Eiszeit – das dürfte die Beziehung von Gina H. und ihrer Schwester treffen. Am 20. Verhandlungstag berichtete sie nicht viel Positives über die Angeklagte.
Eiszeit – dieses Wort dürfte die Beziehung von Gina H. und ihrer Schwester am besten beschreiben. Am 20. Verhandlungstag im Fabian-Prozess war die junge Frau als Zeugin geladen. Über die Angeklagte konnte sie nicht viel Positives berichten.
Die Schwester von Gina H. hatte kurz nach 14.30 Uhr gerade erst den Saal 2.002 betreten, da wurde den Anwesenden schon einiges über das geschwisterliche Verhältnis klar. Ohne Gina H. eines Blickes zu würdigen, nahm die junge Frau im Zeugenstand Platz. Die Angeklagte schaute verunsichert zu ihr herüber und dann, für einen Großteil der restlichen Verhandlung, an ihrer Schwester vorbei.
Seit acht Jahren hätten die Schwestern keinen Kontakt mehr zueinander, berichtete die junge Frau. Ihr Verhältnis zueinander sei auch in der Kindheit wenig vertrauensvoll gewesen. „Gina war mir gegenüber ein liebevoller Mensch – es sei denn, etwas hat ihr nicht in den Kram gepasst. Dann wurde sie sehr aufbrausend und beleidigend“, sagte die Schwester.
Einen beispielhaften Beweis dafür lieferte Gina H. kurz darauf gleich mit. Die Schwester sprach gerade darüber, dass die Angeklagte ihre Ausbildung damals abgebrochen hatte. „Sie hat gesagt, sie hat keine Lust zu arbeiten, das ist alles doof, da geht so viel Lebenszeit verloren.“
Plötzlich fuhr Gina H. sie im Saal an: „Hast du einen Dachschaden oder was?“ Es war das erste Mal in dem Prozess, dass sich die Angeklagte laut äußerte – wenn auch am Rande. Den verbalen Giftpfeil von Gina H. quittierte Richter Schütt mit einer Verwarnung.
Augenscheinlich ungerührt fuhr die Schwester fort. Geschlagen habe Gina H. sie nie. Sie hätten einander höchstens mal geschubst, berichtet die Schwester. Gegenüber ihren Pferden sei Gina H. meist „tierlieb“ gewesen.
„Aber wenn sie mal einen Rappel bekommen hat und die Pferde nicht das gemacht haben, was sie wollte, dann hat sie den Pferden mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen oder sie geboxt“, erzählt sie. Wegen ihres groben Umgangs mit einem Tier sei Gina H. bei einem Reitturnier in Güstrow auch disqualifiziert worden.
Das Reiten sei das große gemeinsame Hobby der beiden Schwestern. Neid habe es in dieser Beziehung nie gegeben. Allerdings seien die Schwestern unterschiedlich behandelt worden – und zwar von den Großeltern. Bei diesen hatten Gina H. und ihre Schwester ab dem achten Lebensjahr gelebt, da die gemeinsame Mutter in diesem Zeitraum schwer erkrankte.
Die Angeklagte sei gewissermaßen die Lieblingsenkelin gewesen. Die Großmutter habe sie sehr geliebt und ihr teure Geschenke gemacht. Die Schwester habe sie wiederum wenig liebevoll behandelt. „Egal, was ich gemacht habe – es hat nie ausgereicht“, erinnert sie sich.
Wenn Gina H. bockig war, habe sie ihre Schwester vor den Großeltern „schlecht geredet oder verpetzt“, berichtet diese. Gina H. habe immer an „erster Stelle“ stehen wollen. „Es musste alles nach ihrer Nase gehen – das ging schon beim Fernsehen los. Ich durfte nie die Fernbedienung haben“, sagte die Schwester.
Gina H. folgt den Ausführungen ihrer nur wenige Meter entfernt sitzenden Schwester mit gedankenversunkenem Blick. Nur selten schaut sie zu ihr herüber.
In der Schule hingegen sei Gina H. nicht sonderlich beliebt gewesen. Sie habe nur wenige Freunde gehabt und sich schwer getan, Kontakte zu pflegen. Bei Verabredungen hätten die Mitschüler Gina H. nicht dabeihaben wollen. „Weil sie immer so launisch und mürrisch war“, erklärte die Schwester. „Sie war kein Mensch, der Kompromisse machen wollte. Es mussten immer alle parieren.“ Gina H. sei eher ein „Eigenbrödler“ gewesen.
Nach dem Auszug der Schwester von Zuhause habe sich der Kontakt zueinander zunehmend pulverisiert. Das liege unter anderem daran, dass sich die Schwester mit der Großmutter überworfen habe. Diese hatte offenbar behauptet, dass die Mutter von Gina H. und ihrer Schwester die beiden nicht mehr wolle – für die Schwester eine „Lebenslüge“. Während sie über die schwierige Familiendynamik spricht, bricht sie leise in Tränen aus.
Gina H. pflege wiederum immer noch eine enge Beziehung zur Großmutter – nach Darstellung der Schwester wohl auch deshalb, weil diese die erwerbsunfähige Angeklagte finanziell unterstützt.
Mittlerweile habe die Schwester auch wieder Kontakt zur Mutter. Gina H. kappte daraufhin die geschwisterliche Verbindung. „Weil sie nicht will, dass ich unserer Mutter Informationen über sie gebe“, berichtet die junge Frau. Dass Gina H. nun wegen Mordverdachts vor Gericht stehe, sei für die Mutter der beiden schwer zu ertragen. „Ihr Leben ist vorbei“, sagte die Schwester. „Sie ist fix und fertig.“
Schließlich verlässt die Schwester den Saal, wie sie ihn betrat – ohne ein einziges Mal zu Gina H. zu schauen.
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