eröffnung 1929) bietet genügend Platz für eine neue Wohnsiedlung. Doch die Pläne von Wagner und Taut stoßen im von Villen geprägten Zehlendorf auf heftigen Widerstand. Um das Projekt voranzutreiben, beginnen die Bauarbeiten 1926 bereits, obwohl das Genehmigungsverfahren noch nicht abgeschlossen ist.
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Um Siedlungen bezahlbar zu machen, sind während der Wirtschaftskrise pragmatische Lösungen gefragt: Zunächst hatten Martin Wagner, auch Baustadtrat, und Gewerkschafter August Ellinger 1924 die Gemeinnützige Heimstätten AG (Gehag) gegründet.
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Um die Bauarbeiten in Zehlendorf effizient zu gestalten, werden Bauteile standardisiert. Dadurch können sie in Serie produziert werden. Die Gebäude sind schlicht. Bruno Taut (1880-1938) ist ein Vertreter des Neuen Bauens. Er sorgt auch dafür, dass die Reihenhäuser nicht monoton werden. Dazu greift der vom Expressionismus beeinflusste Architekt in den Farbtopf. Besonders mag er die Farbe Blau.
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Gemeinsam mit Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg plant Bruno Taut die Waldsiedlung. Zwischen 1926 und 1932 entstehen dort knapp 2.000 Wohneinheiten – rund 1.100 Wohnungen sowie etwa 800 Reihen- und Einfamilienhäuser. Für die damalige Zeit außergewöhnlich: Jede Wohnung verfügt über ein eigenes Bad und eine eigene Toilette.
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Gleichzeitig geben die Architekten mit ihrer Farbgestaltung jedem Haus seinen eigenen Charakter. Sie betonen einzelne Elemente der Gebäude.
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Der bereits existierende Baumbestand aus Kiefern wird in die Anlage miteinbezogen. Große Fenster lassen Licht ins Innere der Gebäude. Damit machen Bruno Taut und seine Kollegen den sozialen Reformwohnungsbau attraktiv.
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Zudem wird die neue Siedlung an das Berliner U-Bahnnetz angebunden. Am 22. Dezember 1929 eröffnet der U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. In die von Alfred Grenander entworfene Bahnhofsanlage sind Ladenpassagen integriert – die Bewohner können dort ihre täglichen Einkäufe erledigen.
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1931 ist die Großsiedlung weitgehend fertiggestellt. Allerdings funktioniert nicht ganz, was sich Taut und Wagner vorgenommen haben: Aufgrund gestiegener Grundstückspreise können sich viele Arbeiterfamilien die Wohnungen nicht leisten sind - vor allem für Familien des unteren Mittelstands sind die Mieten erschwinglich [berliner-mieterverein.de]. Dennoch bleiben sie vergleichsweise günstig.
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Den Zweiten Weltkrieg übersteht die Waldsiedlung weitgehend unbeschadet. Da sie am Stadtrand liegt und kein militärisches Ziel ist, bleibt sie von größeren Zerstörungen verschont. Seit 1995 steht die Anlage unter Denkmalschutz. In den letzten zwei Jahrzehnten gibt es mehrere Besitzerwechsel. Heute gehört der größte Teil der Siedlung dem Immobilienunternehmen Vonovia - ein Teil befindet sich in Privatbesitz.
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Die Waldsiedlung wurde nun als siebte "Siedlung der Berliner Moderne" anerkannt. Seit 2008 gehören bereits sechs Siedlungen zum Welterbe: die Hufeisensiedlung, die Wohnstadt Carl Legien, die Gartenstadt Falkenberg, die Siedlung Schillerpark, die Weiße Stadt und die Großsiedlung Siemensstadt.
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"Ganz eigene Facette"
"Mit ihrer einzigartigen Verbindung von Architektur, Waldlandschaft und urbaner Infrastruktur erweitert die Waldsiedlung Zehlendorf das bestehende Welterbe um eine ganz eigene Facette", sagte die deutsche Unesco-Botschafterin Kerstin Pürschel über die Entscheidung in Busan.
Es handelt sich um keinen neuen Eintrag in die Welterbeliste, sondern eine Erweiterung des bereits 2008 anerkannten Welterbestätte "Siedlungen der Berliner Moderne". Zu dieser zählen nun insgesamt sieden Siedlungen, darunter die bekannte Hufeisensiedlung im Bezirk Neukölln und die Weiße Siedlung in Reinickendorf.
Erste Bewerbung scheiterte
Bereits vor 18 Jahren hatte sich das Viertel nebst anderen Siedlungen in Berlin beworben, aber vergeblich. Wegen des schlechten Zustands vieler Fassaden erhielt die Waldsiedlung 2008 nicht mit den sechs anderen Berliner Siedlungen der Moderne Welterbestatus. Renovierungsarbeiten in der Folgezeit ermöglichten jedoch eine Nachnominierung. "Die Eintragung als Unesco-Welterbe ist eine Würdigung des langjährigen Engagements der Bewohnerinnen und Bewohner für ihre Siedlung", sagte der Berliner Landeskonservator Christoph Rauhut.
Die Welterbeliste gibt es seit 1978. Für die Ausführung der Welterbekonvention ist das Welterbekomitee zuständig. Es kommt einmal jährlich zusammen und besteht aus Vertretern von 21 Vertragsstaaten, die rotieren. Sitz ist in Paris. Derzeit gibt es 55 Welterbestätten in Deutschland und mehr als 1.250 in über 170 Ländern weltweit.
Sendung: rbb 88.8, 26.07.2026, 11:00 Uhr
Audio: rbb 88.8, 26.07.2026, Swetlana Oheim
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