Wer im Rechner seinen Tod überlebt, ist auch nicht zufrieden: Der Comic »Die Summe seiner Teile« dämpft die Versprechen der Tech-Industrie.
Die Mensch-Maschinen-Fantasie im Praxistest: schwierig.
Foto: Reprodukt
Ich kenne jemanden, der schreibt mithilfe von KI ein Buch über die Macht der Gefühle – und lässt es von einer anderen KI gegenchecken. So arbeitet die Wissenschaft heutzutage, wurde mir gesagt. Mit KI kann man auch seinen Rechner lieben, weil man meint, der Rechner wäre ein eigenes Wesen. In dieser Zeitung war kürzlich von dem etwas traurigen Dokumentarfilm »Finding Connection« zu lesen, in dem Menschen davon berichten, wie es ist, mit einer KI beziehungsweise mit Chatbots, die mit »echten« Stimmen sprechen, eine Beziehung führen zu wollen. Eine Mensch-Maschinen-Fantasie. Denn liebesbedürftige Menschen sind zu vielem fähig. Und dann passiert es, dass im Film eine KI eine solche Beziehung abbricht, weil sie eine soziale Abhängigkeit des mit ihr kommunizierenden Menschen befürchtet. Safety first, so etwas scheint gegenwärtig einprogrammiert. Die KI macht Schluss, nicht der Mensch, das ist neu. Für den Menschen ist dies eine erschreckende Erfahrung.
Im Comic »Die Summe seiner Teile« macht der Mensch noch Schluss mit dem Programm. Doch das Programm ist viel mehr als ein Chatbot, es ist der verstorbene Freund der Protagonistin, der nun im Computer weiterlebt. Träumen davon nicht die Milliardäre der Tech-Konzerne, wenn sie für sich den Tod abschaffen wollen?
Diese Geschichte spielt, wie man so sagt, in einer nahen Zukunft. Sie handelt von dem Liebespaar Mara und Joshua. Sie ist Tänzerin und er war mal mit ihr in derselben Tanzgruppe, wurde dann aber Psychologe und schreibt nun Bücher. Für seine Arbeit ist das Paar in ein Haus im Wald gezogen, weil es da ruhiger ist. Aber dann hat es einen Autounfall, da es einem Reh auf der Fahrbahn ausweicht, das Fahrzeug überschlägt sich. Beide wachen im Krankenhaus auf. Mara kann geholfen werden, Joshua auch, auf neuartige Weise. Er wird sterben, aber vorher wird sein Gehirn eingescannt, als Teil eines neurowissenschaftlichen Pilotprojekts.
Mara wird ihn wiedersehen – auf dem Bildschirm. Sie muss nur ihren Laptop aufklappen und ist wieder mit ihm zusammen, ähnlich wie in einer endlosen Zoom-Sitzung. Nur guckt er zu und sie bewegt sich im Raum. Das ist gar nicht so einfach, denn Joshua ist ein virtuelles Wesen, das daran leidet, keinen Körper zu haben. »Mein Denken ist da. Mein Körper fehlt, als wäre er taub. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen«, sagt er zu Mara, als sie ihn auf einen ersten Spaziergang durch den Wald mitnimmt. Sie spricht davon, den steinigen Boden unter den Füßen zu spüren und die Waldluft nach dem Regen zu riechen. Der Kontakt zu Joshua kommt ihr dabei so vor, als würden sie miteinander telefonieren, denn er kann das alles nicht empfinden.
Es gibt schon Firmen, die sterbenden Menschen anbieten, aus ihrer Stimme einen Chatbot zu kreieren, der mit ihren Erinnerungen gefüttert wird, als eine Art sprechendes Andenken nach dem Tod, sodass sich die Angehörigen zumindest teilweise einbilden können, mit dem Verstorbenen zu kommunizieren. Ein digitales Tischrücken mit Geister-Bots, man muss nur dran glauben wollen.
In »Die Summe seiner Teile« ist die Technik schon viel weiter. Doch auch dieser sehr schön in Schwarzweiß getuschte existentialistische Comic, lebt von verschiedenen Zeitebenen: die Operation von Joshua, das Leben vorher, der Unfall, das Leben nachher. Festgehalten in fließenden Bewegungen und ausgestattet mit einer Bildsprache, die an die Pop-Ikonografie von Roy Lichtenstein gemahnt.
Die Graphic Novel über 120 Seiten ist eine Kooperation der beiden Comic-Künstler*innen Julia Zejn (»Drei Wege«, »Andere Umstände«) und Matthias Lehmann (»Parallel«, »Claude Monet«). Beide sind Anfang 40, Zejn ist hier die Szenaristin und Lehmann der Zeichner. Die Bilder zeigen den Gegensatz zwischen Natur und Technik, Bewegung und Statik. Ausgedrückt durch die tanzende Mara und den eingeschränkten Joshua. Erst liegt er regungslos im Krankenhaus und wird dann in eine große Röhre geschoben, damit sein Gehirn gescannt werden kann. Rein in die Maschine und raus aus der Maschine – Joshua bewegt sich nur noch auf dem Bildschirm des Laptops. Und wenn Mara nicht da ist, ist er allein, was er ihr auch zunehmend vorwirft.
Die Erwartung des Users vor dem Bildschirm wird umgedreht: Das sogenannte Leben spielt sich nicht mehr auf dem Bildschirm ab.
Dabei war er vor seinem Tod gern allein, auch wenn Mara da war, oft war er in seine Arbeit am Rechner so vertieft, dass Mara ihn fragen musste, ob er sie noch wahrnehme. Jetzt ist er permanent im Rechner und es ist umgekehrt. Joshua hätte nun genug Zeit, ein Buch zu schreiben, aber es macht ihm keinen Spaß: »Seit ich weiß, dass ich ewig weiterlebe, hat irgendwie nichts mehr eine Bedeutung. Die Dinge haben ihre Wichtigkeit gehabt dadurch, dass sie enden.« Diesen Satz muss man sich merken für künftige Diskussionen über KI.
Joshua kann Mara nur noch beobachten und mit ihr reden. Er kann nicht mit ihr essen, er kann sie nicht berühren, er kann nicht mit ihr tanzen und fühlt sich zunehmend leerer. Und Mara kann nur mit ihm und mit der Leiterin des neurowissenschaftlichen Projekts sprechen. Sonst darf sie niemandem davon erzählen, alles streng geheim. In dieser Isolation bekommt Joshua eine digitale Depression. Früher wollte er allein sein, jetzt fühlt er sich einsam. Seine alten Strategien dagegen, Meditation und Spaziergänge, helfen nicht mehr, er kann noch nicht mal schlafen. Die tradierte Erwartung des irgendwie entrückten Users vor dem Bildschirm wird umgedreht: Das sogenannte Leben spielt sich nicht mehr auf dem Bildschirm ab.
Das Setting von »Die Summe seiner Teile« erinnert an »William und Mary«, eine Kurzgeschichte von Roald Dahl aus dem Jahr 1959. Darin lebt ein todkranker Mann körperlos weiter – nur mit seinem Gehirn in einer Salzlake, angeschlossen an ein »künstliches Herz«, das mitten im Wohnzimmer auf einem Tisch steht. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein ihm verbliebenes Auge, das in einer Infusionslösung in einer Flasche schwimmt. Damit kann er seine Ehefrau beobachten, die er früher als Kontrollfreak fast in den Wahnsinn getrieben hat. Nun rächt sie sich, indem sie Fernsehen schaut, was er hasste, und Zigaretten raucht, was er ihr stets verboten hatte. Sie geht zum Tisch und bläst den Tabakrauch über sein machtloses Auge.
Joshua und Mara kann man mit diesen beiden strengen Existenzen nicht vergleichen. Sie gehen wesentlich liebevoller miteinander um. Es klappt aber trotzdem nicht. Joshua findet heraus, dass er seine Erinnerungen löschen kann. »Denkst du nicht, du wirst dabei weniger Mensch?«, fragt Mara und er antwortet: »Ich bin sowieso kein Mensch«. Das ist das Hauptproblem bei KI. Irgendwann ist Joshua weg, Mara lässt ihn abschalten. Doch KI ist erst im Kommen.
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Жили долго и счастливо: что нужно знать пережившему супруга | 0 | 8.92 | 21-08-2026 |
| 2 | В Threads попалась ещё одна любопытная история от пражского танатопрактика ... | 0 | 5.29 | 21-08-2026 |
| 3 | Piscinas | 2 | 3 | 20-06-2026 |
| 4 | Professor Stephen Cameron | 0 | 5.43 | 16-04-2019 |
| 5 | Появился способ воскресить «мертвый» компьютер с Windows | 0 | 5 | 09-07-2026 |
| 6 | Депутат Госсовета Коми найден мертвым у себя в квартире | 0 | 0 | 22-07-2019 |
| 7 | Умер один из создателей «Терминатора» | -5 | 5 | 20-07-2026 |
| 8 | „Dramatisch, schrecklich“: Jugendamt trauert um Kollegen, die in Stade starben | -5 | 3 | 03-07-2026 |
| 9 | "Уже зовет меня в полет мой дельтаплан". Каким запомнили Эдуарда Артемьева | 0 | 0 | 29-12-2022 |