Berge, Wälder, Schafe fliegen an mir vorbei. Idylle auf Speed! Nein, ich sitze nicht in einem Flugzeug, sondern in …
Berge, Wälder, Schafe fliegen an mir vorbei. Idylle auf Speed! Nein, ich sitze nicht in einem Flugzeug, sondern in einem Formel-1-Boliden. Vor mir sitzt Yuki Tsunoda (26), Test- und Reserve-Fahrer bei Oracle Red Bull Racing. Er denkt gar nicht dran, mir die Landschaft zu zeigen. Wir schießen mit 300 km/h über die Ziellinie des Red-Bull-Rings in Österreich, und in meinem Kopf gibt es nur einen einzigen Gedanken: Noch mal!“
Ich, der BILD-Reporter, bekam die einmalige Chance, in einem echten Formel-1-Auto mitzufahren. Der geilste Trip meines Lebens!
Die Ruhe vor dem SturmAls ich am Vorabend am Red-Bull-Ring in Spielberg ankomme, liegt die Steiermark still und verschlafen da. Die Berge ragen über dem Tal auf, Schafe grasen auf den Wiesen, und ein leichter Wind zieht über die Hügel. So habe ich diese Rennstrecke noch nie erlebt. Ich kenne die Gegend nur als riesige Formel-1-Party. Jetzt ist der Ring leer.
BILD-Reporter Enrico Ahlig vor der gigantischen Kulisse des Red-Bull-Rings
Am nächsten Morgen wecken mich die Schafe. Wenig später zerreißt ein aggressives Röhren die Ruhe. Das ist kein Tier. Das ist ein Formel-1-Motor. Mein Formel-1-Motor. Denn heute darf ich, der BILD-Reporter, im Rahmen der „Wings for Life“-Charity-Veranstaltung in einem Zweisitzer zwei Runden mit Yuki Tsunoda mitfahren. Der Formel-1-Zweisitzer basiert auf dem Tyrrell 026 und wird von einem 750 PS starken Ford-Cosworth-V10-Motor angetrieben, der bis zu 16.500 Umdrehungen pro Minute erreicht und Geschwindigkeiten von 300 km/h ermöglicht. Das klingt nach einem Abenteuer.
Ich trete auf die Terrasse und blicke hinunter zur Strecke. Erst von hier oben wird sichtbar, wie extrem die Höhenunterschiede wirklich sind. Im Fernsehen erscheint der Red Bull Ring kompakt und fast übersichtlich. In der Realität sieht er aus wie eine Achterbahn, die jemand mitten in die Landschaft gemeißelt hat.
In diese Achterbahn werde ich gleich einsteigen, gesteuert von Yuki Tsunoda, einem Mann, der später bremst, schneller einlenkt und näher ans Limit geht als jeder normale Mensch.
Nachdem ich an der Strecke angekommen bin, steht zunächst ein kleiner Medizincheck an. Der Blutdruck wird gemessen, alles ist in Ordnung – noch. Ralf Schumacher schreibt mir: „Das Bremsen am Ende der langen Geraden ist krass.“
Kurz den Blutdruck testen …
In einem Nebenraum entdecke ich eine Spielekonsole, natürlich eingestellt auf den Red Bull Ring. Ich setze mich davor und fahre eine letzte virtuelle Runde. Einmal noch selbst lenken, bevor ich für die entscheidenden Minuten jede Kontrolle abgebe.
Auf der Konsole fühlt sich das Bremsen einfach an. Taste drücken, das Auto wird langsamer. Einfach. Wenig später werde ich lernen, wie sich ein echter Bremsvorgang in einem Formel-1-Auto anfühlt.
… und eine Runde auf der Konsole um die Strecke düsen!
David Coulthard (55) erwartet mich neben der Garage. Der Schotte fuhr 246 Formel-1-Rennen, gewann 13 davon und besiegte 2001 in Spielberg Michael Schumacher (57). Als ich ihn frage, was mich im Auto am meisten überraschen werde, muss er nicht lange überlegen. Seine Antwort lautet schlicht: „Das Bremsen.“
David Coulthard hat für den BILD-Reporter noch ein paar weise Worte übrig
Nicht die Beschleunigung? „Diese Art der Beschleunigung kennst du vielleicht schon aus einem Elektroauto“, erklärt Coulthard. „Aber hier hält sie immer weiter an, bis zu dem Moment, in dem gebremst wird. Und die Bremswirkung ist extrem.“
Das Bremsen also. Das hat mir Ralf Schumacher schon geschrieben. Dann muss da was dran sein. „Falls du noch jemanden anrufen musst“, sagte der frühere Formel-1-Star, „ruf deine Familie an und sag ihnen, dass du sie liebst.“ Coulthard lacht.
„Du bist der Nächste!“Dann geht alles sehr schnell. Ich bekomme feuerfeste Unterwäsche, Rennanzug, Sturmhaube, Handschuhe und Helm. Anschließend geht es direkt zum Auto.
Rein in die feuerfesten Klamotten!
Die Mechaniker schauen mich mit einem Grinsen an, das nichts Gutes verheißt. Sie wissen genau, was gleich passieren wird. Sie kennen das Auto, die Strecke und vermutlich auch die Gesichter der Menschen, die wieder aus diesem Cockpit steigen.
Yuki sitzt bereits vorn im Wagen. Für ihn ist der Zweisitzer auch eine Premiere heute. Er blickt mich mit einem Blick an, der mir sagen will, dass wir hier keine gemütliche Ausfahrt unternehmen werden.
Ich klettere in den hinteren Sitz. Meine Beine liegen seitlich neben Yuki. Der Platz ist eng, der Sitz hart, die Gurte werden festgezogen – sehr fest. Danach wird das HANS-System angelegt, das Kopf und Nacken bei einem Unfall schützen soll.
Das Auto wird auf den Boden gesetzt. Ein Mechaniker hebt den Arm. Freigabe.
Es knallt und rumpelt, dann erwacht der Motor nur wenige Zentimeter hinter mir zum Leben. Man hört ihn nicht einfach nur, man spürt ihn. Jede Vibration scheint direkt durch das Chassis in meinen Körper zu wandern. Es gibt keine weichen Sitze, keine Dämmung und keinen Abstand zwischen Mensch und Maschine. Der Motor ist fest mit dem Auto verbunden, und ich bin es jetzt ebenfalls.
Unter den Augen der Crew und Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies (2.v.r.) beginnt das eigentliche Abenteuer
Schon das Anfahren fühlt sich anders an als in einem normalen Wagen. Das Auto rollt nicht einfach los, sondern schießt nach vorn, als würde jemand an einem unsichtbaren Seil ziehen.
Mein Oberkörper wird tief in den Sitz gepresst. Wir fahren aus der Boxengasse und beschleunigen bereits auf dem Weg zur eigentlichen Strecke. Weil wir aus der Box kommen, muss Yuki die erste Kurve noch einmal enger und langsamer nehmen.
Und da ist sie: Coulthards Warnung. Die Bremse.
Der BILD-Reporter hört auf Coulthardts Hinweis: „Am besten den Kopf leicht nach rechts drehen, dann siehst du mehr“
Mein Kopf fliegt nach vorn. Gefühlt bewege ich mich einen halben Meter, obwohl es wahrscheinlich nur wenige Zentimeter sind. Die Gurte schneiden sich in den Körper, während das HANS-System den Helm zurückhält. Ich bin kaum auf diesen Schlag vorbereitet, da beschleunigt Yuki bereits. Denn jetzt beginnt der Trip erst richtig. Mit Vollgas geht es den Berg hinauf. Der Höhenunterschied der Strecke beträgt rund 65 Meter, doch im Auto fühlt es sich an, als würden wir an einer Rakete hängen. Der Wagen zieht auf 300 km/h, der Motor brüllt, mein Kopf wackelt. Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob wir gleich abheben. Zum Glück tun wir es nicht.
Dann kommt Kurve 3. Yuki bremst 100 Meter vor der Kurve und mein Kopf schießt nach vorn. Wahnsinn. Innerhalb weniger Millisekunden sind wir auf 70 km/h runter. Die Bremse beißt brutal zu.
Ohne HANS-System würde mein Kopf vermutlich Pingpong spielen – nach vorn, zurück, zur Seite. Doch bevor ich den Bremsvorgang überhaupt verarbeitet habe, befinden wir uns schon wieder auf der nächsten langen Geraden.
Genau so funktioniert eine Runde im Formel-1-Auto: Der Körper verarbeitet noch den vergangenen Moment, während das Auto längst beim nächsten angekommen ist.
Der Vollgas-Anteil der Strecke liegt bei über 60%
Mit 300 km/h geht es Richtung Kurve 4. Dieses Mal weiß ich, was mich erwartet. Ich schließe beim Bremsen instinktiv die Augen. Rumms. Auf 110 km/h runter, dabei direkt in die längere Rechts-Kurve. Die Abfahrt beginnt! Sofort wieder Vollgas. Jetzt kommt die wilde Kurvenpassage. Mit 170 km/h geht es in die erste schnelle Linkskurve. In einem normalen Auto hätte ich wohl das Gefühl, dass wir umkippen. Hier nicht. Wir liegen auf der Straße.
Mein Kopf kippt nach rechts. Der Körper bleibt im Sitz fixiert, aber im Helm arbeitet alles: Nacken, Schultern und Augen. Die seitlichen Kräfte drücken mich in die entgegengesetzte Fahrt-Richtung. Die G-Kräfte. Da sind sie. Und ich verstehe sofort, wieso ein Formel-1-Pilot körperlich am Limit sein muss. Die Physik will dich zerstören. Du musst in der Lage sein, dich zu wehren. Sonst zerreißt es dich.
Zu meiner Linken erhasche ich die große Verstappen-Tribüne. Sie ist an diesem Tag leer, doch vor meinem inneren Auge erscheint sie voll besetzt. Tausende Verstappen-Fans in Orange, Fahnen, Rauch und Jubel. Wie muss es sich für einen Fahrer anfühlen, wenn eine ganze Tribüne deinen Namen ruft? Heute jubelt nur einer: ich. Einfach, weil ich hier tatsächlich mitfahren darf.
Die nächste Linkskurve folgt unmittelbar, danach ein schneller Richtungswechsel mit 220 km/h. Der Wagen scheint nicht über die Strecke zu fahren, sondern von Kurve zu Kurve geschossen zu werden.
Jetzt fehlen nur noch die letzten beiden Rechtskurven. Für einen Moment denke ich: Gleich ist es geschafft. Yuki denkt anders. Er dreht noch einmal auf. Nach all den Schlägen und Richtungswechseln folgt erneut volle Beschleunigung. Mit 280 km/h stürzen wir uns in die vorletzte Rechtskurve, anschließend holt Yuki Schwung für das Finale.
Dann kommt die letzte Kurve. Wir fahren mit 160 km/h hart über die Randsteine. Das Auto rüttelt so heftig, als würden wir über Schotter rasen. Dann richtet Yuki den Wagen auf und gibt Vollgas.
Vor uns liegt wieder die Zielgerade. Der Motor schreit, die Beschleunigung drückt mich tief in den Sitz, und wir jagen über die Linie für die zweite Runde.
Das Spiel beginnt von vorn. Zeit und Raum verschwimmen.
Das Erstaunliche ist, dass ich keine Angst empfinde. Dafür bleibt schlicht keine Zeit. Jeder Moment ist so intensiv, dass der Kopf nur reagieren kann. Staunen, anspannen, Luft holen – und schon wartet die nächste Kurve.
Daumen hoch in der zweiten Reihe! Nach drei Minuten ist der Spaß schon wieder vorbei
Nach zwei Runden rollen wir zurück in die Box. Der Motor verstummt, und plötzlich ist alles still. Die Mechaniker lösen die Gurte, das HANS-System wird abgenommen, und ich steige langsam aus dem Cockpit. Meine Beine wackeln ein wenig, doch die Freude ist größer. Viel größer.
Ich bin gerade in einem Formel-1-Auto über den Red Bull Ring gefahren. Mit Yuki Tsunoda.
Erst jetzt bemerke ich die Hitze. Feuerfeste Unterwäsche, Rennanzug, Handschuhe und Sturmhaube liegen eng am Körper. Während der Fahrt habe ich davon nichts gespürt. Nur das Adrenalin. Nach dem Aussteigen beginnt der Körper seine Arbeit: Der Schweiß läuft mir den Körper herunter.
BILD-Reporter Enrico Ahlig freut sich, dass er den wilden Ritt überstanden hat
David Coulthard kommt zu mir und fragt: „Und? Wie war es?“ Ich stehe noch immer unter Strom. „Geil! Du hattest so recht. Das Bremsen ist irre. Aber dieses Vollgasgefühl ist unglaublich.“
Dann stelle ich ihm die entscheidende Frage: „Ist es für eine Formel-1-Karriere jetzt schon zu spät?“ Coulthard lacht. „Ein bisschen.“
Yuki Tsunoda (l.) zeigte dem BILD-Reporter, wie es sich in einem echten Formel-1-Auto anfühlt
Ich lache ebenfalls und schaue noch einmal hinüber zur Strecke, zu den Bergen, den Tribünen und dem Asphalt, dem ich noch nie so nah kam.
Die Formel 1 fasziniert Millionen Menschen – wegen der Geschwindigkeit, der Autos und der Helden, die um Bruchteile von Sekunden kämpfen. Jetzt weiß ich zumindest ein wenig besser, wie es sich in solch einem Auto anfühlt. Laut, heiß und hart. Ein Mix, der süchtig machen kann.
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