Apple ist wirtschaftlich so erfolgreich wie nie. Doch genau dieser Erfolg birgt ein Risiko: Der Konzern könnte den Mut für die nächste große Idee verlieren.
Apple ist wirtschaftlich so erfolgreich wie nie. Doch genau dieser Erfolg birgt ein Risiko: Der Konzern könnte den Mut für die nächste große Idee verlieren.
Am 1. September beginnt bei Apple eine neue Ära. Tim Cook gibt nach 15 Jahren den Posten des CEO an John Ternus ab. Ganz verschwinden wird Cook allerdings nicht. Er wird Executive Chairman und soll Apple weiterhin in ausgewählten Bereichen unterstützen, ausdrücklich auch im Kontakt mit politischen Entscheidungsträgern weltweit.
Auf den ersten Blick ist das eine klassische Nachfolgeregelung. Tatsächlich könnte dahinter aber eine interessante Arbeitsteilung stehen.
Kishor Sridhar ist angesehener Berater, Keynote-Speaker und Autor, spezialisiert auf Change Management, Führung und Digitalisierung. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Apple ist längst mehr als nur ein Technologieunternehmen. Ein Konzern dieser Größe ist wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und geopolitischer Akteur zugleich. Datenschutz, Regulierung, China, Lieferketten, künstliche Intelligenz und der Umgang mit Regierungen gehören heute ebenso zur Unternehmensführung wie neue Produkte.
Vielleicht trennt Apple deshalb künftig zwei Führungsdimensionen stärker voneinander: Ternus führt das Unternehmen. Cook übernimmt stärker die politisch-gesellschaftliche Außenrolle. Das kann funktionieren. Doch Apple kann zwar zwei starke Führungspersönlichkeiten haben, aber nur einen CEO.
Wirtschaftlich hinterlässt Cook seinem Nachfolger ein Unternehmen in hervorragender Verfassung. Apple erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Rekordumsatz von rund 416 Milliarden Dollar und einen Nettogewinn von 112 Milliarden Dollar. Allein das iPhone brachte fast 210 Milliarden Dollar Umsatz, der stark wachsende Servicebereich weitere 109 Milliarden Dollar.
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Auch im Smartphonegeschäft ist Apple alles andere als ein Sanierungsfall. 2025 erreichte das Unternehmen weltweit rund 20 Prozent der Smartphone-Auslieferungen und lag damit vor Samsung. Im vierten Quartal lag Apples Anteil sogar bei 25 Prozent. Noch eindrucksvoller ist die wirtschaftliche Stärke im Premiumsegment: Im ersten Halbjahr 2025 entfielen rund 62 Prozent aller weltweit verkauften Premium-Smartphones auf Apple. Genau diese Zahlen zeigen aber auch das Problem. Denn wenn ein Unternehmen derart erfolgreich ist, entsteht wenig Druck für Veränderung.
In der Managementlehre unterscheiden wir zwischen Exploration und Exploitation. Exploration bedeutet, Neues zu suchen, Risiken einzugehen. Exploitation bedeutet dagegen, das Bestehende zu perfektionieren, effizienter zu machen und maximal auszuschöpfen.
Steve Jobs war der klassische Explorer. Mit iPod, iPhone und iPad schuf er gänzlich neue Märkte.
Tim Cook hingegen war bereits vor seiner CEO-Zeit der Meister der Exploitation. Lieferketten, Skalierung, Margen und operative Perfektion waren seine Stärke. Er war derjenige, der den Apple-Kosmos perfektioniert hat.
Aber genau jetzt könnte Apple an einem Punkt angekommen sein, an dem Exploitation allein nicht mehr reicht.
Die entscheidende Frage lautet nicht, wie viel schneller, dünner oder leistungsfähiger das nächste iPhone sein wird. Die entscheidende Frage lautet: Was kommt nach dem iPhone? Vision Pro war ein technologisch mutiges Projekt, hat bislang aber keine Massenkategorie geschaffen, die mit iPhone oder iPad vergleichbar wäre. Und bei generativer künstlicher Intelligenz gehörte Apple nicht zu den Unternehmen, die den Markt revolutionieren.
Dabei fehlt es Apple keineswegs an Ressourcen. 2025 investierte der Konzern rund 34,6 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung.
Doch das alleine reicht nicht. Die Herausforderung ist, wieder Märkte grundlegend zu verändern und zu beherrschen.
Und genau hier beginnt die eigentliche Aufgabe von John Ternus. Er ist seit 25 Jahren bei Apple und kennt das Unternehmen, seine Produkte und seine Kultur wahrscheinlich besser als jeder andere. Ternus war maßgeblich an Hardwareentwicklung und wichtigen Technologiesprüngen wie der Apple-Chip-Entwicklung beteiligt. Doch genau diese lange Zugehörigkeit ist Stärke und Risiko zugleich.
Wer 25 Jahre innerhalb eines erfolgreichen Systems Karriere gemacht hat, weiß hervorragend, wie dieses System funktioniert, ist aber auch Kind des Systems. Als CEO muss Ternus jetzt aber bereit sein, genau dieses System infrage zu stellen.
Cook kann für seinen Nachfolger dabei ein enormer Vorteil sein. Seine politischen Beziehungen, seine Erfahrung und sein institutionelles Wissen sind kaum zu ersetzen. Aber er muss loslassen können.
Sobald Führungskräfte bei wichtigen Entscheidungen überlegen, ob sie besser Ternus oder doch noch Cook fragen sollten, entsteht ein Schatten-CEO. Die Rollen müssen deshalb eindeutig bleiben: Cook berät und vertritt. Ternus entscheidet.
Doch John Ternus muss diese Freiheit auch nutzen. Er darf Apple jetzt nicht einfach weiterführen. John Ternus muss sein eigenes Apple schaffen. Denn erfolgreiche Unternehmen scheitern selten daran, dass sie das Bestehende schlecht machen. Sie scheitern daran, dass sie das Bestehende zu lange weitermachen.
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