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"Frankie und Freddie": Sven Regener über West-Berlin und Herrn Lehmann

Дата публикации: 03-09-2026 12:48:00

25 Jahre nach "Herr Lehmann" kehrt Sven Regener nach West-Berlin zurück: In "Frankie und Freddie" erzählt der Autor und Element of Crime-Sänger von zwei ungleichen Brüdern - der eine versucht in Kreuzberg Fuß zu fassen, der andere ist auf dem Absprung nach New York.


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Interview Sven Regener über neuen Lehmann-Roman "West-Berlin ist kein Sehnsuchtsort - aber ich denke gern an diese Zeit zurück"

Schriftsteller Sven Regener (Quelle: picture alliance/dpa/B.Pedersen)
Schriftsteller Sven Regener (Quelle: picture alliance/dpa/B.Pedersen)

25 Jahre nach dem ersten "Herr Lehmann"-Roman kehrt Sven Regener zu seiner Kultfigur zurück. In "Frankie und Freddie" geht es um zwei Brüder im West-Berlin des Jahres 1980. Frank ist Anfang 20 und gerade aus Bremen in die Stadt gekommen. Sein älterer Bruder Freddie will dagegen nach New York. Ein Tag voller Pannen, eine verlorene Tasche und die Frage, was die beiden noch verbindet. Im Gespräch erzählt Regener, was ihn an der Figur des Herrn Lehmann bis heute fasziniert und warum West-Berlin für ihn ein wichtiger Schauplatz ist.

rbb: Warum beginnt der Roman "Frankie und Freddie" mit "oh-weh, oh-weh, oh-weh"?

Sven Regener: Frank Lehmann arbeitet nachts in einer Kneipe und will seinen Bruder abholen. Dafür nimmt er einen alten Opel Kadett, den er eigentlich gar nicht braucht. Das Auto ist allerdings kaputt, weil es lange nicht benutzt wurde und die Batterie leer ist.

Freddie ist zu diesem Zeitpunkt noch angeschlagen. Er hat über längere Zeit Psychopharmaka als Proband in einem pharmazeutischen Versuchsprojekt eingenommen und ist geistig noch etwas wackelig auf den Beinen. Frank will ihn deshalb unbedingt mit dem Auto abholen – die U-Bahn wäre ihm zu viel Aufregung, ein Taxi kommt für ihn ebenfalls nicht infrage.

Dann springt das Auto nicht an. Damit beginnt dieser lange Tag, an dem der ganze Roman spielt.

Zur Person

Sven Regener (1961 in Bremen geboren), ist Schriftsteller, Musiker und Drehbuchautor. Bekannt wurde er als Sänger und Texter der Berliner Band Element of Crime. Regener zog Anfang der 1980er-Jahre nach West-Berlin. Mit seinem Debütroman "Herr Lehmann" gelang ihm 2001 der literarische Durchbruch.

"Frankie und Freddie" ist der siebte Roman aus dem Lehmann-Kosmos und erscheint am 3. September. Die Buchpremiere findet am 12. September im Rahmen der Schönen Lesung von radioeins und radio3 im Haus des Rundfunks statt [radioeins.de].

rbb: Was macht die Beziehung der beiden ungleichen Brüder aus?

Regener: Wir befinden uns im Jahr 1980. Frank, der jüngere Bruder von den beiden, ist gerade erst nach West-Berlin gekommen, weil er in Bremen nicht mehr klarkam und bei der Bundeswehr rausgeflogen ist. Er erwartet von seinem älteren Bruder ein bisschen Anleitung.

Freddie ist Künstler und lebt schon seit Jahren in West-Berlin. Jetzt will er nach New York und braucht dafür Geld. Für die beiden ist deshalb klar: Es sind wahrscheinlich die letzten Tage, die sie miteinander verbringen – vielleicht für viele Jahre.

Gleichzeitig haben sie Probleme mit einer verlorenen Tasche, die sehr wichtig ist und der sie nachjagen müssen. Sie versuchen, in dieser Zeit auch ihr Verhältnis zueinander zu klären. Das hat komische Seiten, aber darunter liegt eine grundsätzliche Melancholie: Für beide geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Das, zusammen mit dem Umstand, dass Frankie sich in seine Mitbewohnerin Chrissie verliebt hat, ergibt eine ziemlich wilde Gemengelage.

rbb: "Herr Lehmann" ist seit 25 Jahren eine Kultfigur. Was macht ihn so attraktiv?

Regener: Frank Lehmann ist ein zerrissener Mensch. Gerade das macht ihn als Romanfigur interessant. Man bekommt mit, was er erlebt, was er denkt und was er sagt. Dabei stellt man fest, dass er sich ständig mit grundlegenden Fragen des Lebens beschäftigt.

Deshalb kann man sich mit ihm identifizieren, auch wenn man nicht dasselbe Geschlecht, denselben Beruf oder dieselben Freunde hat. Die entscheidenden Fragen des Lebens spielen bei ihm immer eine Rolle. Er versucht, sein Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen – und findet dabei manchmal sehr unkonventionelle Lösungen.

rbb: Sie haben mit Musik angefangen und sind seit vielen Jahren Musiker. Was fällt Ihnen leichter: Musik oder Buch?

Regener: "Leichtfallen" kann man eigentlich bei beidem nicht sagen. Musik kann man immer machen.

Einen Roman schreibe ich dagegen nur, wenn ich konkret an einem Buch arbeite. Oft denke ich jahrelang darüber nach, was in einem Roman passieren könnte, bevor ich überhaupt das erste Wort schreibe. Ebenso, bevor ich ein neues Kapitel anfange. Das eigentliche Schreiben geht dann relativ schnell, weil vieles im Kopf schon geklärt ist.

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Frank Lehmann ist ein zerrissener Mensch. Gerade das macht ihn als Romanfigur interessant.

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Sven Regener

rbb: Wie viel Spontaneität bleibt beim Schreiben?

Regener: Ich versuche, beim Schreiben Spontaneität zuzulassen. Dinge dürfen passieren, mit denen ich vorher nicht gerechnet habe. Gerade in Dialogen kann sich eine Situation plötzlich anders entwickeln als geplant.

Bei "Frankie und Freddie" habe ich nicht vom Plot her vorgeplant, sondern die Geschichte erst einmal laufen und aus sich selbst herauswachsen lassen. Das hat auch eine musikalische Komponente. In der Sprache steckt schließlich ebenfalls Musik, ein eigener Sound, und auch die sind Träger von Bedeutung.

Was bedeutet West-Berlin Anfang der 1980er-Jahre für Sie?

Ein Sehnsuchtsort ist West-Berlin für mich nicht. Aber ich denke gern an diese Zeit zurück, weil sie so anders war.

Man darf die damalige Stadt nicht verklären. Da waren die Mauer, der Verfall, Smog, Kohlefeuerung und die harten Winter. Gleichzeitig war West-Berlin für junge Künstler und andere Leute, die etwas ausprobieren wollten, ein besonderer Ort.

Ich war damals selbst zwischen 20 und 30 Jahre alt und habe bis zum Mauerfall in West-Berlin gelebt. Deshalb kenne ich dieses Lebensgefühl gut. Es war eine Aufbruchszeit: Man hatte das Gefühl, dass einem die Welt offensteht, gleichzeitig war man durch die Mauer auf einen sehr kleinen Bereich beschränkt.

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Es war eine Aufbruchszeit: Man hatte das Gefühl, dass einem die Welt offensteht, gleichzeitig war man durch die Mauer auf einen sehr kleinen Bereich beschränkt.

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Sven Regener

Welche Rolle spielt New York für Freddie?

New York war für viele Künstler aus West-Berlin das große nächste Ziel. Es war damals normal, dass Künstler aus West-Berlin nach New York gingen und umgekehrt.

Für Freddie bedeutet sein Umzug nach New York, dass es für ihn das nächste Level ist. In diesem Alter denkt man viel in solchen Kategorien, und das Leben scheint offen vor einem zu liegen. Gleichzeitig merkt man langsam, dass sich bereits Türen schließen, der Weg verengt. Das kann natürlich auch einschüchtern, weil man nicht weiß, in welche Richtung man gehen soll, weil jeder Schritt schwerwiegende Folgen haben kann. In diesem Zwischen- oder Schwebezustand sind beide Brüder und das hat zauberhafte, aber auch schwierige Seiten.

Das ist der Unterschied zu "Herr Lehmann", der neun Jahre später spielt, wo er kurz vor seinem 30. Geburtstag steht und er sich in seinem Umfeld verdächtig macht, weil er das Leben, das er seit Jahren führt, immer verteidigt und sagt: Ich stehe dazu, ich finde es gut – auch wenn es kein hohes soziales Prestige hat.

Diese ganzen Lebensentscheidungen, die vor einem liegen und bei denen man gleichzeitig zurückschreckt, sind ein wunderbarer Stoff für Romanhandlungen.

Wird es irgendwann einen Roman über einen alternden Herrn Lehmann geben?

Das kann gut sein. Wichtig ist für mich aber, dass zwischen der Zeit, in der ein Roman spielt, und der Gegenwart ein gewisser Abstand liegt.

Ich bin nicht unbedingt der Autor für einen Gegenwartsroman. Ich brauche eine gewisse Distanz, um den Überblick zu haben und freier agieren zu können. Wenn man sehr gegenwärtige Dinge beschreibt, können sie außerdem schnell veralten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview ist eine redaktionell bearbeitete und gekürzte Fassung. Das Gespräch ist oben im Audio-Player nachhörbar.

Sendung: radio3 vom rbb, 02.09.2026, 09:10 Uhr
Audio: radio3 vom rbb, 02.09.2026, Anja Herzog im Gespräch mit Sven Regener

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