Raketen kann er landen, mit Kritik umgehen weniger: Warum Elon Musks Comeback zeigt, dass selbst sein größter Mythos Schwerkraft kennt
Es gab eine Zeit, da galt Elon Musk als der Mann, der die Zukunft baute. Heute verbringt er erstaunlich viel Zeit damit, die Gegenwart zu beschimpfen. Seine Rückkehr ins Rampenlicht nach Monaten relativer Zurückhaltung geriet zur unfreiwilligen Doppelbilanz: Musk redet wieder sehr viel – während Tesla und SpaceX, die unternehmerischen Schmuckstücke, beweisen müssen, dass seine Versprechen auch ohne Personenkult tragen.
Der Auftakt war ein 85-minütiges Interview mit „Economist“-Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes in Teslas Gigafactory in Texas. Musk sprach über Künstliche Intelligenz und Roboter. Doch je politischer es wurde, desto stärker zerfiel die Pose des kühlen Ingenieurs. Hervor trat eine Art hochnäsiger Darth Vader. Musk erklärte mit Blick auf Gewaltkriminalität von Einwanderern, ein Bürgerkrieg in Großbritannien sei bei anhaltenden Trends unvermeidlich. Wann er zuletzt dort gewesen sei? „Vor ein paar Jahren.“ Beddoes, Britin, widersprach: „Ich lebe dort. Ich bin ständig dort. Das ist Unsinn.“ Als sie ihm Kriminalitätsdaten entgegenhielt, reagierte Musk mit dem Vorwurf, die Journalistin führe ein abgeschottetes Leben. 250 Millionen Follower auf dem ihm gehörenden Portal X führte Musk als eine Art Popularitätsbeweis an. Danach nannte er Beddoes eine „Verräterin am Westen“.
Als José Andrés, der weltbekannte Koch und Gründer von World Central Kitchen, dessen Organisation seit Jahren Menschen nach Erdbeben, Kriegen und Naturkatastrophen versorgt, Musks Auftritt kommod kritisierte, blaffte der reichste Mann der Welt „Du bist ein Arschloch“ zurück. Das alles wäre bloß unerquicklich, hätte Musk nicht über Jahre erfolgreich den Mythos kultiviert, er sei ein Universalgenie, das Politik, Geschichte, Wirtschaft und Geopolitik gleichermaßen durchdringe. Diese Legende bekommt inzwischen tiefe Risse. Selbst frühere Unterstützer fragen inzwischen offen, ob Musk intellektuell jemals der Ausnahmefall gewesen sei, als den ihn Fans und Anleger stilisierten.
Tesla und SpaceX: So geht es den Musk-Unternehmen wirklichMusk kontrolliert weiterhin Unternehmen, die für Amerikas Raumfahrt, E-Mobilität und nationale Sicherheit wichtig sind. Bei Tesla ist die Lage schwierig. Im zweiten Quartal lieferte der Konzern 480.126 Fahrzeuge aus. Doch der Gewinn enttäuschte, der durchschnittliche Erlös pro Fahrzeug sank von 45.345 auf 42.730 Dollar. In China läuft es besser. Die Verkäufe der dort gebauten Teslas stiegen im Juli um knapp 38 Prozent. Musk reagiert mit dem nächsten Versprechen. Noch im August soll der seit fast einem Jahrzehnt angekündigte neue Roadster präsentiert werden. Zugleich verbrannte Tesla erstmals seit zwei Jahren wieder Barmittel. Der freie Cashflow lag bei minus 1,1 Milliarden Dollar. 2026 will Musk mehr als 25 Milliarden Dollar in KI, Robotaxis und humanoide Roboter investieren.
Bei SpaceX war es turbulent. Der Rekord-Börsengang im Juni bewertete das Unternehmen mit rund 1,77 Billionen Dollar; Musk hält weiterhin 48,4 Prozent. Die ersten Quartalszahlen als Börsenfirma waren besser als erwartet: 7,8 Milliarden Dollar Umsatz, fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Vor allem der Internet-Dienstleister Starlink verdient das Geld, mit dem Musk seine Starship-Rakete und seine großen KI-Pläne finanziert.
Doch die Börse lernt gerade, dass auch Musk Schwerkraft kennt. Nach dem IPO zu 135 Dollar schoss SpaceX zeitweise über 200 Dollar, fiel dann mehr als 20 Prozent unter den Ausgabepreis und notiert inzwischen wieder bei gut 143 Dollar. Der Investor Scott Galloway hält selbst das für grotesk: „Die Aktie ist immer noch verrückt überbewertet.“ Er taxiert ihren Wert auf lediglich zehn bis 30 Dollar – eine extreme Minderheitenposition, die aber den wunden Punkt trifft: SpaceX muss immer größere KI-Wetten mit den Erträgen von Starlink finanzieren.
Technisch liefert SpaceX zugleich Gründe, Musk weiter ernst zu nehmen. Starship überstand im Juli erstmals eine Wasserung so intakt, dass die Rakete geborgen werden konnte. Doch die Konkurrenz holt auf: Vor wenigen Tagen landete der chinesische Anbieter LandSpace erstmals einen orbitalfähigen Booster. Das Unternehmen stößt damit in einen kleinen Kreis vor, dem bislang SpaceX und Blue Origin angehörten.
Musk will republikanische Kandidaten mit 100 Millionen Dollar unterstützenUnd aus der Politik hat sich Musk keineswegs verabschiedet. Er fährt sein Geldverteil-Instrument „America PAC“ für die Zwischenwahlen am 3. November wieder hoch. Mindestens 100 Millionen Dollar sollen republikanischen Kandidaten in diesem Herbst zufließen. Das Verhältnis zu Donald Trump dagegen – eher Zweckfrieden als Männerfreundschaft. Nach dem Bruch 2025, bei dem Musk sogar Jeffrey Epstein gegen den Präsidenten ins Feld führte und Trump mit Musks Regierungsverträgen drohte, sprechen beide inzwischen etwa monatlich. Musk hat die Idee einer eigenen Partei aufgegeben, Trump setzte einen Musk-Vertrauten erneut an die Spitze der Weltraum-Agentur Nasa. Beide wissen, wie teuer ein neuer „Krieg“ politisch-wirtschaftlich wäre.
So wirkt Musks Comeback wie ein Belastungstest seines Mythos. Kaum ein Unternehmer der vergangenen Jahrzehnte wurde derart bereitwillig zum Universalgenie erklärt. Für viele Anhänger konnte Musk alles: Raketen bauen, Autos entwickeln, KI verstehen, Demokratien erklären, Kriege analysieren, Migration beurteilen und nebenbei die Menschheit auf den Mars bringen. Zweifel galten fast schon als Blasphemie. Heute ist dieses Bild nachhaltig gekippt. Auch eine Ausnahmeerscheinung kann fallen – besonders über das eigene Ego.
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