Jens Spahn räumte seinen Irrtum ein – Gianni Infantino schwurbelte sich heraus. Beide hatten die Reaktionen auf ihre Entscheidungen fatal falsch kalkuliert. Wie kommt es dazu, dass Menschen im Rampenlicht der Blick auf die Realität verrutscht?
Zwei in ihrer eigenen Welt: Donald Trump und Gianni Infantino nach dem Finale der Fußball-WM.
Foto: Jacquelyn MartinMeinung | Düsseldorf · Jens Spahn räumte seinen Irrtum ein – Gianni Infantino schwurbelte sich heraus. Beide hatten die Reaktionen auf ihre Entscheidungen fatal falsch kalkuliert. Wie kommt es dazu, dass Menschen im Rampenlicht der Blick auf die Realität verrutscht?
Nur einer von beiden hatte den Mut, seinen Fehler einzuräumen. Als Jens Spahn der Unionsfraktion im Bundestag seinen Rücktritt als Vorsitzender erklärte – Grund war die Kritik, dass er und sein Mann per Leihmutterschaft Väter geworden waren –, schrieb er, ihm sei „in den letzten Tagen immer klarer geworden“, dass seine Familie ihm das Wichtigste sei. Und: „Der Spagat zwischen meiner privaten Entscheidung und der nachvollziehbaren Erwartung an mich als Vorsitzenden unserer Fraktion ist größer geworden, als ich es erwartet hatte.“
Gianni Infantino, Chef des Fußball-Weltverbands Fifa, erbrachte größere Schwurbelleistungen, als er seinen Plan aufgab, Rechte an der WM an Investoren zu verkaufen. „Nach sorgfältiger Abwägung ist deutlich geworden, dass das Projekt zu einer Spaltung geführt hat“, erklärte er: „Folglich wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt.“ Unpersönlichkeit und Passiv sind die grammatischen Formen, Verantwortung zu verwischen. Wo Spahn persönliche Erkenntnis und Irrtum anführte, lobte sich Infantino noch für seine Aufmerksamkeit.
Harte Stilkontraste, wie so oft. Und doch eine Gemeinsamkeit: Hier hatten zwei Männer offenbar die Reaktionen sehr falsch kalkuliert. Das ist überraschend, denn beide sind auf ihrem Gebiet gewieft, mit allen Wassern (Infantino womöglich sogar mit allen Abwassern) gewaschen. Spahn ist schon mehr als die Hälfte seines Lebens Bundestagsabgeordneter und hat hohe Ämter bekleidet, er ist also mit den Mechanismen der Politik bestens vertraut. Infantino mischt bereits ein Vierteljahrhundert in den Fußballverbänden Uefa und Fifa mit.
Wenn Emotionen die Realität verzerren
Es ist, das macht die Frage noch dringlicher, ein bekanntes Phänomen. Dass auch alten Hasen sich der Blick vernebelt, kommt in Politik, Sport, Kunst und Militär vor, in Geschichte und Gegenwart, in Demokratien, Imperien und Diktaturen, in Kleingartenvereinen und Supermächten. Realitätsverlust scheint ein allgemein menschliches Problem zu sein. Deswegen lohnt der Versuch, ihn ein wenig zu systematisieren.
Emotionale Aufwallung erhöht zweifellos die Gefahr des Realitätsverlusts. Einerseits als Panik oder Trotz im Fall einer Krise – wie konnte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron so verschätzen, als er nach einer Schlappe bei der Europawahl 2024 das Parlament auflöste? Quälende Blockade ist das Ergebnis. Oder im beleidigten Affekt: Kein Kanzler vor ihm habe so viel einstecken müssen, klagte Friedrich Merz. Schwer haltbar. Andererseits als Berauschtheit nach großen Siegen. Franz Beckenbauer tat 1990 kund: „Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein.“ Der Unfug machte ihn nur deshalb nicht dauerhaft unmöglich, weil Beckenbauer eben der Kaiser war, die Lichtgestalt, der man alles verzieh.
Fehlannahme der eigenen Unersetzbarkeit
Der wichtigste Risikofaktor für Realitätsverlust aber dürfte Macht sein. Macht ist als Durchsetzungsfähigkeit in Konflikten definiert worden, von Max Weber, oder als Ergebnis gemeinsamen Handelns, von Hannah Arendt. In modernen Demokratien hat Macht beide Seiten. Beide verschaffen Befriedigung.
Beide verführen auch zu der Fehlannahme der eigenen Unersetzbarkeit. Helmut Kohl trat 1998 noch einmal zur Bundestagswahl an und fuhr eine sehr absehbare Niederlage ein – eine Rolle spielte dabei, dass er unbedingt selbst die europäische Integration weiter gestalten wollte. Konrad Adenauer klebte auch deshalb so am Stuhl, weil er seinem Nachfolger Ludwig Erhard das Amt nicht zutraute. Wie die Stimmung „draußen im Lande“ tatsächlich ist, rutscht dabei schnell aus dem Blickfeld. Maximal zugespitzt wurde diese fast tragische Egozentrik 2005 von der abgewählten Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, Heide Simonis, in der hilflos-anmaßenden Frage: „Und was wird dann aus mir?“
Je mehr Politik auf Personen zugeschnitten wird, desto stärker wird dieses Muster. Je länger jemand Macht ausübt, desto größer ist die Gefahr. Der Journalist Jürgen Leinemann hat das schon vor mehr als 20 Jahren als Sucht erklärt und Johannes Rau zitiert: Der Politiker habe „von morgens bis abends nur die Politik, um die sich alles dreht“. Bücher, Sport, Familie: zweitrangig. Wer den großen Rest des Lebens übersehe (heute würde man sagen: wer es nicht aus seiner Blase herausschafft), der „verschätzt sich in der Welt“, warnte Rau.
Realitätsverlust durch grenzenlose Macht
In demokratischen Systemen wird Macht kontrolliert auf Zeit ausgeübt. In Autokratien und Diktaturen fehlen diese Schranken. Kommt dann noch ein starkes Sendungsbewusstsein hinzu, liegen alle Zutaten für Realitätsverlust bereit. Wladimir Putin, auf imperialen Pfaden unterwegs, Kostenpflichtiger Inhalt glaubte 2022, die Ukraine im Handstreich erobern zu können.
Herrscher in geschlossenen Systemen neigen dazu, Wunschvorstellungen für bare Münze zu nehmen, weil ihre Apparate Informationen so filtern, wie es opportun erscheint. Stalin wollte es 1941 nicht wahrhaben, dass die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hatte. Hitler träumte 1945 in seinem Führerbunker von Armeen, die es nicht mehr gab.
Das sind die extremsten Formen des Realitätsverlusts. Allerdings wäre vor ein paar Jahren auch die faktenfreie Kommunikation Donald Trumps unvorstellbar gewesen. Trump ist auch hier ein Sonderfall: Er lebt und webt in einem eingespielten demokratischen System, führt sich aber auf wie ein frühneuzeitlicher Monarch. Realitätsverlust ist hier ebenso (möglicherweise nicht zuletzt medizinisches) Symptom wie Machtmittel, nach dem Motto: Frechheit siegt.
Spätestens bei Trump fragt sich deshalb: Kann der das selbst glauben, was er da von sich gibt? Die Frage muss offenbleiben. Allenfalls ein Verweis auf einen von Trumps Vorgängern ist hier sinnvoll, nämlich den großen Abraham Lincoln, einen Erzrealisten, dessen Pragmatismus im Bürgerkrieg die Union rettete. Ihm wird der Satz zugeschrieben, man könne einige Leute die ganze Zeit zum Narren halten, alle einige Zeit, aber nicht alle die ganze Zeit.
Was Staat und Demokratie angeht, muss dem zustimmen, wer noch einen Funken Optimismus hat. Ob man sich als realitätsverlorener Machtmensch nicht auch dauerhaft selbst zum Narren halten kann, steht auf einem anderen Blatt.
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