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3348 km auf dem Jakobsweg - nach Spanien und ins Ich

Дата публикации: 09-08-2026 04:00:36

Eine Journalistin bricht zu einer sechsmonatigen Pilgerreise auf und findet auf 3348 Kilometern Antworten auf ihre Lebensfragen. Eine Rezension des neuen Buches „Nach Santiago wollte ich nie“.

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Zwischen Wegstaub und Weltblick - auf dem Jakobwseg

Der Jakobsweg wird bei Cornelia Koch zu einer Erzählung über Ausdauer, Begegnungen und die leise Transformation, die entsteht, wenn man lange genug geht, um sich selbst zu hören. Eine Rezension.

Blick auf einen Platz in Spanien

Das Ziel der Jakobsweg-Pilger:innen: Santiago de Compostela in Spanien

„Nach Santiago wollte ich nie“, heißt dieses Buch. Aber natürlich ist Cornelia Koch dann doch losgegangen, sonst gäbe es ja dieses Buch nicht. Sie pilgerte nach Santiago de Compostela, der Hauptstadt Galiziens im Nordwesten von Spanien. Dort laufen Jakobswege aus den unterschiedlichen Richtungen zusammen, denn in der Kathedrale sollen die Gebeine des heiligen Apostels Jakobus des Älteren – Santiago auf Spanisch – aufbewahrt sein, seit Jahrhunderten das Ziel für Pilger:innen. Am Ende setzte die Autorin ihre eigene monatelange Wanderung in ein Buch um, das den Weg als kulturellen Resonanzraum und persönliche Prüfung begreift.

Koch ist Redakteurin für regionale Nachrichten bei einem Fernsehsender, sie ist 58 Jahre alt, die Kinder sind aus dem Haus. Also beschließt sie: Ich bin dann mal weg. So hieß der Bestseller von Hape Kerkeling, der ebenfalls diesen Pilgerweg ging und damit im deutschsprachigen Raum einen bis heute nicht abklingenden Boom des Pilgerwanderns ausgelöst hat. Kerkeling war vor 25 Jahren, während einer Lebenskrise, aufgebrochen. Viele, die so eine lange Wanderung, eine Pilgerwanderung gar, angehen, tragen einen zweiten Rucksack. Den sinnbildlichen, der voll mit Vergangenheit, mit Problemen, mit Lebensfragen ist.

Porträt einer Frau

Die Autorin Cornelia Koch
Loswandern in Potsdam

Zunächst aber geht es in Kochs Buch oft um den anderen, den realen Rucksack. Sie geht vor der eigenen Haustüre los, in Potsdam. Die ersten 14 Tage begleitet sie eine Freundin, auch unterwegs werden sich vertraute Menschen ihr gelegentlich anschließen. Zunächst folgt sie den Spuren ihrer Biografie durch Deutschland. Sie ist in der komfortablen Situation, finanziell abgesichert zu wandern; ihr Arbeitgeber hat ihr ein sechs Monate langes Sabbatical genehmigt. Sie hat Vollzeit vorgearbeitet – für die Hälfte des Gehalts – und erhält nun die andere Hälfte während des Wanderns.

Warum sie aufgebrochen ist, enthüllt sie erst nach und nach, was die Lektüre spannend macht. Erst einmal stellt sie fest, sie habe deutlich zu viel Lebenszeit in Büros verbracht und deshalb ihre Kinder zu wenig gesehen. Sie konstatiert: „Ich habe ein ziemlich normales Leben geführt, mit großartigen Zeiten. Aber häufig habe ich eben auch nur funktioniert.“ Daraus resultiere die Frage, „ob ich das bis zur Rente so weitermachen will“.

Diese Lebensfragen wechseln sich ab mit den Wanderfragen: „Wie soll ich 3000 Kilometer schaffen, wenn die Knie schon nach 100 Kilometern nicht mehr können?“ So ist die erste große Erkenntnis der Pilgerreise wenig spirituell: Der Rucksack ist zu schwer. Da muss ausgemistet werden, so geht es den meisten auf Fernwanderwegen, all das liest man auch in anderen Büchern über lange Wanderungen.

Eine Frau mit Wanderkleidung an einem Fluss

„Wie soll ich 3000 Kilometer schaffen, wenn die Knie schon nach 100 Kilometern nicht mehr können?“
Gedanken über das Leben – und über den Journalismus

Doch der Pluspunkt dieses Buches ist: Cornelia Koch ist Journalistin, sie kann schreiben, ihre Gedanken in Worte fassen. Aber sie grübelt auch über den Berufsstand nach und fragt: „Was ist aus uns Nachrichtenjournalisten geworden? Sind wir wirklich noch die “vierte Gewalt„, ein unverzichtbares Kontrollorgan? Sind wir tatsächlich noch ein Garant für Demokratie und Meinungsvielfalt? Oder längst Teil Motor einer Empörungsgesellschaft?“

Gespräche unterwegs drehen sich auch ums Älterwerden. Um die Angst davor, „alt zu sein. Nicht mehr laufen zu können, Pflegefall zu werden“. Eine Freundin sagt zu ihr: „Ab Mitte 50 ist das Leben eine einzige Kränkung“, es gehe nur noch bergab. „Entscheidend ist, das mit Humor zu nehmen.“

An manchen Stellen wird das Buch sehr privat und persönlich. Wie der Familienstand ihrer Kinder mit verschiedenen Vätern und den diversen Großeltern, das muss man alles nicht wissen, um der Autorin auf ihrem Weg zu folgen. Da, und an anderen Stellen, hätte das Lektorat das Buch von 336 Seiten durchaus kürzen können.

Weiter geht der Weg durch Frankreich und Spanien, allmählich versteht man, dass Koch auch tragische Ereignisse verarbeitet, den Tod ihrer Schwester nach langem Leiden, den Tod einer Freundin. Hinzu kommt das ebenfalls erschütternde Ende „einer kurzen, aber intensiven Liebesgeschichte“, all das bringt bei ihr ewig gültige Fragen um Liebe, Sehnsucht nach Geborgenheit und den richtigen Platz im Leben an die Oberfläche. Sie erkennt dadurch aber auch ihre Gabe, die auch auf dem Weg nach Santiago unverzichtbar wird: „Die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen.“

Jakobsmuschel an einem Zaun

Wegweiser und Symbol der Pilgerreise: die Jakobsmuschel
Die Durststrecke des Mittelteils

Irgendwann hat sie sich auf ihrem insgesamt 3348 Kilometer langen Wanderweg eingelaufen. Dann aber kommt die Durststrecke. Bei einer Fernwanderung stellen sich im Mittelteil Sinnfragen ein. Nicht die großen, lebensentscheidenden. Sondern die alltäglichen. Was mache ich hier eigentlich? Soll ich wirklich weitergehen, was soll das? Es wird, anders gesagt, etwas langweilig auf dem Weg zwischen Aufbruchseuphorie und sichtbarem Ende. So geht es auch den Lesenden. Die Themen sind dann doch sehr redundant. Sie trifft freundliche Menschen, die Kaffee servieren, mal gibt es Wolken, mal Sonne. Was soll sich auch ereignen auf einer langen Wanderung, wenn sich nichts Dramatisches passiert? Einige beherzte Kürzungen hier hätten dem Buch zusätzliche Klarheit und Kraft verliehen.

Interessant sind ihre Überlegungen zu Heimat. Sie besucht Menschen, die ihrer Herkunftsheimat treu geblieben und nicht weggezogen sind. Darüber gerät sie ins Grübeln und nimmt uns Lesende mit. So schreibt sie am 15. Mai: „Den Förster bei Dörentrup getroffen. Vielleicht war er auch gar nicht Förster. Aber dieses Forsthaus, dieser Garten. Der Mann war die personifizierte Zufriedenheit. Warum auch nicht? So zu zweit oder mit Familie leben - warum sollte man da nicht zufrieden sein? Warum wegwollen?“

Sie beschreibt auch – ganz Journalistin – einen absurden Nebeneffekt des Pilgerbooms: Koch trifft auf Reisebusse voller Pilgertouristen. Manche halten direkt an den Stempeltischen für die „Compostela“. Das ist die offizielle Pilgerurkunde des Jakobswegs. Sie bestätigt den erfolgreichen Abschluss des Jakobswegs. Voraussetzung sind mindestens 100 Kilometer zu Fuß oder zu Pferd, alternativ 200 Kilometer mit dem Fahrrad sowie der Nachweis durch Stempel im Pilgerausweis. Ob die „Pilger:innen“ an den Stempelstellen „von weit herkommen oder direkt vor dem Tisch aus dem Bus aus- und wieder einsteigen, interessiert hier niemanden“.

Frau hält Papier mit Stempeln hoch

Ehrlich wandernd erworben: Cornelia Koch mit der Pilgerurkunde „Compostela“
Ins Spirituelle hineingehen

Ihre eigene Reise hingegen wird spiritueller. Im Altenberger Dom empfindet sie zum ersten Mal „diese große, unerklärliche Kraft, wie ich sie auf meinem Weg immer wieder in Kirchen und Kapellen spüren werde, jedes Mal völlig unerwartet“. Und gegen Ende fühlt sie die Nähe ihrer verstorbenen Schwester „auf eine unerklärliche Weise. Drei Tage lang diskutierten wir miteinander, stritten uns. ‚Warum hast du deine Krankheit nicht behandeln lassen? Hast dich nicht von diesem Mann getrennt, der dir nicht guttat?‘“ Hier wird der Pilgerweg zur Katharsis. Und schließlich spürt sie eine unsichtbare Macht, die sie zum Ende – der Wanderung – hinzieht.

Doch ihr Schlusswort, das Fazit der Reise, geht nicht ins Spirituelle, sondern sehr nahbar ans Menschliche. Koch schreibt, ihr Weg wäre anders verlaufen, wenn sie nicht so „viele wunderbare und inspirierende Menschen getroffen hätte“. Es liest sich, als habe sie ihren Glauben an die Menschlichkeit neu entdeckt. Sie sei „auf immense Hilfsbereitschaft und Wissbegierde gestoßen, auf Offenheit, Begeisterungsfähigkeit, Empathie. Und auf ein großes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Die Welt da draußen ist um vieles besser, als wir oft denken“.

Diese Erkenntnis war bestimmt jeden Kilometer wert. Und stimmt auch uns Lesende optimistisch.

Sandstrand mit den Zahlen 3348 km

Weitergehen: Cornelia Koch ging von Compostela noch 90 Kilometer weiter, ans Ende der Welt, ans Kap Finisterre.

Buchcover

Buchcover

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