Ökonomen und Journalisten warnen vor dem Ende der Arbeit. Das ist vor allem eine große Werbeaktion für die KI-Spekulation
In Chinas »Dark Factories« braucht es kaum Licht oder Heizung, denn Menschen arbeiten dort nicht mehr.
Foto: sjaihub.com
Es ist eine linke Binsenweisheit, dass der gesunde Menschenverstand sich eher das Ende der Welt als das der bestehenden politischen und ökonomischen Verhältnisse vorstellen kann. So eröffnete jüngst der Arbeitsmarktökonom David Autor in der Titelstory des »Spiegel« zum aktuellen Stand der künstlichen Intelligenz einmal mehr die Aussicht, dass »die Apokalypse« kommen werde, wenn eine »überlegene Superintelligenz auch die komplexesten Aufgaben allein erledigt«. Das deutsche Qualitätsmagazin fragt sich und seine Leserschaft: »Kann diese Dystopie verhindert werden?« Naiv betrachtet einigermaßen erstaunlich, galt und gilt die durch technische Innovation eingetretene Befreiung von aller Schufterei doch nicht zu Unrecht vielen eher als Utopie.
Bei Karl Marx – der auf dem Titel des »Spiegel« 33/2026 prangt, mitsamt der Zeile »Marx hat es geahnt« – hätte man freilich in den »Grundrissen« sogar etwas zu diesem Gedankenexperiment lesen können. Im »Maschinenfragment«, einer sehr kurzen Skizze, stellt Marx lapidar fest: Spätestens wenn Maschinen Maschinen herstellen und die menschliche Arbeit aus dem Produktionsprozess verschwindet, dann ist Essig mit einer Ökonomie des Privateigentums. Keine Arbeiter mehr bedeutet: kein Wert, kein Preis, kein Geld. Das mag für manchen Bürger dystopisch klingen, weil man sich eine Produktion, die schlicht für Gebrauchsgüter und nicht für das Geld stattfindet, so wenig vorstellen kann und will, dass mit dem Ende des Kapitalismus auch gleich das Ende der Welt eintritt.
»Naht das Ende des Kapitalismus, das Karl Marx prophezeit hat?«
»Der Spiegel« 33/2026
Marx hielt diese Überlegung einer Publikation nicht für würdig, sie erschien postum als Teil seiner ökonomischen Manuskripte. Das ist kein Wunder, schließlich handelte es sich bei der Eliminierung menschlicher Arbeit lediglich um ein Gedankenexperiment. Und von dessen praktischer Relevanz ist 2026 weiterhin nichts zu sehen. Gegen das im »Spiegel« immer wieder erwähnte »Ende der Arbeit« schrieb jüngst schon der Soziologe Florian Butollo in seiner lesenswerten Arbeit »Das knappe Gut Arbeit« an. Er identifiziert bei der kapitalistischen Anwendung der Digitalisierung einige »Rebound-Effekte«, die immer wieder neue Arbeit entstehen ließen. So sei die Entwicklung von KI zur Substitution von Arbeit ja kein einmaliger Vorgang, sondern ein dauerhafter Prozess, dessen ebenfalls dauerhafte Entwicklung und Weiterentwicklung, ständige Implementierung in den Produktionsprozess sowie die dadurch ständig steigende Komplexität auch wieder neue Arbeit erfordere.
Entsprechend dünn fällt die empirische Grundlage solcher Erzählungen aus, wie man erneut an besagtem »Spiegel«-Artikel zeigen kann. Drei Sorten Quellen werden dort aufgeführt: erstens tatsächliche Entwicklungen auf dem US-Arbeitsmarkt, die vor allem Programmiererinnen, Werbeleute und Anwälte treffen – insbesondere im Silicon Valley selbst. Dass spezifische Berufsbilder durch technische Innovationen einfach weggeräumt werden, ist aber weder eine Besonderheit der KI noch ein Hinweis auf die These vom Ende der Arbeit.
Kostenkonkurrenz Mensch-MaschineZweitens zitiert der »Spiegel« Prognosen wie jene der US-Investmentbank Goldman Sachs, nach denen in jüngster Zukunft bis zu 300 Millionen Vollzeitstellen »durch KI automatisierbar seien«. Laut Internationalem Währungsfonds seien »40 Prozent aller Jobs betroffen. In Industrieländern gar 60 Prozent.« Was Goldman Sachs angeht, gilt es zu beachten: Die Möglichkeit, mit technischen Innovationen Arbeit zu ersetzen, ist im Kapitalismus überhaupt nicht identisch mit deren tatsächlicher Substitution. Die wird nur durchgeführt, wenn es sich für das Unternehmen auch lohnt, also Kosten spart. Das ist ein Unterschied ums Ganze. So wird etwa das Koltan für die Kondensatoren der künstlichen Intelligenz wegen der unschlagbaren Billigkeit bis heute hunderttausendfach im Ostkongo mit Schaufeln und Schüssel abgebaut. Diese Arbeit ließe sich durch technische Innovationen aus dem 18. Jahrhundert ersetzen, aber das lässt auf sich warten, solange die »modernen« Arbeitsmittel der Frühindustrialisierung und die für sie notwendige Infrastruktur teurer sind als der Abbau durch Kongoles*innen und Ruander*innen.
In irreführender Weise zitiert der »Spiegel« wiederum den IWF mit dessen Aussage, 40 Prozent aller Jobs seien von KI »betroffen«. Bereits zu Beginn der Studie stellt der Fonds klar, dass er damit nicht die Anzahl der Jobs meint, die KI ersetzen wird, sondern lediglich jene, die sich durch KI verändern werden.
Als Beleg für seine These nutzt der »Spiegel« noch einen dritten Quellentypus, der größte Beliebtheit genießt. So wird mit Dario Amodei, einem der Mitbegründer des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic, einer der großen Profiteure des KI-Booms zitiert, der »eine Arbeitslosenquote von bis zu 20 Prozent« bis zum Ende des Jahrzehnts herbei sinniert. Oder Space-X-Chef Elon Musk, der jede Arbeit für ersetzbar durch KI erklärt. Oder Vinod Khosla, einer der ersten Anthropic-Investoren, laut dem ab 2030 rund »80 Prozent aller Arbeitsplätze von einer KI« übernommen werden können. 20 Prozent, 80 Prozent oder 100 Prozent – wer will es da schon so genau nehmen, die Botschaft kommt ja in jedem Fall an: Unser Produkt beziehungsweise Investment ist die entscheidende Produktivkraftsteigerung der Zukunft. So wird auch der »Spiegel« zum Gratiswerbeblatt für die nächste Investitionsrunde in den KI-Boom an den weltweiten Börsen.
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Zugleich kann man überall lesen, dass KI-Firmen von OpenAI bis Anthropic es noch gar nicht geschafft haben, ihre KI überhaupt gewinnbringend zu verkaufen. Und dass die Technik, mit der vorgeblich in den nächsten vier Jahren 20, 80 oder gleich alle Jobs überflüssig gemacht werden können, ihren Anwendern bislang überhaupt keine Gewinne beschert. Das heißt umgekehrt natürlich nicht, dass mit KI überhaupt kein Gewinn gemacht wird: Solange das Versprechen glaubwürdig erscheint, es handele sich dabei um eine einzigartige Jahrhunderttechnologie, so lange fließen Milliardenkredite in die neue Technologie und in die Aktienspekulation. Diese spekulativen Gelder erlauben es, dass den Investoren immer mehr Geld ausgezahlt wird und sich entsprechend Million auf Million und Milliarde auf Milliarde häuft – während die kreditfinanzierten KI-Unternehmen selbst jedes Jahr Verluste einfahren.
Wettlauf der WarnerBerichterstattung wie die des »Spiegel«, die vor grundlegenden Folgen der KI warnen, ihr diese Folgen also wirklich zutrauen, ist ein wichtiger Baustein im Geschäftsmodell der KI-Unternehmen. Denn dieses Modell besteht zumindest derzeit noch in nichts anderem, als Wachstum zu generieren, indem immer mehr Anlagekapital mobilisiert wird. Dies geschieht einerseits, um die Entwicklung weiter voranzutreiben und hoffentlich bald ein skalierbares Produkt anbieten zu können, andererseits, um die immer weiter steigenden Kosten für die bisherigen Kredite und die Investoren zu bedienen. Aya Jaff wies kürzlich im »Surplus-Magazin« darauf hin, wie selbst der jüngste »KI-Ausbruch« aus einem Testlabor als PR-Stunt genutzt wurde – und die bürgerliche Öffentlichkeit ging fröhlich mit.
Was war passiert? OpenAI hat unter offensichtlich sehr schlechten Sicherheitsvorkehrungen getestet, wie seine Software beim Versuch abschneidet, für einen Hack gegen andere Sicherheitssoftware eingesetzt zu werden. Dabei wurde die Internetseite einer real existierenden Firma gehackt, weil das digitale Testgelände eben doch nicht vom Internet getrennt war, wie es ein solcher Test eigentlich verlangt. Aus diesem Versagen des Unternehmens wurde aber in der Berichterstattung ein Lob der genialen Technik: »KI bricht aus«, titelten Medien und verwandelten so unzulängliche Sicherheitsvorkehrungen in eine erstaunliche Leistung.
Wie Jaff schön herausarbeitet, hatte diese Panne ein gutes Timing: Gerade war die größte Finanzierungsrunde der Geschichte von OpenAI abgeschlossen, 122 Milliarden US-Dollar wurden bei Investoren eingesammelt. Was bewirbt diese neue Technik wirkungsvoller, als das dauernd zu lesende Versprechen, sie werde die meisten Arbeitsplätze überflüssig machen und sei bereits in der Lage, selbstständig zu hacken? Edward Luces Antwort in der »Financial Times« lautet: »Den Leuten zu sagen, ›Meine Technologie ist besonders gefährlich‹, ist eine andere Art zu sagen, ›Meine Aktie wird besser abschneiden als die anderen‹.«
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