Immer mehr Clubs in Berlin müssen schließen. Damit auch kommende Generationen Zugriff auf Techno-Kultur haben, arbeiten Berliner Wissenschaftler an einem virtuellen Techno-Archiv. Ein Gespräch mit dem Forscher Steffen Lepa.
Interview Digitales Archiv geplant Mit der VR-Brille in Berliner Techno-Clubs, die längst verschwunden sind
Immer mehr Clubs müssen schließen. Damit auch kommende Generationen Zugriff auf die Techno-Kultur der Hauptstadt haben, arbeiten Berliner Wissenschaftler an einem virtuellen Techno-Archiv. Einer der Initiatoren ist Forscher Steffen Lepa von der Technischen Universität Berlin. Im Gespräch erzählt er, wie es zu dem Projekt kam, wie sie Techno-Clubs auch noch Jahre nach ihrer Schließung erlebbar machen und was zukünftig mit dem Archiv geplant ist.
rbb: Herr Lepa, Sie wollen ein digitales Archiv der Berliner Techno-Kultur erstellen, das in Zukunft unter anderem ermöglichen soll, nicht mehr existierende Clubs virtuell zu besuchen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Steffen Lepa: Es ist eine Idee meiner Kollegin Anita Jóri und mir, ein wichtiger Kooperationspartner für die 3D-Scans ist außerdem das Startup-Unternehmen "Future Fabrik" aus Leipzig. Alle Beteiligten sind in den 1990er und 00er Jahren mit der Technoszene groß geworden. Wir haben irgendwann gedacht: Warum beschäftigen wir uns eigentlich immer mit dem Thema Kulturerbe nur in der weiten Vergangenheit? Also habe ich zu meinem Chef am Fachgebiet Audiokommunikation der Technischen Universität Berlin gesagt: 'Lass uns doch auch mal einen Teil des Kulturerbes Berlins erforschen!'. Eine Kultur, die es schon seit mehr als 35 Jahren gibt, und in der es über die Jahre immer wieder Wandel gab.
Dr. Steffen Lepa ist Musik-, Kommunikations- und Medienwissenschaftler, und seit seiner Promotion im Jahr 2010 als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Fachgebiet Audiokommunikation der Technischen Universität Berlin tätig. Gemeinsam mit Dr. Anita Jóri von der Universität der Künste arbeitet er daran, Berliner Clubkultur zu archivieren.
rbb: Wie kann man sich so ein Techno-Archiv vorstellen?
Steffen Lepa: Was wir da versuchen, nennt sich in der Wissenschaft "Digital Cultural Heritage". Früher hat man in Museen und Archiven Textdokumente, Flyer und Plakate einer Kultur aufgehoben und ausgestellt. Aber die Methoden der Archivierung und die Kultur selbst sind natürlich inzwischen digital geworden. Das heißt, wir archivieren heute mit digitalen Methoden und nicht nur Materielles, sondern auch digitale Artefakte: etwa Internetseiten, DJ-Sets, Videos. Außerdem führen wir Zeitzeugen-Interviews mit den Betreibern von Clubs, mit den Clubgänger:innen und mit dem Personal.
Und ganz wichtig für die Techno-Kultur sind auch die Räume. Wir können heute mithilfe von 3D-Soundaufnahmen auf Basis der Ambisonics-Technologie (Anm. d. Red.: Mit Ambisonics können dreidimensionale Schallfelder erfasst und wiedergegeben werden), wie auch mittels visuellen 3D-Restaurationen auf Basis des 3DGS-Verfahrens, einen Raumeindruck bewahren, sodass kommende Generationen virtuell mit einer VR-Brille und Headsets noch einmal in einen Club hineingehen können - auch wenn es diesen dann nicht mehr gibt. Damit können sie die Tracks aus der damaligen Zeit hören, die einzigartige Akustik und das Ambiente des Clubs genießen, so wie es einmal gewesen ist.
rbb: Der Sound spielt in Ihrem Projekt eine ganz besondere Rolle. Warum ist das so?
Steffen Lepa: Techno ist eine Kultur, die auf Sound basiert. Die Erfahrungen, die man bei bestimmten Lautstärken mit Verstärkeranlagen machen kann, sind andere als die, die man im Wohnzimmer machen kann. Erst ab bestimmten Lautstärken entstehen psychoakustische Effekte: Ab 96 bis 99 Dezibel springt das Gleichgewichtsorgan im Gehör an und gibt uns das Gefühl, dass der Bass uns nach vorne schiebt oder dass eine Kraft uns packt. Genau das beschreiben viele Partygänger:innen als einen Teil der Techno-Erfahrung. Auch der Klang eines Raumes trägt sehr viel dazu bei - er ist wie ein weiteres Instrument. Und das gilt sowohl für die Wiener Klassik als auch für Techno.
rbb: Das Forschungsprojekt läuft schon seit dem vergangenen Wintersemester. Was haben Sie bislang erreicht?
Steffen Lepa: Wir haben das Projekt bereits im letzten Semester am Beispiel des Clubs Renate durchexerziert. Damals hieß es, der Club müsse schließen. Glücklicherweise ist es dazu nicht gekommen. Vielleicht hatte auch unser Projekt einen kleinen Anteil daran, weil es dadurch etwas Öffentlichkeit gab.
Jetzt wollen wir das Gleiche mit dem Club Jonny Knüppel erreichen. Hier ist unsere Arbeit besonders interessant: Es gibt hier sehr viele einzigartige Kunst- und Dekoobjekte, der Club selbst ist aus ehemaligen Schiffscontainern gebaut, und das resultierende Ambiente ist "Mad-Max-artig" (Anm. d. Red.: Mad Max ist ein dystopischer Actionfilm aus dem Jahr 1979). Auch die Dancefloors sind mit viel Liebe gemacht und haben einen einzigartigen Sound. Es ist von daher unglaublich schade, dass der Club voraussichtlich im Oktober schließen soll.
Natürlich erforschen wir auch Clubs der Berliner Frühzeit des Techno, die schon lange geschlossen sind, wie das E-Werk und den Bunker.
rbb: Wo und wann können Interessierte das Techno-Archiv nutzen?
Steffen Lepa: Wir verstehen das Techno-Archiv insgesamt primär als eine Ressource für die wissenschaftliche Forschung. Das hat auch rechtliche Gründe, da wir nicht für alle unsere Aufnahmen und Ausstellungsstücke eine Freigabe zur Veröffentlichung haben, solange die Clubs noch bestehen und die in unseren Archivalien abgebildeten oder hörbaren Personen noch leben. Damit aber auch die breite Öffentlichkeit schon jetzt etwas von unserer Arbeit hat, planen wir kleine Ausstellungen mit ausgewählten digitalen Artefakten. Im Herbst soll etwa eine Aufarbeitung der Renate und eine Aufarbeitung vom E-Werk im Rahmen der Stadt-nach-Acht Konferenz gezeigt werden, die im November in Leipzig stattfinden wird.
Außerdem haben wir uns mit Arbeitsergebnissen unserer Studierenden für die geplante Ausstellung "Tanzflächen der Wiedervereinigung" der Berlin Clubcommission beworben und es gibt zurzeit auch Gespräche mit dem Auswärtigen Amt über eine Wanderausstellung mit VR-Clubaufarbeitungen in verschiedenen deutschen Botschaften im Ausland.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Lilli Klinger, rbbKultur - das Magazin. Es handelt sich bei dem Beitrag um eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Gesprächs.
Sendung: rbbKultur - das Magazin, 13.06.2026, 18:30 Uhr
Video: rbbKultur - das Magazin, 13.06.2026, Lilli Klinger
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