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Soziale Ungleichheit: Starökonom Joseph Stiglitz warnt vor globalem Notstand durch Ungleichheit

Дата публикации: 04-11-2025 08:40:00

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht die Lücke zwischen Arm und Reich als eine Gefahr vom gleichen Ausmaß wie die Klimakrise. In einem Bericht fordert er ein globales Gremium, das Schieflagen frühzeitig aufzeigt.

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»Tax the rich«-Graffito in London: »Eine Welt, die eine immer größer werdende Ungleichheit toleriert, kann nicht auf dauerhaften Frieden, Wohlstand oder Nachhaltigkeit hoffen«
»Tax the rich«-Graffito in London: »Eine Welt, die eine immer größer werdende Ungleichheit toleriert, kann nicht auf dauerhaften Frieden, Wohlstand oder Nachhaltigkeit hoffen«

»Tax the rich«-Graffito in London: »Eine Welt, die eine immer größer werdende Ungleichheit toleriert, kann nicht auf dauerhaften Frieden, Wohlstand oder Nachhaltigkeit hoffen«

Foto: Mike Kemp / In Pictures / Getty Images

Starökonom Joseph Stiglitz schlägt Alarm angesichts der weltweiten Ungleichheit zwischen Arm und Reich. »Die Welt hat erkannt, dass wir uns in einer Klimakrise befinden. Es ist an der Zeit, dass wir auch erkennen, dass wir uns in einer Ungleichheitskrise befinden«, sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger laut einer Pressemitteilung. »Das ist nicht nur ungerecht und untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, es ist auch ein Problem für unsere Wirtschaft und unsere Politik.«

Ungleichheit sei kein Naturgesetz, sondern Folge politischer Weichenstellungen, schreibt ein Expertengremium unter Stiglitz’ Leitung in einem Bericht, der dem SPIEGEL vorab vorliegt. Der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa hat den »Außerordentlichen Ausschuss unabhängiger Expertinnen und Experten für globale Ungleichheit« einberufen – aus Anlass der südafrikanischen G20-Präsidentschaft. Am Dienstag soll ihm der Bericht überreicht werden und dann zum Thema beim nächsten G20-Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs Ende November werden. Der G20 gehören 19 Staaten, die EU und seit 2023 auch die Afrikanische Union an. Es ist das erste Mal, dass sich die G20 mit dem Thema Ungleichheit beschäftigen.

Joseph Stiglitz: Ungleichheit sei kein Naturgesetz, sondern Folge politischer Weichenstellungen, heißt es in dem Bericht unter Leitung des Nobelpreisträgers

Joseph Stiglitz: Ungleichheit sei kein Naturgesetz, sondern Folge politischer Weichenstellungen, heißt es in dem Bericht unter Leitung des Nobelpreisträgers

Foto: Stephane Lemouton / SIPA / picture alliance
2,3 Milliarden müssen regelmäßig Mahlzeiten auslassen

Weltweit entfielen zwischen 2000 und 2024 41 Prozent des gesamten neu geschaffenen Vermögens auf das reichste Prozent der Menschheit, während die untere Hälfte nur ein Prozent erhielt, hat das Expertengremium ermittelt. Das durchschnittliche Vermögen der reichsten ein Prozent sei seit 2000 um 1,3 Millionen Dollar gestiegen, während das Vermögen der ärmsten Hälfte der Menschheit im gleichen Zeitraum um durchschnittlich nur 585 Dollar gestiegen ist. 2,3 Milliarden Menschen haben nicht zuverlässig genug zu essen und müssen regelmäßig Mahlzeiten auslassen. Das sind 335 Millionen mehr als 2019.

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»Eine Welt, die eine immer größer werdende Ungleichheit toleriert, kann nicht auf dauerhaften Frieden, Wohlstand oder Nachhaltigkeit hoffen«, schreiben die Wissenschaftler. »Angesichts der Schwere dieses Problems ist eine internationale Reaktion dringend erforderlich.«

Stiglitz, der an der US-Universität Columbia lehrt, fordert die Gründung eines Gremiums, das globale Entwicklungen systematisch erheben und Politikwirkungen prüfen soll. Dieses International Panel on Inequality (IPI) soll nach dem Vorbild des Klimarats der Vereinten Nationen (IPCC) aufgesetzt werden. Für den IPCC arbeiten weltweit Tausende Wissenschaftler, die erhobenen Daten gelten innerhalb der Wissenschaft als glaubwürdigste und fundierteste Quelle.

Die Forschung über Ungleichheit leide darunter, dass die Daten oft schwer oder gar nicht verfügbar seien, kritisiert Stiglitz, dies gelte insbesondere für Informationen über die Vermögen der Superreichen. »Politische Entscheidungsträger, politische Führer, die Wirtschaft, Medien und Wissenschaftler müssen über genaue und aktuelle Informationen und Analysen zur Ungleichheitskrise verfügen«, sagte er. Ohne Daten keine gute Politik. Das IPI soll keine eigene Forschung betreiben, sondern Daten und Studien sichten, Lücken identifizieren und regelmäßig politikrelevante Bewertungen zu Einkommens- und Vermögensungleichheit vorlegen. Das Gremium könne unter Führung der südafrikanischen G20-Präsidentschaft mit einem eher kleinen Büro und verteilten Arbeitsgruppen starten.

Milliarden-Erbschaften verschärfen die Ungleichheit

In den kommenden Jahren könnte sich die globale Vermögensungleichheit verschärfen, wenn die Regierungen nicht gegensteuern, analysieren die Forscher. Schon jetzt hätten mehr Milliardäre ihr Vermögen durch Erbschaft erhalten als durch unternehmerisches Handeln erworben. In den kommenden 30 Jahren würden allein rund 1000 Milliardäre mehr als 5,2 Billionen Dollar an ihre Erben übertragen, weitgehend steuerfrei. Insgesamt, so die Schätzung, werden in den kommenden zehn Jahren mehr als 70 Billionen Dollar an Erben weitergegeben werden. Innerhalb eines Jahrzehnts rechnen die Experten mit dem ersten Billionär. Aktuell verfügt der reichste Mann der Welt, Elon Musk, über fast 500 Milliarden Dollar. In Deutschland gibt es eine Debatte über die Reform der Erbschaftsteuer. SPD, Grüne und Linke wollen Erben großer Vermögen stärker in die Pflicht nehmen. Die Union ist skeptisch. Bislang gibt es keine Ergebnisse.

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Der Stiglitz-Bericht analysiert auch die Ursachen der Ungleichheit: Zinseszinseffekte mehrten große Vermögen, geringe oder fehlende Erbschaftsteuern verstetigten diese Entwicklung. Schuld hätten auch historische Ungerechtigkeiten, so die Forscher. Der Kolonialismus wirke weiterhin, etwa wenn es um billige Rohstoffextraktion geht. Im jüngeren Zeitraum wirkten zudem Deregulierung von Finanzmärkten, die Schwächung von Gewerkschaften, weniger progressive Steuern und weitreichende Privatisierungen ungleichheitsverstärkend. Steuerlasten für Unternehmen und Spitzenverdiener sanken deutlich, während Verbraucher immer mehr Steuern zahlen mussten. Teil der Lösung könnte ein internationales Steuersystem mit einem Mindeststeuersatz für Unternehmen und Superreiche sein, außerdem ein globales Vermögensregister.

»Extreme Ungleichheit ist eine Entscheidung«, schrieben die Wissenschaftler. »Sie ist nicht unvermeidbar und kann mit politischem Willen rückgängig gemacht werden.« Das vorgeschlagene IPI solle zum permanenten Vermächtnis der südafrikanischen G20-Präsidentschaft werden.

Der gemeinnützige Verein Oxfam, der sich dem Kampf gegen Ungleichheit verschrieben hat, unterstützt die Pläne für das neue Ungleichheitsgremium, es passe gut in die Zeit. »Die USA schüren mit rücksichtslosen Zöllen und regressiven Steuererleichterungen die Ungleichheit im eigenen Land und weltweit«, sagte Oxfam-Chef Amitabh Behar. Regierungen müssten sich jetzt entscheiden »zwischen einer internationalen Ordnung, die den einfachen Menschen in allen Ländern dient, oder einer, die von Oligarchen beherrscht wird«.

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