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Die Ächtungskultur, neudeutsch Cancel Culture und eine mittelalterliche Sitte in neuem Moral-Gewand, stellt einen als Journalisten immer wieder vor eine Herausforderung: Soll man über neue Fälle noch schreiben, weil alles andere Gewöhnung und damit fast Komplizenschaft wäre – oder soll man es sich und seinen Lesern ersparen? Der vorliegende Fall ist so hanebüchen, dass ich ihn kurz aufgreifen möchte – weil er mich innerlich aufwühlt.
Ein Hotel, das sich für eines der besten in Deutschland hält, der „Bayerische Hof“ – seit vielen Jahrzehnten Hausherr der Münchner Sicherheitskonferenz, früher „Wehrkundetagung“, hat eine libertäre Denkfabrik, das „Ludwig von Mises Institut Deutschlands“ herausgeschmissen. Es darf künftig seine Tagungen nicht mehr dort abhalten.
Sind bei den Libertären Nazis aufgetreten? Schlachten sie im Morgengrauen Kinder? Nein, nichts von alledem. Der Tugendterror, der Deutschland und weite Teile der angelsächsischen Welt überrollt hat wie ein Tsunami einen Küstenstreifen, entfacht sich an einer vermeintlichen Aussage eines vermeint
lichen Mitglieds des wissenschaftlichen Beirats – und um eine verdächtige Adresse des Vereins.
An den Tag gebracht haben all das die Inquisitoren der ebenso notorisch linken wie finanziell notleidenden „Abendzeitung“ in München. Die Glaubenskrieger haben sodann den Verein beim Hotel angeschwärzt und vermelden jetzt stolz Vollzug: Man stehe „seit jeher für Weltoffenheit, Toleranz, Vielfalt sowie die Grundwerte einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft“, schrieb der „Bayerische Hof“ in einer Pressemitteilung zu dem Ausschluss der Libertären.
Ich habe mir – bevor mir jemand vorwirft, ich hätte nur oberflächlich hingeschaut – das Zitat selbst besorgt. Es stammt von Hans-Hermann Hoppe, aus seinem 2001 erschienenen Buch „Democracy: The God That Failed“, Seite 218 – seit einem Vierteljahrhundert öffentlich, in der libertären Szene derart bekannt, dass es dort unter dem Stichwort „Physical Removal“ fast schon eine Art Kultstatus hat. Das ist also, mit Verlaub, das Gegenteil eines dunklen Geheimnisses, wie es die „Abendzeitung“ suggeriert. Wer hier tut, als hätte er eine Enthüllung ausgegraben, hat schlicht gegoogelt. Und verschweigt dann Kontext.
Dreister Hütchenspieler-Trick
Interessant wird es denn auch genau dort, wo die „Abendzeitung“ aufhört zu zitieren. Denn selbst Hoppes schärfste Kritiker – etwa der neuseeländische Ökonom Oliver Hartwich, der ihm in fast jedem Punkt widerspricht – räumen ein, dass sich die Passage ausdrücklich auf private, vertraglich organisierte „Covenant Communities“ bezieht: private Siedlungsgemeinschaften, die als Zugangsbedingung bestimmte Verhaltensregeln festlegen dürfen, ungefähr so, wie ein Golfclub das Tragen von Jeans verbietet – nur eben radikal zu Ende gedacht. Es geht um die Frage, wen ein privater Eigentümer in seine eigene Vertragsgemeinschaft aufnimmt. Nicht mehr, nicht weniger.
Die „Abendzeitung“ weiß das. Sie muss es wissen, denn sie hat, eigenen Angaben zufolge, zwei Jahre recherchiert. Und trotzdem entscheiden sich die Moralibans in der Redaktion für die Formulierung „physisch getrennt und aus der Gesellschaft entfernt“ – ohne den einen Satz, der alles einordnen würde: dass hier von Zugangsregelungen für private Communities die Rede ist, nicht von der ganzen Gesellschaft und von Staatsgewalt. Das ist kein Interpretationsspielraum, das ist Auslassung mit Ansage und mit dem Ziel der Irreführung. Wer bei einem deutschen Publikum, dem die Erinnerung an Deportation und „Entfernung aus der Volksgemeinschaft“ in den Genen sitzt, bewusst den historisch am stärksten kontaminierten Begriff wählt und den entlastenden Kontext weglässt, betreibt keinen Journalismus mehr. Das ist Manipulation mit Ansage – man rechnet mit dem Reflex des Lesers, nicht mit seinem Verstand.
Gesprungene Schallplatte
Man stehe „seit jeher für Weltoffenheit, Toleranz, Vielfalt sowie die Grundwerte einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft“.
Ich kann das nicht mehr hören. Es ist die neue Monstranz, die all die Gesinnungstäter, Angepassten und Opportunisten ständig vor sich hertragen, fast wortgleich. Es ist – und das verstehen sie nicht – der geistige Bruder des „Klassenbewusstseins“ in der DDR. Wollte ich provozieren, könnte ich noch weiter gehen und den Begriff des „gesunden Volksempfindens“ aus dem Nationalsozialismus erwähnen. Nein, es geht nicht um eine Gleichsetzung, die wäre töricht. Es geht darum, zu zeigen, wie ähnlich die Wurzeln dieses Denkens sind, dieses perfiden Bekenntniszwangs.
Dass ausgerechnet die Chefs eine Luxushotels, von Haus auf eher auf bürgerliche Kundschaft angewiesen als auf linke Gesinnungskrieger, dem eigenen Klientel ins Gesicht spucken und über das rot-grüne Stöckchen springen und brav Männchen machen, ist fatal. Denn ich denke, wer noch ein Fünkchen Stolz in sich hat und nicht rot-grün ist, wird um die Gesinnungswächter im Bayerischen Hof künftig einen breiten Bogen machen.
Absurde Liste
Damit mir niemand vorwerfen kann, nur Rosinen gepickt zu haben wie die „Abendzeitung“ (wobei es bei der ja weniger Rosinen sind als Kothaufen): Das Blatt fährt neben Hoppe noch mehr auf:
den 2021 verstorbenen Goldhändler August von Finck, dessen Vater die NSDAP finanziert haben soll,
eine frühe Bürogemeinschaft mit dem Verein,
angebliche AfD-Anschubfinanzierung,
ein 1992er-Zitat von Rothbard über die Wahlniederlage David Dukes
und ein anonymes „Blut und Boden“-Zitat eines nicht genannten Ex-Präsidenten aus Auburn.
Man sieht: Je weiter man von Deutschland und der Gegenwart wegkommt, desto dünner wird die Kette. Ein toter Milliardär, ein US-Autor aus den Neunzigern, ein Anonymus aus Alabama – das ist keine faire Beweisführung gegen einen deutschen Verein von heute, das ist Ahnenforschung mit finsterer Absicht.
Zweierlei Maßstäbe
Besonders irre an dem Ganzen ist: Als vor Jahren bei der „Linken“ – nach eigener Angabe rechtsidentisch mit der Diktaturpartei SED – auf einem Kongress ein Mitglied ganz offen dazu aufforderte, die Reichen zu erschießen, und später der Parteichef sagte, es reiche auch Zwangsarbeit, gab es keinerlei Konsequenzen dieser Art: Mir ist nicht bekannt, dass irgendein Hotel oder Vermieter die Partei auslud. Dass sie sich später taktisch entschuldigte, ändert nichts am Befund.
Und man beachte den Rangunterschied: Dort sprach der Parteivorsitzende selbst, live, vor Publikum, mit Szenenapplaus. Hier ein Buchsatz eines mittlerweile ausgeschiedenen Beiratsmitglieds aus dem Jahr 2001. Wenn man Institutionen für die krasseste Wortmeldung ihrer ranghöchsten Vertreter haftbar macht, müsste die Linke heute „dunkler linksextremer Kosmos“ heißen. Tut sie nicht.
This is a title
Die „Abendzeitung“ versteckt ihren Denunziationsartikel hinter einer Bezahlschranke – offenbar, weil die Glaubenskrieger dort selbst ahnen, wie dünn ihre Anschuldigungen sind, wenn man sie ernsthaft prüft. Da heißt es unter anderem: „Der Präsident des Vereins veröffentlichte zuletzt Texte über die ‚Illusion der Demokratie‘. Ein Vereinsfunktionär hält fest, staatliche Corona- und Klimamaßnahmen ließen sich ‚wissenschaftlich nicht begründen‘. Und einen Preis vergibt der Verein an einen ausländischen Staatschef – Argentiniens Präsidenten Javier Milei, den Mann mit der Kettensäge.“
Na, wenn das mal keine Nazis sind!
Verzeihen Sie den Galgenhumor, aber mehr fällt mir dazu nicht ein.
Bemerkenswert übrigens, was die Abendzeitung selbst vermeldet, aber nicht als Entlastung sieht: Der bayerische Verfassungsschutz beobachtet den Verein bis heute nicht – und benennt selbst die Schwelle, die es dafür bräuchte: Kritik müsse mit der „Aufforderung zu konkreten Aktivitäten“ gegen die „Grundordnung“ verbunden sein. Genau das legt die „Abendzeitung“ in zwei Jahren Recherche nicht vor. Eine Behörde, die sonst nicht zimperlich ist, sagt: nichts zu beobachten. Das ist der Satz, den man aus dem eigenen Artikel hätte fett drucken sollen.
Radikale Linke haben, ganz im Sinne ihres Vordenkers Habermas, die Lufthoheit über den Diskurs in Deutschland (und nicht nur da) gekapert. Und wer nicht über ihr Stöckchen springt, wie jetzt der Bayerische Hof, muss mit ihrer geballten Pranger-Macht in Medien, Politik und Gesellschaft rechnen. Und was tun die Bürgerlichen in diesem Land? Sie springen mehrheitlich feige über das Stöckchen.
Wer Journalisten hat wie die in der ‚Abendzeitung‘, braucht keine Stasi mehr. Die hauptamtlichen Genossen im Zentralorgan schrieben wenigstens auf Anweisung und teilweise auch unter Zwang. Jeder wusste, woran er war. Unsere „Haltungs“-Journalisten tun so, als betrieben sie Aufklärung, in Wahrheit ertragen sie nur keine Meinung außer der eigenen. Und niemand muss sie mehr zwingen. Sie betreiben ihr Handwerk – Propaganda und Denunziation – freiwillig.
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