Klimaanlage in EU-Gebäude abgeschaltet. Aber nur für die unteren Mitarbeiter. Das kam nicht gut an. Vor allem nicht in Etage 1 bis 7.
Es ist 12 Uhr mittags, als rund 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Europäischen Kommission auf ihren Diensthandys eine Nachricht erhalten, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt: „BERL — URGENT — Due to extreme weather conditions, forced shut down of air cooling system from floor 1 to 7 for the rest of the day.“
So zitiert es das Nachrichtenportal Politico Europe, das die interne Meldung am Freitag publik gemacht hat. Übersetzt heißt das: Wer in den Etagen eins bis sieben sitzt, schwitzt ab sofort solidarisch mit dem Rest Belgiens. Die oberen Chargen und Etagen arbeiten weiter in vornehmer Kühle.
Denn wer in den oberen Stockwerken arbeitet, bemerkt die Sparmaßnahme allenfalls aus der Ferne. Das 13-stöckige Berlaymont-Gebäude beherbergt nicht nur das Fußvolk der Brüsseler Bürokratie, sondern auch die politische Spitze der Union. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen residiert im 13. Stock, die meisten ihrer 26 Kommissare in den Etagen ab dem achten Stockwerk aufwärts – und genau dort blieb die Klimaanlage in Betrieb.
„Wie im Feudalismus“Die Reaktionen aus der Belegschaft fielen entsprechend deutlich aus. „Es ist wie Feudalismus“, zitiert Politico einen Kommissionsbeamten aus den unteren Etagen, der namentlich nicht genannt werden wollte. Ein anderer Mitarbeiter sprach schlicht von einer „Schande“. Ein Kollege aus dem achten Stock berichtete, selbst mit funktionierender Klimaanlage habe das Thermometer in seinem Büro noch 25,7 Grad angezeigt – ein Wert, bei dem sich der Unmut über die Zwei-Klassen-Kühlung noch einmal in einem anderen Licht betrachten lässt.
Unten heiß, oben kühl: Der Berlaymont-Komplex der EU-Kommission.
© NICOLAS TUCAT
Pikant ist die Episode auch deshalb, weil die Generaldirektion Landwirtschaft (DG AGRI) und andere Dienststellen schon seit Tagen über Hinweise der Kommissionsleitung verärgert sind. Diese hatte ihren Beschäftigten unter anderem empfohlen, die heißesten Stunden des Tages zu meiden, regelmäßig Wasser zu trinken und früher mit der Arbeit zu beginnen – Ratschläge, die in Gebäuden ganz ohne Klimaanlage offenbar als wenig hilfreich empfunden wurden. Das Portal Euractiv ordnet den Vorfall in eine Reihe von Schwachstellen ein, die die Hitzewelle in der europäischen Infrastruktur zutage fördert – von Zugausfällen über Homeoffice-Empfehlungen bis hin zum nun teilweise ausgefallenen Kühlsystem im „Berlaymont“.
Eine Hitzewelle mit SymbolkraftBelgien und weite Teile Europas leiden seit einer Woche unter Rekordtemperaturen. In Belgien fährt etwa jeder fünfte Zug ohne Klimaanlage, weshalb die nationale Bahngesellschaft viele Verbindungen zu Stoßzeiten gestrichen hat. Auch das Europäische Parlament musste in dieser Woche Stromausfälle hinnehmen, weil die hochgefahrenen Kühlsysteme zu viel Energie zogen.
Hinter den Brüsseler Anekdoten steckt ein strukturelles Problem: Nur rund ein Fünftel der europäischen Haushalte verfügt über eine Klimaanlage. Der Kontinent, der gemäßigtes Klima gewohnt war, ist baulich und energetisch schlecht auf die neue Realität vorbereitet. Das Berlaymont selbst wurde 2004 umfassend modernisiert – doch wenn Außentemperaturen und Spitzenlasten im Stromnetz zusammenfallen, geraten auch moderne Energiemanagementsysteme an ihre Grenzen.
Der Klimateufelskreis wirkt auch in BrüsselHinzu kommt ein energiewirtschaftlicher Teufelskreis, den unter anderem das Nachrichtenportal Semafor beschreibt: Während die Nachfrage nach Kühlung in Hitzeperioden explodiert, sinkt zugleich häufig die Windstromproduktion, weil stabile Hochdrucklagen – meteorologisch oft ein „Omega-Block“ – die Luft weitgehend stillstehen lassen. Stromnetze und Kühlsysteme geraten so doppelt unter Druck.
Arbeitsrecht und KlimaanpassungAus arbeitsrechtlicher Sicht ist die Sache heikler, als es zunächst scheint. Das EU-Beamtenstatut verpflichtet die Institutionen zu angemessenen Arbeitsbedingungen. Was das bei 35 Grad im Schatten und unklimatisierten Großraumbüros konkret bedeutet, wird zunehmend diskutiert – auch von Personalvertretungen innerhalb der EU-Institutionen, die seit Jahren auf ungleiche Klimatisierung und fehlende Hitzeschutzkonzepte hinweisen. In Belgien selbst greifen ab bestimmten Innenraumtemperaturen gesetzliche Richtwerte, die Arbeitgeber zu Maßnahmen wie zusätzlicher Ventilation oder Arbeitszeitanpassungen verpflichten.
Damit rückt der Vorfall in ein politisch unangenehmes Licht. Die Kommission ist mit dem Europäischen Green Deal angetreten, den Kontinent zum globalen Vorreiter im Klimaschutz zu machen. Gleichzeitig zeigt ihr eigenes Hauptquartier exemplarisch, woran es bei der Klimaanpassung hapert: an Gebäuden, die für das Klima von gestern gebaut wurden, an Stromnetzen, die für die Lastspitzen von morgen nicht ausreichen, und an einem Zielkonflikt zwischen Energieeffizienz und wachsendem Kühlbedarf, den niemand so recht auflösen mag.
Im Cinquantenaire-Park in Brüssel erfrischen sich Menschen in einem Springbrunnen.
© Omar Havana/AP/dpa
Dass dabei ausgerechnet die Kommissarsetagen weitergekühlt wurden, während die Sachbearbeiter unten schwitzen, ist mehr als nur eine pikante Randnotiz. Es ist ein Bild, das hängenbleibt – und das in Brüssel niemand inszeniert hätte: die Klimapolitik der EU als Etagenfrage.
Klimaanlagen, heiße Büros und eine verheerende SymbolikEine offizielle, ausführliche Stellungnahme der Kommission zur Ursache des Ausfalls lag am Freitagnachmittag noch nicht vor. Die bisher verfügbaren Berichte stützen sich weitgehend auf die interne Mitteilung und auf Aussagen von Beschäftigten, die anonym mit Medien sprachen.
Ein ähnliches Bild hatte sich bereits 2023 im Europäischen Parlament in Straßburg gezeigt, wo Kühlprobleme zu Sitzungsunterbrechungen und improvisierten Notlösungen mit Ventilatoren führten. Die strukturellen Defizite, so scheint es, sind seither nicht kleiner geworden – ebensowenig die Außentemperaturen.
Für Ursula von der Leyen, die ihre Amtszeit gern unter das Banner einer ambitionierten Klima- und Anpassungspolitik gestellt hat, ist der Freitag im Berlaymont damit vor allem eines: eine unfreiwillige Erinnerung daran, dass Glaubwürdigkeit in der Klimapolitik manchmal an sehr profanen Fragen hängt. Etwa der, ob die Klimaanlage auf Etage drei genauso zuverlässig läuft wie die auf Etage dreizehn.
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