Am Sonntagabend beginnt Jom Kippur, der Versöhnungstag: 25 Stunden fasten, beten, still werden. Im Zentrum steht nicht Strafe. Es geht um die Frage, wie aus Reue tatsächlich Veränderung wird.
18.09.2026 · 08:59 Uhr
Kolumne | Düsseldorf · Am Sonntagabend beginnt Jom Kippur, der Versöhnungstag: 25 Stunden fasten, beten, still werden. Im Zentrum steht nicht Strafe. Es geht um die Frage, wie aus Reue tatsächlich Veränderung wird.
Im Zentrum von Jom Kippur steht ein Bekenntnis, das immer wieder gesprochen wird. Alphabetisch werden menschliche Verfehlungen aufgezählt: Wir haben gelogen, verleumdet, waren hartherzig, haben andere verletzt. Auffällig ist, was dort nicht steht: Wir sind schlechte Menschen. Es heißt: Wir haben Schlechtes getan. Dieser Unterschied ist entscheidend.
„Ich bin schlecht“ führt leicht zu Scham und Selbstverachtung. „Ich habe etwas getan“ lässt eine andere Frage zu: Was tue ich jetzt damit? Die amerikanische Rabbinerin Danya Ruttenberg hat die Gedanken von Maimonides, dem großen jüdischen Gelehrten des Mittelalters, in ihrem Buch „On Repentance and Repair“ für die Gegenwart neu erschlossen. Ihr Ausgangspunkt ist einfach: Reue besteht nicht darin, dass ich mich schlecht fühle. Sie zeigt sich darin, dass ich Verantwortung übernehme und den Schaden zu reparieren versuche.
Das verändert auch den Blick auf die andere Seite. Wir springen gern von der Entschuldigung direkt zur Vergebung. Ein guter Mensch vergibt doch, heißt es dann. Dabei fällt unter den Tisch, was dazwischen liegt: den Schaden benennen, ihn ernst nehmen und ihn ausgleichen, soweit das möglich ist. Bei Maimonides steht die Bitte um Verzeihung am Ende dieses Weges, nicht am Anfang. Vergebung ist keine Bringschuld der Verletzten.
Wer nicht vergeben kann, solange nichts wiedergutgemacht wurde, ist kein schlechterer Mensch. Und wie wird aus Reue Veränderung? Eine Liste von A bis Z verändert niemanden. Gelernt wird am Einzelfall. Vorsätze wie „Ich will geduldiger werden“ verpuffen. Was wirkt, ist schlicht und gut erforscht: ein Satz mit Wenn und Dann. „Wenn mir in der Besprechung jemand widerspricht, dann höre ich erst zu Ende zu.“ „Wenn ich merke, dass ich über jemanden lästern will, dann schweige ich.“ Teschuwa, Umkehr, geschieht selten in einem großen Moment, sondern meist in solchen kleinen.
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