Am 1. Oktober 2016 kommt bei einer Auseinandersetzung zwischen Fussballfans ein Mann ums Leben. Jetzt löst ein True-Crime-Podcast neue Ermittlungen aus.
Am 1. Oktober 2016 kommt bei einer Auseinandersetzung zwischen Fussballfans ein Mann ums Leben. Jetzt löst ein True-Crime-Podcast neue Ermittlungen aus.
Isabelle Pfister01.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Christian Schroedter / Imago
In den Farben getrennt, in der Sache vereint. Dieser Satz fällt immer dann, wenn sich Fans verschiedener Vereine für grosse Aktionen zusammentun.
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Das ist zum Beispiel am 16. November 2025 passiert, als über 8000 Anhänger von 38 Fussballklubs in Leipzig auf die Strasse gingen. Sie skandierten: «Wir sind kein Sicherheitsrisiko!» Auslöser war die Innenministerkonferenz, die eine Diskussion über schärfere Sicherheitsmassnahmen rund um deutsche Fussballstadien angekündigt hatte.
Das Bemerkenswerte an der Aktion: Verfeindete Fangruppierungen liefen friedlich hintereinander durch die Leipziger Innenstadt. Auch Fans des 1. FC Magdeburg und des Halleschen FC, beide aus Sachsen-Anhalt. Das ist überraschend, weil die beiden Vereine eine jahrzehntelange lokale Rivalität trennt, die vor zehn Jahren in einem Todesfall gipfelte.
In einem Podcast werden schwere Vorwürfe geäussertAm Ursprung des Todesfalls steht eine Rangelei am 1. Oktober 2016 zwischen Magdeburg-Fans und Fans aus Halle. Die Auseinandersetzung findet in einer Regionalbahn statt, sie dauert 41 Sekunden, danach fällt Hannes Schindler aus dem fahrenden Zug. Elf Tage liegt er im Koma, bis er seinen schweren Kopfverletzungen erliegt. Schindler war Fan des 1. FC Magdeburg.
Der Vorfall jährt sich am Donnerstag zum zehnten Mal. Was genau in der Regionalbahn geschah und wer dafür verantwortlich ist, dass Schindler erst 25-jährig sterben musste, ist bis heute ungeklärt. Die Behörden stellen die Ermittlungen damals nach wenigen Monaten, Ende Februar 2017, ein.
Bis jetzt.
Denn eine Recherche der «Süddeutschen Zeitung» («SZ») und der Podcasterinnen Linn Schütze und Leonie Bartsch des bekannten True-Crime-Podcasts «Mord auf Ex» bringt neue Erkenntnisse ans Licht.
In der Podcast-Serie «Der Zug – Wie starb Hannes?» äussern sich verschiedenste Personen: von der Familie Schindler über Zeuginnen, die im Zug sassen, bis hin zur Rechtsmedizinerin, die Schindler obduziert hatte. Die meisten von ihnen kommen auch in den Ermittlungsakten vor.
Es gibt aber ein Gespräch, das ein Journalist der «SZ» mit einer Frau führt, die davor noch nie zu diesem Fall gesprochen hatte. Sie sagt am Telefon, Schindler sei von Fans aus Halle festgehalten und anschliessend von einem aus dem Zug getreten worden – so habe es ihr ein Augenzeuge, der selbst ein Halle-Fan sei, damals erzählt. Der Name des mutmasslichen Treters taucht auch in den Ermittlungsakten auf, er gehört zu den 41 Halle-Fans, die von der Polizei identifiziert und angeschrieben wurden.
Es handelt sich hier um einen Zeugenbericht aus zweiter Hand: Ein Augenzeuge hat der im Podcast anonymisierten Frau etwas erzählt, das diese fast zehn Jahre später gegenüber dem Journalisten wiedergibt. Die Information lässt sich nicht belegen, weder mit Videoaufnahmen noch mit offiziellen Zeugenaussagen. Der Augenzeuge hatte zwar damals bei der Polizei ausgesagt, dieses Detail aber verschwiegen. Er soll von den Ultras zum Schweigen gezwungen worden sein. Es sei ihm gedroht worden – das erzählt die Frau im Podcast.
Der Vorwurf könnte schwerer nicht sein. Er ist Auslöser dafür, dass die Behörden im Fall Hannes Schindler wieder ermitteln. Am 17. September 2026 schrieb die Staatsanwaltschaft Magdeburg in einer Mitteilung: «Im Mittelpunkt der nunmehr wegen eines vorsätzlichen Tötungsdelikts geführten Ermittlungen stehen insbesondere die aus dem Podcast hervorgehenden Schilderungen zu beteiligten Personen und dem damaligen Ereignisablauf im Zug. Darüber hinaus werden konkrete Hinweise aus der halleschen Ultra-Szene geprüft.»
Ausserdem ruft die Polizeiinspektion Magdeburg erneut Zeuginnen und Zeugen dazu auf, sich bei ihr zu melden. Dass Ermittlungen wegen eines True-Crime-Podcasts aufgenommen werden, ist selten.
In den Farben getrenntDer Fall Hannes Schindler zeigt beispielhaft: Fanszenen, gerade die sogenannten Ultras, halten dicht und schützen sich gegenseitig. Die Mauer des Schweigens der Fankurve aus Halle ist einer der Hauptgründe, weshalb es rund um den Tod Schindlers auch nach zehn Jahren noch so viele offene Fragen gibt. Zudem illustriert der Todesfall, dass Fangewalt nicht nur in und um Fussballstadien passiert; «in den Farben getrennt» bezieht sich nicht nur auf die neunzig Minuten während des Spiels.
Trotzdem hat der Fall eine Dimension, die in Deutschland sehr selten erreicht wird. Offiziell gab es vor Schindlers Tod im deutschen Ligafussball drei Todesfälle aufgrund von Fangewalt. Alle drei Personen waren gestorben noch bevor sich der Deutsche Fussballverband (DFV) der DDR im November 1990 mit dem Deutschen Fussballbund (DFB) vereinte.
Es gibt aber einige Todesfälle, die in der offiziellen Statistik nicht berücksichtigt werden. Erst im August 2025 starb ein Fan von Borussia Dortmund, nachdem er von einem St.-Pauli-Fan gestossen worden war und auf den Kopf gefallen war. Der Vorfall am Millerntor in Hamburg gilt als Unfall, weil der alkoholisierte Dortmund-Fan eine Gruppe mehrfach belästigt hatte, das Wegstossen war eine Abwehrreaktion, der Sturz keine Absicht. Schindlers Tod gilt offiziell auch als Unfall. Noch?
Die Rivalität zwischen den Fanszenen aus Magdeburg und Halle hat sich seit dem 1. Oktober 2016 verstärkt. Die FCM-Fans fahren seither konsequent nicht mehr nach Halle. Und als es im Sommer 2025 in der Regionalliga Nordost zum Duell der U 23 aus Magdeburg und dem Halleschen FC kam, sperrte der FCM den Heimbereich, um ein Zeichen zu setzen. Die Wut auf die Halle-Fans und deren Schweigen rund um Schindlers Tod ist immer noch präsent – daran werden wohl auch die neuen Ermittlungen nichts ändern.
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