Mit kaputten Schuhen sorgt der Ulmer Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland für himmlische Musik an der Orgel. Und das fast täglich - bei einem kostenlosen Orgelkonzert im Ulmer Münster.
Klebeband hält die abgewetzten schwarzen Halbschuhe zusammen, die Sohlen sind abgelaufen, das Oberleder brüchig. Früher sollen die Schuhe mal blau gewesen sein. Mit Tapeband sind die 31 Jahre alten Schuhe exakt an den Fuß angepasst. Es ist nicht pure Armut, weshalb Friedemann Johannes Wieland diese alten Treter trägt. Es ist einfach so, dass er in ihnen das beste Gefühl für die Fußpedale der Münsterorgel hat.
Zum Einsatz kommen die Schule samt dem 57-jährige Münsterkantor und ersten Organisten regelmäßig bei einer besonders traditionsreichen Andacht: "Punkt 12" heißt sie, Wort und Musik zur Mittagszeit.

Die Mittagsandacht ist etwas Besonderes im Ulmer Münster. Punkt zwölf beginnt hier ein Ritual, das seit über 130 Jahren Menschen anzieht - Gläubige, Touristen, Stammgäste. Eine halbe Stunde lang gibt es ein kostenloses Orgelkonzert. Die Tradition reicht bis ins Jahr 1890 zurück, als der Münsterturm fertiggestellt wurde. Zu diesem Anlass bekam das Gotteshaus eine neue Orgel, die den Beginn der Tradition markierte.
Kostenloses Orgelkonzert am MittagBevor die ersten Töne erklingen, hat der Organist schon ein kleines "Aufwärmprogramm" hinter sich: 82 Treppenstufen führen hinauf zur Orgelempore. Oben angekommen, legt Friedemann Johannes Wieland den Hauptschalter für die Orgel um. Dann rollt er den Schutzfilz hoch, der die Tasten der Orgel vor Staub und Dreck schützt. Erst wenn Orgel, Finger und Füße warm gespielt sind, ist alles bereit für das kostenlose Orgelkonzert.

Der 57-Jährige spielt das Mittagskonzert mindestens drei Mal pro Woche, seine Kollegen übernehmen die übrigen Tage. Während des Spiels blickt Wieland nicht nur auf Noten und Register, sondern auch ins Kirchenschiff. Eine Kamera zeigt live, was unten passiert: Viele kommen gezielt wegen der Mittagsandacht, andere eher zufällig ins Münster.
Regelmäßig kommt zum Beispiel Werner Schempp. Für ihn ist das kleine Orgelkonzert "wunderschön". "Du hast eine halbe Stunde, die dir gehört, wo du deinen Gedanken nachhängen und beten kannst." Für eine andere Besucherin ist es eine schöne Unterbrechung des Alltags. Zuhörerin Elisabeth Jaroschek gefallen vor allem die Improvisationen.

Improvisation gehört für Friedemann Johannes Wieland zum Alltag - nicht nur künstlerisch. "Neulich hing ein Ton. Da musste ich rauskriegen, auf welchem Manual das ist, solange habe ich diesen Ton in die Improvisationen miteinbezogen", erzählt Wieland. Irgendwann hat sich die Taste dann wieder gelöst. Ein technisches Problem - die kaputten Schuhe waren nicht schuld daran.
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