Nach dem Terroranschlag am CSD feiern Zehntausende bei Rave The Planet. Zwischen Hitze, Polizeischutz und Techno setzt Berlin ein Zeichen.
Berlin tanzt, und das trotz 35 Grad, trotz Terrorangst. Zehntausende Techno-Fans haben am Samstag bei der Parade „Rave The Planet“ im Tiergarten gefeiert. Zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule wummern die Bässe, Trucks rollen über die Straße des 17. Juni. Doch über der ausgelassenen Party liegt auch der Schatten des islamistischen Terroranschlags vom 25. Juli.
Parade unter hohen SicherheitsvorkehrungenDie Techno-Parade ist die erste große Veranstaltung in unmittelbarer Nähe des damaligen Tatorts seit dem Anschlag beim Christopher Street Day. Entsprechend hoch sind die Sicherheitsvorkehrungen. Rund 1500 Polizistinnen und Polizisten sind im Einsatz, ein Hubschrauber kreist über dem Geschehen, auch Drohnen sollen die bis zum Abend dauernde Veranstaltung überwachen.

Schrill und bunt feierten die Parade-Teilnehmer auf der Straße des 17. Juni.FABIAN SOMMER/AFP
Gleichzeitig wird die Hitze zur zweiten großen Herausforderung. Rund 35 Grad zeigt das Thermometer im Schatten, auf der ungeschützten Straße des 17. Juni und rund um den Großen Stern fühlt es sich noch deutlich heißer an. Die Veranstalter haben deshalb eindringlich dazu aufgerufen, ausreichend zu trinken und auf den eigenen Körper zu achten.
Drohnen, Poller und jede Menge PolizeiRund um die Veranstaltungsfläche gibt es zahlreiche Sperrungen. Wege im Tiergarten sind abgeriegelt und teilweise mit Pollern gesichert. Polizeikräfte sind zu Fuß und zu Pferd unterwegs. Auch der öffentliche Nahverkehr ist betroffen: Die S-Bahn hält nicht mehr am Brandenburger Tor, die U-Bahnhöfe Brandenburger Tor und Bundestag werden nicht angefahren.

Zur Abkühlung tanzen die Techno-Fans unter dem Wassernebel eines Wasserwerfers der Polizei.Christophe Gateau/dpa
Die Veranstalter rechneten mit bis zu 300.000 Teilnehmern. Die Polizei spricht gegen 17.30 Uhr von zehntausenden Menschen. Doch bevor die Bässe richtig loslegen, wird es still. Mit einer Schweigeminute erinnern die Raver an die Opfer des Anschlags vom 25. Juli.
Dr. Motte, Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation „Rave The Planet“, richtet bei der Auftaktkundgebung einen Appell an die Menge. „Dann könnte daraus vielleicht Weltfrieden entstehen. Lasst uns doch diese Vision Wirklichkeit werden“, sagt der Techno-Pionier.

Techno-Pionier und Mitorganisator Dr. Motte legte auf.Christophe Gateau/dpa
Auch aus der Berliner Kulturszene kommen deutliche Worte. Julia Miosga vom Berliner CSD-Verein sagt: „Lasst uns mutig sein. Lasst uns Haltung zeigen. Jetzt erst recht.“ Anna-Maria Seifert vom Karneval der Kulturen sagt: „Unsere Stadt Berlin ist stark, wenn die Menschen zusammenkommen. Wir sind viele, wir sind vielseitig und darin liegt unsere Stärke.»
Terroranschlag noch frisch im GedächtnisViele der Feiernden haben die Bilder des 25. Juli noch vor Augen. Damals feierten Hunderttausende beim CSD rund um das Brandenburger Tor. Am Abend raste ein islamistischer Attentäter im Tiergarten mit einem Van in eine Menschengruppe und griff anschließend vermutlich mit einer Machete Menschen an. Eine Frau starb, mindestens 31 weitere Menschen wurden teilweise schwer verletzt. Einen Tag später wurde der Täter von der Polizei erschossen.

Bei 34 Grad in der Hauptstadt fielen die Outfits knapper aus.Mehrdad Samak-Abedi/Imago
Nun stehen wieder Zehntausende Menschen im Tiergarten. Nur diesmal mit Glitzer, Techno und einer klaren Botschaft: Angst soll nicht das letzte Wort haben. Doch gegen die Hitze müssen selbst die härtesten Raver kämpfen.
Wasser marsch für die Techno-FansNahe der Siegessäule sorgt die Polizei mit einem Wasserwerfer für Abkühlung. In regelmäßigen Abständen wird kühles Wasser in Richtung der Feiernden gesprüht. Auch mehrere Musik-Trucks versprühen Wassernebel. Dazu kommen Wasserschläuche und natürlich jede Menge Trinkwasser.

Beim Outfit für die Techno-Parade kennt die Fantasie keine Grenzen.Christophe Gateau/dpa
Die Berliner Feuerwehr hat wegen der Hitze ihre Kräfte aufgestockt. Zusätzlich zu den rund 600 regulären Kräften sind 200 weitere Helfer im Einsatz, ein großer Teil davon Ehrenamtliche. Der Veranstalter hat außerdem einen eigenen Sanitätsdienst mit fünf Unfallhilfestellen eingerichtet.
Die Veranstalter wissen, dass Hitze, Alkohol und Drogen eine gefährliche Mischung sein können. Ellen Dosch-Roeingh sagt: „Wir können den Leuten nichts vorschreiben und nur an den Verstand appellieren“.
Bis zum späten Nachmittag bleibt die Lage nach Angaben der Polizei weitgehend ruhig. Eine Person wird wegen des Verdachts des Drogenhandels vorübergehend festgenommen. Die Feuerwehr spricht von einem entspannten Verlauf.
Im vergangenen Jahr hatte sie bei der Parade deutlich mehr zu tun. Damals allerdings bei Regen. Viele Einsätze waren laut Feuerwehrsprecher auf „klassische Veranstaltungssymptome“ zurückzuführen, also auf alkohol- oder drogenbedingte Probleme.
Dieses Jahr lautet das wichtigste Party-Mantra deshalb: trinken, trinken, trinken – aber Wasser. Etliche Raver ziehen sich für eine Pause unter die Bäume des Tiergartens zurück. Conny und Julia aus Köln haben sich vorbereitet: Wasserspray und „unglaubliche Mengen Wasser“ sind im Rucksack. Die Dusche des Wasserwerfers finden sie „mega“ – selbst wenn dabei die mühsam aufgeklebten Glitzersteinchen im Gesicht leiden.

Feiernde lassen Seifenblasen zu wummernden Techno-Beats blubbern.FABIAN SOMMER/AFP
Frank und Nicolas aus Frankreich setzen ebenfalls auf Wasser und Elektrolyte. Frank kennt die Techno-Parade schon lange und war bereits bei der Loveparade dabei. „Das ist nicht nur eine Party, das ist für elektrische Musik, für die Kultur.“
Und Melanie aus Solingen hat ihr Outfit ebenfalls dem Wetter angepasst. Ihr Bikini glitzert wie eine Discokugel. „Ich habe befürchtet, dass es heiß wird. Darum ist weniger mehr“, sagt sie.
Berlin tanzt also weiter, mit Wasserflaschen gegen den Hitzekoller und Sicherheitskräften statt Sorglosigkeit. Die Botschaft ist klar: Gerade jetzt erst recht.
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