Ein 20-facher Immobilien-Millionär erklärt, wie er zu seinem Vermögen kam. Und was er für die sinnvollste Altersvorsorge hält.
Kellner, Lkw-Fahrer, Multimillionär: Hans-Gerd Estermann hat sich aus dem Nichts ein enormes Vermögen erarbeitet. Ohne wirkliches Eigenkapital hat er in Hamburg ein Immobilien-Imperium erschaffen. Heute ist der 86-Jährige rund 20 Millionen schwer. Er kritisiert trotzdem die Immobilienbranche und sagt: „Heute würde ich das nicht mehr so machen.“
Sein Portfolio umfasst 16 Gebäude mit mehr als 100 Wohnungen. Dazu kommen hunderte Mietswohnungen, die Estermann im Laufe seiner Karriere verwaltet hat. Und die begann wenig spektakulär, sondern wie bei so vielen jungen Menschen: mit Versuchen und Zweifeln.
Estermann erzählt: „Ich stamme aus sehr einfachen Verhältnissen. Meine Eltern besaßen nach dem Krieg einen kleinen Tante-Emma-Laden. Aber sie waren selbstständig – und das wollte ich auch immer sein, solange ich denken kann.“ Die Volksschule schloss er mit 15 Jahren mit ordentlichen Noten ab, erzählt er. Danach machte er eine Kaufmannslehre. Doch nach seinem Abschluss kellnerte er, machte den Lkw-Führerschein: „Es gibt nicht viel, was ich nicht ausprobiert habe“, sagt er und lacht. Mit 23 Jahren machte er sich schließlich als Immobilienkaufmann selbstständig.
„Meine Mutter hat mir all ihr Erspartes – 50.000 Mark – gegeben unter der Voraussetzung, dass ich ihr später ihre Rente zahle“, erinnert sich der 86-Jährige. Wenn er von seiner Mutter spricht, merkt man sofort, welchen Einfluss sie auf ihn hatte – und wie sehr er sie bis heute verehrt.
Das Geld seiner Mutter investierte Estermann in den 70er Jahren in den Kauf seines ersten Mehrfamilienhauses im Norden Hamburgs. Und zwar über das sogenannte Leibrente-Modell. Für eine vergleichsweise geringe Anzahlung erwerben Käufer eine Immobilie und gewähren den Verkäufern im Gegenzug oft ein lebenslanges Wohnrecht. Je nach Modell erhalten die Verkäufer zusätzlich einen monatlichen Betrag, die Leibrente. Sie orientiert sich in der Regel an der statistischen Lebenserwartung des Verkäufers. Wer früh stirbt, hat also weniger von dem Verkauf.

Hans-Gerd Estermann in seiner Hamburger Villa.© FUNKE Foto Services | Thorsten Ahlf
Die Leibrente ist noch immer eine Nische im Immobilien-Sektor. Doch Estermann schwört darauf. Nach und nach kauft er nach diesem Schema immer mehr Mehrfamilienhäuser in ganz Hamburg. „Ich habe oft nach ganz einfachen Immobilien gesucht, Bruchbuden“, erzählt Estermann. Die gab es für kleines Geld zu kaufen. Dann renovierte der Kaufmann die Wohnungen. Zwischenzeitlich hatte er dafür extra eine eigene Firma gegründet und Maler und Handwerker angestellt. Mit der Zeit konnte er manche seiner Mehrfamilienhäuser in Wohneigentum aufteilen. Die Gelegenheit für ihn, Wohnungen zu verkaufen. Mit etwa 60 war Estermann dann mehrfacher Millionär.
Geschick und Mut: So kam Estermann zu seinen Häusern„Ich habe nie eine Wohnung verkauft, die noch vermietet und bewohnt war“, betont er. „Ich wollte niemanden auf die Straße setzen. So etwas spricht sich rum. Und der gute Ruf ist das A und O in meiner Branche.“ Er sagt, viele Häuser und Aufträge habe er nur erhalten, weil er zu seinem Wort steht. „Menschenkentnis und ein Handschlag – darauf kommt es an“, ist sich der 86-Jährige sicher. Er erzählt, dass er mit seinen Angestellten oftmals keinen Vertrag unterschrieben habe. „Man kann mir vertrauen, und das weiß auch jeder.“
Estermann erinnert sich, dass er als junger Kaufmann einst ein großes Haus ins Auge gefasst hatte, der Besitzer es ihm aber nicht verkaufen wollte. Aus Angst, dass Estermann zu jung sei und den Kredit nicht bezahlen könnte. „Ich wusste, dass eine der Bewohnerinnen mit der Frau des Hausbesitzers gut befreundet war. Also bin ich dort hin und habe gesagt: Wenn du für mich ein gutes Wort einlegst, dann baue ich dir ein neues Bad und eine Einbauküche ein und obendrein musst du fünf Jahre lang keine Mieterhöhung befürchten.“ Er schmunzelt bei der Anekdote und ist doch sichtlich stolz auf sein Geschick: „So habe ich das Haus tatsächlich bekommen.“
Millionär kritisiert Immobilienbranche: „Finde ich unanständig“Die hohen Maklerprovisionen heutzutage sieht Estermann kritisch. „Als ich noch aktiv war, waren drei Prozent normal. Heute bekommen Makler oft sechs bis sieben Prozent des Kaufpreises. Das finde ich unanständig.“ Doch nicht nur das lässt ihn mittlerweile kritisch auf die Immobilienbranche blicken. „Es ist so teuer geworden, Häuser zu kaufen. Die Zinsen sind einfach zu hoch“, sagt er. Und: „Heute würde ich nicht mehr in die Immobilienbranche einsteigen.“
Estermann sagt, der Motor, der ihn all die Jahre angetrieben habe, sei der Wunsch nach einem guten Leben im Alter. „Allein von der Rente, die man aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit erworben hat, wird man zukünftig nicht menschenwürdig leben können“, sagt er. Und kommt nochmals auf seine Mutter zu sprechen. „Sie stellte mir eines Tages zwei gleich aussehende Teller mit Essen auf den Tisch. Ich sollte wählen, welchen Teller ich wollte. Danach erklärte mir meine Mutter, dass auf meinem Teller ca. 10 Prozent weniger waren. Sie hatte das Essen nur etwas geschickt verteilt, sodass es nach mehr aussah. Was sollte ich daraus lernen? Von jedem Geld, das ich einmal bekomme, sollte ich immer 10 Prozent sparen. Und so habe ich es immer gemacht.“
Estermann sagt, er würde sich wünschen, dass viel mehr Menschen Wohneigentum besitzen würden. Doch laut Statistischem Bundesamt besitzen in Deutschland nur knapp 45 Prozent der Haushalte eine eigene Immobilie, womit das Land im europäischen Vergleich eine der niedrigsten Eigentumsquoten aufweist. „Dabei ist Wohneigentum die beste Altersvorsorge, die man haben kann“, sagt Estermann.
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