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Spannend wie ein Krimi: Wie zwei Hamburger Mediziner den Contergan-Skandal aufdeckten

Дата публикации: 15-08-2026 16:12:14

Im Herbst 1961 suchen Widukind Lenz und Claus Knapp-Boetticher nach der Ursache rätselhafter Fehlbildungen bei Neugeborenen. Nach 17 Tagen akribischer Detektivarbeit können sie die verhängnisvolle Wirkung eines vermeintlich harmlosen Schlafmittels nachweisen.

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Hamburg vor 65 Jahren. Im Herbst 1961 kurven Claus Knapp-Boetticher und sein Kollege Widukind Lenz nach Feierabend mit einem gebrauchten Peugeot durch die Stadt, klingeln an Wohnungstüren, suchen betroffene Familien auf. Die beiden Hamburger Mediziner sind ganz auf sich allein gestellt, haben kein Forschungsteam an ihrer Seite und wissen nicht einmal, wonach genau sie suchen. Dann stoßen sie auf eine heiße Spur. Nur 17 Tage nach Beginn ihrer Nachforschungen haben sie einen der größten Pharmaskandale der Geschichte der Bundesrepublik aufgedeckt.

Alles beginnt damit, dass Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre weltweit Kinder mit rätselhaften Fehlbildungen geboren werden. Es sind Tausende, die ohne Arme oder Beine zur Welt kommen, mit stark verkürzten Gliedmaßen, fehlenden Ohren oder schweren Schäden an inneren Organen. Im Herbst 1961 häufen sich die Fälle auch in den Hamburger Kliniken. Und niemand weiß, warum.

Eine rätselhafte Häufung von Fehlbildungen

Knapp-Boettichers Weg nach Hamburg ist ungewöhnlich. Er wächst in Spanien auf, studiert Medizin in Madrid und Valladolid und kommt anschließend nach Hamburg, wo er sich in pädiatrischer Radiologie und Innerer Medizin weiterbildet. Als junger Arzt bekommt er anfangs in der Klinik kein Gehalt. Um sich über Wasser zu halten, arbeitet er nebenher beim damaligen NWDR in der Hörfunksendung „Señoras y Señores!“, einem Spanischkurs. Die Bezahlung ist gut genug, dass er sich einen gebrauchten Peugeot leisten kann. Noch ahnt er nicht, welche Rolle dieser Wagen bald spielen wird.

In der Universitäts-Kinderklinik beginnt der Arbeitstag mit der gemeinsamen Morgenbesprechung. Schon am Vortag hängt Knapp-Boetticher die Röntgenbilder für die morgendliche Besprechung auf. Mit der Zeit fällt ihm ein Muster auf: Immer wieder zeigen die Aufnahmen ganz ähnliche Fehlbildungen bei Neugeborenen.

Widukind Lenz ist damals Oberarzt an der Hamburger Universitäts-Kinderklinik und für die Humangenetik verantwortlich. Auch er kann die Ursache der Fehlbildungen nicht erkennen. Schon im Sommer 1961 sprechen er und Knapp-Boetticher immer wieder über die rätselhaften Fälle und fragen sich, ob andere Institute der Sache systematisch nachgehen. Anfang Oktober fassen sie schließlich den Entschluss: Warum machen wir das nicht selbst?

Nach Feierabend beginnt die Suche nach der Ursache

Am 27. Oktober 1961, Knapp-Boettichers Geburtstag, beginnen die Befragungen. Nach dem Klinikdienst, gegen 18 Uhr, treffen sie sich. Lenz stellt sein Fahrrad in der Kinder-Röntgenabteilung ab, Knapp-Boetticher hat seinen Peugeot daneben geparkt. Dann fahren sie gemeinsam los – Abend für Abend, von Familie zu Familie.

Zwei Porträts desselben Mannes: links historisch in Schwarz-Weiß, rechts im höheren Alter in Farbe.

Die Hamburger Ärzte Widukind Lenz (l.) und Claus Knapp-Boetticher deckten vor 65 Jahren den Contergan-Skandal auf. dpa/MOPO-Archiv

Ihre ersten Fragen sind breit angelegt. Sie wollen wissen, was die Frauen während der Schwangerschaft gegessen haben, wo sie eingekauft haben, wie Obst verpackt war, welche Kosmetik sie benutzt haben, ob es Feiern oder andere besondere Ereignisse gab – und welche Medikamente sie genommen haben. Fast täglich überarbeiten sie ihre Fragebögen und lassen sie neu kopieren.

Vieles führt ins Leere. Manche Eltern wollen die Ärzte nicht hereinlassen. Sie haben ihr Kind verloren und versuchen, das Geschehene hinter sich zu lassen. Knapp-Boetticher erinnert sich später daran, wie belastend diese Besuche für die Familien waren. Die Ärzte bringen weder Hilfe noch eine Erklärung – zunächst nur neue Fragen.

Dann fällt ein Satz, der alles verändert. Der Vater eines betroffenen Kindes, selbst Arzt, sagt zu Lenz: „Das Einzige, was meine Frau in der Schwangerschaft genommen hat, ist Contergan.“

Alte Rezepte und Krankenakten erhärten den Verdacht

Plötzlich haben die beiden eine Spur. Von nun an fragen Knapp-Boetticher und Lenz die Familien gezielt nach dem Schlaf- und Beruhigungsmittel des Pharmaunternehmens Grünenthal mit dem Wirkstoff Thalidomid. Sie kontrollieren Hausapotheken, alte Rezepte und Krankenunterlagen – und stoßen immer wieder auf das als harmlos geltende Medikament.

In einem Fall finden die beiden einen entscheidenden zeitlichen Anhaltspunkt. Ein Ehepaar erinnert sich, dass die Mutter während der Schwangerschaft operiert worden war – und dass sie in dieser Zeit Contergan genommen hatte. Wann genau das gewesen ist, wissen die beiden jedoch nicht mehr. Also fährt Knapp-Boetticher zu der Klinik, in der die Frau operiert worden war.

Es ist bereits gegen 21.30 Uhr, als Knapp-Boetticher dort eintrifft. Am Eingang sitzt, wie er sich später erinnert, eine „imposante schwedische Schwester“. Knapp-Boetticher sagt, er wolle mit einem bestimmten Arzt sprechen. Das sei um diese Uhrzeit nicht möglich, so die Antwort. Daraufhin fragt er nach einer Toilette.

Die Schwester weist ihm den Weg: die Treppe hinunter, dort sei das Archiv, rechts daneben die Toilette. Knapp-Boetticher geht hinunter. Er sieht die Aufschrift „Archiv“ – und geht hinein. Dort findet er den Operationsbericht der Patientin und nimmt ihn heimlich an sich.

Nach 17 Tagen steht das verhängnisvolle Muster fest

Der Bericht liefert vor allem eines: ein belastbares Datum. Und das bestätigt Knapp-Boettichers Vermutung. Die Contergan-Einnahme fällt genau in jene Phase der Schwangerschaft, in der nach Art der Fehlbildungen die Schädigung entstanden sein musste.

Originalpackung und Dose des Schlafmittels Contergan von Grünenthal auf einer hellen Fläche

Ein vermeintlich harmloses Beruhigungsmittel: Contergan löst schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen aus. Stefan Puchner/dpa picture-alliance

Die Auswertung aller Befragungen erhärtet den Verdacht: In 41 der 46 untersuchten Fälle haben die Mütter in den ersten beiden Schwangerschaftsmonaten thalidomidhaltige Medikamente eingenommen. Art der Fehlbildung, Entwicklungsphase des Embryos und Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme passen zusammen. Knapp-Boetticher hält die Ergebnisse in Tabellen und Grafiken fest. Rückblickend betont er, wie wichtig dabei die Zusammenarbeit mit Lenz war: „Die Lösung des Problems kommt niemals von allein. Aber Lenz und ich ergänzten uns gut.“

Im November 1961 berichtet Lenz auf einer Ärztetagung über die Ergebnisse. Am 26. November erscheint ein Zeitungsartikel, der einen Zusammenhang zwischen den Fehlbildungen und einem weitverbreiteten Schlafmittel herstellt. Am Tag darauf, dem 27. November 1961, nimmt Grünenthal Contergan vom Markt.

Die wissenschaftliche Beschreibung der „Thalidomid-Embryopathie“ veröffentlichen Lenz und Knapp-Boetticher gemeinsam. Bald darauf gehen ihre Wege auseinander. Lenz bleibt in Deutschland, forscht weiter und tritt öffentlich gegen Grünenthal auf. Später wird er im Contergan-Prozess wegen des Vorwurfs der Befangenheit als Sachverständiger abgelehnt.

Knapp-Boetticher kehrt nach Spanien zurück und widmet sich wieder der Kinderradiologie. In Madrid wirkt er am Aufbau einer großen Kinderklinik mit und leitet rund 30 Jahre lang deren radiologische Abteilung.

Mädchen neben einer Spielküche und einem großen Stofftier in einer historischen Schwarz-Weiß-Aufnahme

Hätten die beiden Hamburger Mediziner nicht den Nachweis geführt, dass Contergan der Auslöser ist, wären wohl noch sehr viel mehr Menschen behindert auf die Welt gekommen. Sjoberg/dpa/picture-alliance

Das ganze Ausmaß wird erst später sichtbar

Erst nach der Marktrücknahme des Medikaments wird das ganze Ausmaß der Contergan-Katastrophe sichtbar. Weltweit werden rund 10.000 Kinder mit schweren Fehlbildungen geboren, etwa 5000 davon in Deutschland. Ungefähr 2800 der deutschen Betroffenen überleben.

Der 1968 eröffnete Strafprozess gegen Verantwortliche von Grünenthal wird 1970 ohne Urteil eingestellt. Im selben Jahr schließt Grünenthal mit Eltern betroffener Kinder einen Vergleich und verpflichtet sich, 100 Millionen D-Mark zu zahlen. 1972 errichtet der Bund per Gesetz die Stiftung „Hilfswerk für behinderte Kinder“, die heutige Conterganstiftung, und stellt weitere 100 Millionen D-Mark zur Verfügung. Mit der gesetzlichen Regelung werden zugleich weitere Ansprüche der Betroffenen gegenüber Grünenthal ausgeschlossen. Die Stiftung zahlt den Betroffenen bis heute unter anderem monatliche Renten. Rund 2400 Menschen mit Conterganschädigung weltweit erhalten heute Leistungen über die Stiftung.

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Einer wird berühmt, der andere gerät in Vergessenheit

Während Lenz in Deutschland zur zentralen Figur der Aufklärung wird, gerät Knapp-Boettichers Anteil an der Entdeckung zunehmend in Vergessenheit. Lenz erhält später die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen und das Bundesverdienstkreuz. Knapp-Boetticher bekommt keine vergleichbare staatliche Ehrung.

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Claus Knapp-Boetticher am 28. Februar in Spanien gestorben. Er wurde 98 Jahre alt. Um persönliche Anerkennung scheint es ihm nie gegangen zu sein. „Wer geschädigt ist, für den habe ich nichts getan“, sagt Knapp-Boetticher 2018 in einem Interview. „Und wer nicht geschädigt ist, der weiß ja nicht, dass mein Glücksstrahl über ihm schien.“

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