Beim Mauer-Gedenken am Brandenburger Tor wurde ausgerechnet die politische Brandmauer zum Thema. Ein Kommentar.
Ich stolperte vergangene Woche in eine Gedenkveranstaltung zum 65. Jahrestag des Mauerbaus am Brandenburger Tor. Ich dachte, es würde an die Menschen erinnert werden, die Unterdrückung, Leid oder Flucht in der DDR erlebt haben oder an der Mauer starben. Stattdessen wurde aus dem Gedenken an die Berliner Mauer eine Bühne für die „Brandmauer“. Das war nicht mehr nur Erinnerungspolitik, sondern politische Vereinnahmung.
Tagespolitik bei einer GedenkveranstaltungOrganisiert wurde die Veranstaltung von der Vereinigung 17. Juni, die sich für die Opfer des SED-Regimes in der DDR einsetzt und an den historischen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnert. Dort, wo es am 13. August um die Erinnerung an die Mauertoten gehen sollte, sprach die AfD über Tagespolitik. Aus Worten des Gedenkens wurde ein aktuelles Anliegen der AfD – live, auf derselben Bühne.

Die AfD gedenkt den Mauertoten bei der von der Vereinigung 17. Juni ausgerichteten Gedenkfeier des 65. Jahrestags der Berliner Mauer mit einem Kranz.Stefan Zeitz Photography/IMAGO
Der AfD-Abgeordnete Ronald Gläser sprach in seiner Rede über die „bröckelnde Brandmauer“. Sie werde „eher früher oder später fallen“ und „die muss fallen“ – aber er sei ja nicht hier, „um über Tagespolitik zu sprechen“. Aber genau das hat er gemacht. Und auch der Vorstand der Initiative, Mike Mutterlose, machte sie zum Thema, als er mir im Interview sagte: „Ich persönlich halte nichts von Brandmauern.“
Die politische Brandmauer ist nicht die Berliner Mauer. Die Berliner Mauer war Beton, Stacheldraht und staatliche Gewalt. Die Brandmauer dagegen ist eine politische Abgrenzung innerhalb einer Demokratie. Wenn beides rhetorisch miteinander verknüpft wird, wird die Grenze zwischen Gedenken und politischer Selbstinszenierung auffallend dünn.
Dass die AfD an diesem Tag dadurch auffiel, scheint wunderbar zu ihrer politischen Strategie zu passen: nämlich Wählerstimmen gerade im Osten zu gewinnen, wo viele bis heute unter den Nachwirkungen der Mauer leiden.
AfD knüpft an DDR-Erfahrungen der Ostdeutschen anAber: Warum erreicht die AfD so viele Ostdeutsche? Weil sie an reale Erfahrungen anknüpft. Viele Ostdeutsche haben erlebt, dass ein Staat über ihr Leben bestimmt und bis heute das Gefühl, dass ihre Erfahrungen nicht ausreichend gesehen werden. Die AfD bietet dafür eine einfache Erklärung: Ihr wurdet nicht gehört. Wir hören euch. Ihr habt schon einmal für Freiheit gekämpft. Wir kämpfen heute weiter.
„Freiheit“ war auch bei dieser Veranstaltung einer der zentralen Begriffe. Dr. Kristin Brinker, Landesvorsitzende der AfD Berlin und Vorsitzende der AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, sagte: „Wir sollten alle immer dafür sorgen und uns dafür einsetzen, dass die Freiheit in einem Land, in einer Demokratie, das höchste Gut ist.“ Und Ronald Gläser erzählte, dass seine Eltern aus der DDR flohen, und dass er deshalb „in Freiheit“ aufwachsen konnte.

Auf der Bühne des Gedenkens meldete sich auch Ronald Gläser, Politiker der Alternative für Deutschland (AfD), zu Wort.dts Nachrichtenagentur/IMAGO
Diese Geschichten verdienen Erinnerung. Aber wer Freiheit zum politischen Leitbegriff macht, muss sich daran messen lassen, wie er mit den Freiheiten anderer umgeht.
Mutterlose sagte mir: „Wir müssen die Freiheit verteidigen. Weil diese nicht selbstverständlich ist.“ Das Problem ist: Das würde am Ende jede Partei unterschreiben. Die Lehre des 13. August kann aber nicht sein, wer am lautesten „Freiheit“ ruft. Man muss fragen: Wie weit reicht diese Freiheit? Für wen gilt sie?
Die Freiheit, für die die Menschen 1989 auf die Straße gingen, war keine Freiheit für nur diejenigen, die politisch ins eigene Weltbild passen. Wenn die AfD diese Erinnerungen also heute nutzt, um sich selbst als politische Erbin des Freiheitskampfes darzustellen, ist das mehr als Erinnerungspolitik. Es ist politische Selbstinszenierung.
Ein AfD-Politiker spricht über Flucht und Diktatur – und landet bei einem aktuellen Wahlkampfbegriff. War das wirklich nur ein kurzer Ausflug in die Tagespolitik oder nicht vielmehr die bewusste Vereinnahmung eines Gedenktages? Mutterlose sagte am Ende zu mir: „Das Ziel, was wir hier haben, Aufmerksamkeit, daran erinnern, ist erreicht.“ Aber woran genau wurde erinnert?

Ein Wort, zwei Bedeutungen: Die Brandmauer ist keine Mauer aus Beton, sondern eine politische Haltung.MICHAEL BIHLMAYER/IMAGO
Genau darin liegt die Ironie dieses Tages: Menschen riskierten ihr Leben, um eine echte Mauer zu überwinden. Wer bei ihrem Gedenken über eine ganz andere Mauer spricht – die politische Brandmauer –, muss sich fragen lassen: Ging es hier noch um die Opfer der Berliner Mauer, oder schon darum, welche Partei sich heute als ihre politische Vertreterin inszeniert?
Fluchtgeschichten sind keine Wahlkampfmunition. Erinnerungskultur darf unbequem sein, sie darf politisch sein. Aber sie darf nicht zum Eigentum einer Partei werden. Wer aus der Geschichte vor allem eine Geschichte über die eigene Partei macht, hat vielleicht über die Vergangenheit gesprochen. Gelernt hat er daraus noch lange nicht.
Was ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schreiben Sie uns an leser-bk@berlinerverlag.com.
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