Die FAZ wird in der Fortsetzung von Karin Beiers Antiken-Zyklus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg von jahrhundertealtem Männerhass mitgerissen, auch die taz ist begeistert. Critic.de nähert sich in Lea Hartlaubs Dokumentation "sr" auf höfliche Weise Giraffen an. Die SZ schwelgt mit dem neuen Album von Neil Young in der "Unendlichkeit der Liebe". Und auch die deutschen Feuilletons diskutieren jetzt über Thélyson Oréliens mutmaßliches KI-Plagiat.
Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" ist mit KI geschrieben - die Tests lassen für den Autor Thomas B. Reverdy, der in Le Monde schreibt, keinen Zweifel mehr zu. Die KI ist kein Werkzeug, schreibt er weiter. Sie ist mehr als etwa die Rechtschreibkorrektur bei Word. "Im Englischen sagt man, die KI sei 'gezüchtet, nicht konstruiert'". Und am Ende "kann das Monster logisch denken. Es spricht, kann immer wieder neue Sätze bilden, um uns zu antworten, und bisher ungelöste mathematische Probleme lösen. Es ist weder ein Hammer noch ein Knopf, den man drückt." Für Literatur ist das ein entscheidender Punkt, so Reverdy: "Wenn wir ein Buch lesen, begegnen wir seinem Autor. Was uns über die Jahrhunderte hinweg berührt, ist nicht die Bedeutung der Aussagen, nicht ihre Logik oder ihre nachprüfbare Wahrheit, sondern der Dialog, der sich zwischen dem Autor und uns, zwischen seiner Vernunft und unserer, seinem Schreibstil und unserer Sprache, zwischen unseren Vorstellungswelten und unserer Empfindsamkeit entfaltet." Darum fordert Reverdy ein klares Label, wenn ein Buch mit KI verfasst ist: Er wolle durch einen Mensch gerührt und bewegt werden, nicht durch eine Maschine.
Pascal Bruckner nimmt in Le Point den diametral entgegengesetzten Standpunkt ein: "Wir dachten, wir würden einen originellen Roman lesen, doch nun wird uns suggeriert, dass es sich um das Ergebnis einer digitalen Zusammenarbeit handelt. Aber kehren wir die Beweislast um: Was beweist uns, dass die betreffende Software nicht Thélyson Orélien plagiiert hat?" Bruckner lehnt sich gegen die AI-Detektoren auf: "Die vom Menschen geschaffenen Roboter verlangen Rechenschaft: 'Schriftsteller, Ihre Papiere bitte!' Werden wir im Bereich der Preise eine Charta verfassen müssen, um die vorgeschlagenen Bücher einem Lügendetektor zu unterziehen? Jeder Roman, jedes Gedicht, jeder Essay würde - ähnlich wie ein Bio-Produkt - mit einem 'Nutriscore'-Label versehen, garantiert frei von Zusatzstoffen, Sulfiten und zugesetztem Zucker. Frei von jeglicher digitalen Anleihe. Aber ist das überhaupt möglich? Glaubwürdig?" Bruckner bekennt sich zu Orélien: "Thélyson Orélien wird als unfreiwilliger Held dieser Literatursaison in Erinnerung bleiben."
So... ganz... allmählich... kommt... ...das Thema auch in den deutschsprachigen Feuilletons an. Für FAZ-Kritiker Niklas Bender stellt sich die Gretchenfrage, wie Orélien es mit der KI hat, überhaupt nicht: Der Roman sei auch einfach literarisch auf so vielen Ebenen schlicht völlig missraten. "Unverständlich bleibt, warum ein derart schwacher, kitschiger Text in den Himmel gelobt und verteidigt wurde. ... Offenbar ist das Problem weniger, dass KI pseudoliterarische Texte verfassen kann, sondern vielmehr, dass Experten, welche die Sache der Literatur verteidigen sollten, entweder keine Qualitätsstandards haben oder aus politischen Gründen davon absehen, diese anzuwenden. Vielleicht wäre das eine Debatte wert." Wäre das grundsätzlich wirklich so schlimm, wenn der Roman mit KI verfasst wurde, fragt sich Zelda Biller in der NZZ. "Im Journalismus sind Genauigkeit und Sachlichkeit höchste Tugenden. Bei der Literatur, in der Moral noch nie eine Rolle spielte, ist die Sache allerdings komplizierter - und gibt Anlass zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Zukunft des Schreibens. Die entscheidende Frage (...) lautet: Sind von KI verfasste Bücher schlechter als vom Menschen geschriebene? Oder ist es nicht vollkommen egal, wie ein Roman zustande gekommen ist, solange er gut ist?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: In der NZZ berichtet Daniela Tan davon, dass Osamu Dazais düsterer Nachkriegsroman "Nicht länger ein Mensch" aus dem Jahr 1948 derzeit ein junges Lesepublikum in Südkorea begeistert - wohl auch, weil der Roman "eine einzige Absage an die Leistungsgesellschaft" darstellt (weitere Informationen zu dem Hype hier). Anne Lemhöfer berichtet in der FR von der Lesung der Nominierten für den Deutschen Buchpreis in Frankfurt. In der Welt notiert die Filmemacherin Regina Schilling, welche Bücher sie am meisten geprägt haben, darunter auch "Die satanischen Verse" von Salman Rushdie.
Besprochen werden unter anderem Judith Raupps "Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht. Leben und Überleben im Kongo" und Sophy Roberts' "Schule der Elefanten" (Perlentaucher), Jáchym Topols "Die Hölle gibt es nicht" (NZZ), Géraldine Schwarz' "Wer wir waren, wer wir sind. Eine Geschichte Europas" (FAZ), Ian Kumekawas Studie "Beliebige Fracht" über die Geschichte des Kapitalismus (SZ) sowie Axel Schefflers und Julia Donaldsons Kinderbuch "Die Grüffelo-Oma" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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