Typisch Deutschland? Der Berliner Volksbühnen-Intendant lässt sich für 300.000 Euro ein Freibad bauen. Die Show auf Steuerzahlerkosten missrät zur Selbstinszenierung eines bräsigen Kulturbetriebs.
Typisch Deutschland? Der Berliner Volksbühnen-Intendant lässt sich für 300.000 Euro ein Freibad bauen. Die Show auf Steuerzahlerkosten missrät zur Selbstinszenierung eines bräsigen Kulturbetriebs.
Für diesen Kommentar möchte ich mich vorab entschuldigen. Nicht wegen Wortwahl oder Stoßrichtung. Da ist alles tippitoppi. Aber um ein Thema wie das heutige mache ich mittlerweile öfter einen Bogen, als Sie vielleicht denken. Weil es schreit: „Ich bin das Stöckchen, über das du springen sollst!“ Nur erzählt es halt zugleich wieder so viel über eine Republik, die irgendwann falsch abgebogen sein muss.
Am vergangenen Freitag eröffnete Matthias Lilienthal, neuer Intendant der Berliner Volksbühne, vor seinem Theater ein Freischwimmbad, das er „Volksbad“ nennt. Echtes Volk war wenig da (das arbeitet um die Zeit), aber ein bizarr großes Medienaufgebot samt Lilienthals Fanbase. Die Planscherei ist auch eine Reminiszenz an Christoph Schlingensief, der Ähnliches schon einmal probierte und dabei auch baden ging.
1998 lud der Aktionskünstler alle damals sechs Millionen Arbeitslosen der Republik zum „Baden im Wolfgangsee“ ein, um das dortige Ferienhaus von Kanzler Helmut Kohl symbolisch unter Wasser zu setzen. Auch damals kam kaum Volk, aber den PR-Erfolg verbuchte Schlingensief, den Lilienthal am Freitag „meinen einzigen Freund“ nannte.
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Sein „Volksbad“ ist 25 Meter lang und 1,3 Meter tief. „Im Seichten kann man nicht ertrinken“, wusste bekanntlich schon RTL-Gründer Helmut Thoma.
Früher wurde die Volksbühne von Frank Castorf beherrscht. Kartoffelsalat war zu jener Zeit noch das Harmloseste, was seinem Publikum von der Bühne entgegenflog. Die Aufführungen waren dennoch oft grandios. Dagegen ist Lilienthals „Volksbad“ der feuchte Traum eines bräsigen Altlinken.
Der 66-Jährige sieht es als Protest gegen Berlins marode Infrastruktur. Dagegen, dass in der Hauptstadt nur noch für neue Autobahnteilstücke Geld da sei, während selbst Theater wie seines sparen müssten. Ein Kultur-Verweser, der sich von den Regierenden dafür alimentieren lässt, sie zu beschimpfen. Kommt Ihnen das Muster bekannt vor?
300.000 Euro kostet der Pool, inkl. Personal, das ihn künftig auch nachts vor allzu viel Volk beschützen soll. In einer Stadt wie Berlin will ich mir nicht vorstellen, wie das Becken sonst spätestens Ende dieser Woche aussähe.
Maximal 24.000 Badegäste, die gratis reindürfen, will man in den nächsten acht Wochen begrüßen. Das wären 12,50 Euro pro Besucher. Lilienthal lässt sich für ein Geschenk feiern, das der Steuerzahler finanziert wie die ganze Volksbühne, die dieses Jahr einen Etat von rund 28 Millionen Euro hat.
Gut 25 Millionen davon sind Zuschüsse. Nur 2,3 Millionen Euro waren 2025 – vor allem über Ticketeinnahmen – als eigene Umsatzerlöse eingeplant.
Die Volksbühne ist also wie so vieles, das im Land noch hoch subventioniert wird, weniger fürs Volk gedacht als für eine urbane Kulturschickeria. Klar, dass Lilienthals erster Stargast am Freitag Elif Eralp war. Die Linken-Spitzenkandidatin für die Wahl zum Abgeordnetenhaus durfte sich im knackroten Badeanzug inszenieren. Ihr Landesverband geriert sich derweil als Sammelbecken von Antizionisten und verspricht Enteignungen im großen Stil.
Lilienthal wird nachgesagt, dass er Theater nicht als elitären Raum sieht, sondern als Ort der Begegnung, der die Themen einer Stadt aufgreift und ihr wieder zurückspiegelt. Als Zweitwohnsitz-Berliner sei mir deshalb die diskursive Rückspiegelung vom Beckenrand erlaubt: Ihre Aktion aus Pool und Pommes, Propaganda und Populismus sowie steuerfinanzierter Proletariats-Inszenierung ist nur noch geschmacklos, lieber Herr Lilienthal!
Sie haben es vielleicht noch gar nicht gemerkt. Aber vielen anderen im Land steht das Wasser wirklich bis zum Hals.
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