Als Anna 20 ist, infiziert sie sich mit einem Krankenhauskeim und stirbt fast an einer Sepsis. Am Ende sieht sie nur den Ausweg Amputation.
Anna Osicki ist 20 Jahre alt, als sie Ende 2017 mit starken Knieschmerzen ihren Dienst als Krankenpflegerin antritt. Die Spätschicht in der Klinik ist anstrengend, die Schmerzen treiben ihr die Tränen in die Augen. Sie beschließt, nach der Arbeit in die Notaufnahme zu fahren, um dem Gelenkproblem auf den Grund zu gehen. Danach ist sie nie wieder die Alte.

Denn diese Nacht markiert für die Nürnbergerin den Beginn einer jahrelangen Odyssee, bestehend aus Schmerzen, OPs und lebensgefährlichen Infektionen. Am Ende entscheidet sie sich für die Amputation des linken Beines. Wie es dazu kommen konnte, wie Anna die Situation aus heutiger Sicht einschätzt und warum auch ein Mediziner sagt, dass Amputation manchmal die einzige Lösung ist.
Es ist Mitternacht, als der diensthabende Arzt in der Notaufnahme bei Anna Osicki eine Kniespiegelung (Arthroskopie) anordnet. Auf ein vorheriges MRT oder Röntgenbild wird verzichtet. Anna hinterfragt das Prozedere nicht, will nur wissen, was mit ihrem Bein los ist. Allerdings findet man bei dem minimalinvasiven Eingriff nichts und die 20-Jährige wird am nächsten Tag ohne Befund entlassen.
Zu dem Zeitpunkt ist ihr Knie steif. Es schmerzt und lässt sich nicht mehr beugen. „Dass die Beweglichkeit eingeschränkt ist, kann nach einer Kniespiegelung vorkommen, wenn sich ein Bluterguss im Gelenk bildet, der nicht abfließen kann“, erklärt Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Matthias Manke gegenüber dieser Redaktion. Dennoch sei es äußerst ungewöhnlich, ohne bildgebendes Verfahren überhaupt einen derartigen Eingriff durchzuführen, betont der Mediziner.

Anna Osicki sagt heute: „Ich bin glücklicher denn je“© Privat | Privat
Tatsächlich hat die Arthroskopie Folgen: Keine 24 Stunden später fühlt sich Anna nicht gut. Sie bekommt hohes Fieber, ihr Puls rast und ihr Atem geht schwer. Ihr Hausarzt erkennt den Ernst der Lage und schickt sie mit Verdacht auf Blutvergiftung ins Krankenhaus. Dort wird die Nürnbergerin mit Antibiotika und starken Schmerzmitteln behandelt. Dennoch wird ihr Knie immer dicker – bis es schließlich aufplatzt. Bei einer Notoperation wird die Infektion so weit es geht, abgetragen. Zu dem Zeitpunkt ist Anna noch ganz ruhig: „Alle haben mir das Gefühl gegeben, dass ich mir keine Sorgen machen muss.“
Krankenhauskeim & Sepsis: Anna schwebt in LebensgefahrSelbst als der Laborbefund schlimmste Befürchtungen bestätigt, bricht die junge Frau nicht in Panik aus. In ihrem Knie wütet der multiresistente Krankenhauskeim 4MRGN, gegen den vier Antibiotikagruppen wirkungslos sind. „Ich wusste natürlich, was das bedeutete, aber ich habe mich einfach daran festgehalten, dass alle um mich herum weiterhin so positiv waren“, erinnert sich Anna. Sie erhält ein weiteres Antibiotikum, ihr Bein wird an eine Vakuumpumpe angeschlossen.

Dr. Matthias Manke ist Unfallchirurg und Orthopäde in Bochum. © Sylwia Makris | Sylwia Makris
Dabei wird ein Wundschwamm in die offene Wunde gelegt, der über einen Schlauch mit einer Unterdruck erzeugenden Pumpe verbunden ist. So werden Sekrete in einen Auffangbehälter abgeleitet. Alle zwei bis drei Tage geht es für Anna in den OP, um den Schwamm zu wechseln. Mal scheint es bergauf zu gehen, dann wird die Infektion wieder stärker. Nach Monaten im Krankenhaus, stabilisiert sich die Lage endlich und Anna darf nach Hause. Erleichtert, aber mit weiterhin steifem Bein, verlässt die damals 21-Jährige die Klinik.
Doch die Beweglichkeit kehrt nicht zurück. Dafür meldet sich die Infektion erneut, das Knie schwillt an und beginnt wieder zu schmerzen. Nach einem halben Jahr Ruhe muss Anna wieder ins Krankenhaus. Dort eskaliert die Situation und es geht ihr rapide schlechter. Aufgrund eines septischen Schocks droht plötzlich Multiorganversagen. Annas Mutter erhält einen Anruf: Die Lage sei ernst, ihre Tochter schaffe es möglicherweise nicht. Derweil kämpfen die Ärzte auf der Intensivstation um Annas Leben.

Ihren Weg in ein glückliches Leben, trotz dramatischer Tiefschläge, beschreibt Anna Osicki in ihrem Buch „Komme was wolle – ich gehe weiter“ (erscheint am 25.09.2026).© Becker Joest Volk Verlag | Becker Joest Volk Verlag
Amputation als letzter Ausweg: Anna schöpft HoffnungDie junge Frau überlebt, ist allerdings extrem geschwächt. Ihr Bein wird erneut an die Vakuumpumpe angeschlossen, wieder verbringt sie Monate im Krankenhaus. „Ich hatte zwischendurch keine Kraft mehr und dachte, es wäre leichter, wenn ich morgens einfach nicht mehr aufwache“, erinnert sie sich an die schwere Zeit. In den folgenden Monaten schwillt die Infektion immer mal wieder an, dann wieder ab. Das Antibiotikum nimmt sie fast durchgehend. Als sie das erste Mal über Amputation nachdenkt, verspürt sie fast Erleichterung: „Es gab plötzlich einen letzten Ausweg.“ Die Option des künstlichen Kniegelenks verwirft sie dabei schnell, denn: „Es gab leider keine Garantie, dass die schlummernden Keime nicht auch das künstliche Gelenk befallen.“
Bei einem sogenannten Low-Grade-Infekt könne das leider passieren, weiß auch Orthopäde Dr. Manke. „Wenn man die Keime nie ganz ausmerzt, kann die Infektion immer wiederkommen. Dem kann auch ein künstliches Gelenk nicht standhalten.“ Demnach sei die Amputation zuweilen die einzige Möglichkeit, dem ganzen Einhalt zu gebieten. Laut Schätzungen des RKI infizieren sich in Deutschland jedes Jahr etwa 40.000 Menschen mit einem multiresistenten Krankenhauskeim – Tendenz steigend. Nicht jeder Erreger kann dauerhaft besiegt werden – vor allem nicht, wenn er schon eine Infektion hervorgerufen hat.
Anna wägt über ein Jahr ab, was sie tun soll. 2021 fällt sie eine Entscheidung: Das steife Bein muss weg. „Ich wollte endlich ohne Angst vor einer erneuten Sepsis leben können.“ Am Tag vor der Amputations-OP feiert Anna eine Abschiedsparty für ihr Bein. Ein Fest mit Familie und Freunden, um Lebewohl zu sagen. „Ich bin noch einmal durchs Zimmer gelaufen, um den Boden unter den Füßen zu spüren und mir einzuprägen, wie es ist, zwei Beine zu haben.“ Wehmut verspürt sie nicht, ganz im Gegenteil: „Ich wusste, dass endlich eine jahrelange Last abfallen wird.“
Als sie nach dem Eingriff aus der Narkose aufwacht und den Stumpf begutachtet, fühlt sie sich gut und befreit. Die ersten Schritte mit Prothese sind für Anna der Startschuss in ein neues Leben. Mit ihrer Sportprothese kann sie sogar wieder joggen, Fahrrad fahren und klettern. Die Amputation hat die heute 29-Jährige „keine Sekunde bereut“, sagt sie. „Ich bin stolz darauf, dass ich gekämpft und es geschafft habe. Heute bin ich glücklicher denn je.“
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