Nach der Geburt vermindert sich die körperliche Aktivität von Frauen um fast ein Viertel. Doch es gibt Strategien, wie Bewegung weiterhin möglich ist.
Nach der Geburt vermindert sich die körperliche Aktivität von Frauen um fast ein Viertel. Doch es gibt Strategien, wie Bewegung weiterhin möglich ist.
Deborah Stoffel27.09.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Illustration Jasmin Hegetschweiler / NZZ
Beim ersten Kind hatte Nina einen Notfallkaiserschnitt. Nach der Geburt des zweiten Kindes erlitt sie einen Bandscheibenvorfall. Es waren Einschnitte im Leben einer Frau, für die Sport immer selbstverständlich gewesen war. Nina (alle Namen geändert) tanzte, seit sie ein Kind war. Sie sagt: «Über ein regelmässiges Training, das mich auspowert und mir gleichzeitig auch Energie gibt, musste ich mir nie Gedanken machen.»
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Die Mutterschaft änderte alles. Die Geburten hinterliessen Spuren am Körper. Die Zeit wurde rar. Entsprechend schwierig sei es gewesen, wieder in eine sportliche Routine zurückzufinden. Oft habe sie sich gesagt: «Ich bewege mich ja mit den Kindern.» Irgendwann aber hatte sie genug und engagierte einen Personal Trainer.
Wie Nina geht es vielen. Laut einer in diesem Jahr erschienenen Studie der Hochschule Fulda liegt die durchschnittliche körperliche Aktivität von Müttern ein Jahr nach der Geburt rund 24 Prozent tiefer als zuvor. Der Effekt hält über mehrere Jahre an: Auch fünf Jahre nach der Entbindung ist das Aktivitätsniveau laut der Studie noch deutlich herabgesetzt.
Väter treiben nach der Geburt ebenfalls weniger Sport. Bei ihnen liegt der maximale Ausschlag laut der Studie aber nur bei 14 Prozent, und es setzt früher eine Erholung ein. Verantwortlich für die Veränderung sind laut den Autoren die Unterbrechung von Alltagsroutinen, der hohe Zeit- und Energieaufwand der Elternschaft sowie die ungleiche Verteilung von Haushalt und Kinderbetreuung.
Junge Eltern müssen immer abwägenEine Metastudie aus Grossbritannien nennt noch ein weiteres Hindernis: So sind Eltern zwar motiviert, Sport zu treiben, und sogar überzeugt, dass dieser sie zu besseren Eltern mache. Gleichzeitig aber haben insbesondere Mütter ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich Zeit dafür nehmen.
Diesen Konflikt kennt auch Emma. Die Mutter einer kleinen Tochter arbeitet wie ihr Partner 80 Prozent. Den Haushalt teilen sie sich – bis auf den Mental Load, wie sie sagt. Emma trainiert zweimal die Woche mit Gewichten, einmal im Mamaklub in Zürich, wo sie die Tochter mitnehmen kann, und einmal allein. «Dann ist ein Abend weg», sagt sie. «Wenn ich vom Sport komme, schläft die Kleine schon.» An einem zweiten Abend trifft sie sich mit Freunden.
Mehr Abwesenheiten will sie nicht. «Ich geniesse die wenigen Stunden, in denen ich meine Tochter am Abend sehe, wenn sie ins Bett geht.» Sport, das sei Zeit, die sie für sich habe, sagt Emma. Natürlich habe das seinen Preis, die sozialen Kontakte seien weniger geworden, seit sie ein Kind habe. «Man sieht sich in anderen Abständen.»
Junge Eltern müssen immer abwägen. Auch das zeigen Studien. Erwartungsgemäss spielen die Zahl und das Alter der Kinder eine grosse Rolle. Je jünger und zahlreicher der Nachwuchs, umso grösser ist die zeitliche Belastung. Und je grösser die Unterstützung durch die Grosseltern, desto besser.
Auch der sozioökonomische Status bestimmt die sportliche Aktivität mit. Wer sich auch an einem freien Tag eine Spielgruppe oder die Kita leisten kann, ist im Vorteil. Und Mütter, die nach der Geburt von einem Physiotherapeuten oder einer Personal Trainerin begleitet werden, legen die Unsicherheit gegenüber dem eigenen Körper schneller wieder ab.
Prinzip der GelegenheitDer einflussreichste Faktor aber ist die Partnerschaft. Das zeigt unter anderem eine Studie aus dem Jahr 2023 von Forschenden aus Australien, Dänemark und Grossbritannien. Partnerinnen und Partner schaffen nicht nur die nötigen Freiräume, sie erhöhen auch die Verbindlichkeit, etwa wenn beide wieder zu trainieren anfangen.
Auch Laura sagt, ihr Partner sei der Schlüssel. Die Mutter von drei kleinen Kindern hat nie mit Sport aufgehört. Sie besuchte die Rückbildungsgymnastik und spezifische Sportangebote für Mütter. Dabei entstanden auch neue Kontakte. «Eine der Frauen aus der Rückbildung ist heute eine meiner besten Freundinnen», sagt sie. Mit ihr habe sie schon eine mehrtägige Rennradtour unternommen oder an einem Kurz-Triathlon teilgenommen.
Möglich ist das nur dank guter Planung. Wie sie selbst arbeitet auch Lauras Partner rund 80 Prozent. Jede Woche wird minuziös besprochen. Die beiden wissen: Was nicht im Kalender steht, findet auch nicht statt. «Weil wir viel zu Hause arbeiten, ist für uns oft die Mittagspause der Moment für Sport», sagt Laura.
Übers Jahr verteilt bekomme zudem jeder seine Zeitfenster, um etwas Grösseres zu unternehmen. Daneben folgt das Paar einem «Prinzip der Gelegenheit», wie sie sagt. «Wenn einer von uns die Möglichkeit hat, etwas wirklich Cooles zu machen, wird es vom anderen ermöglicht. Diesen Sommer zum Beispiel war ich an einem Trail-Running-Weekend.»
Die Kinder von Nina, von der eingangs die Rede war, sind unterdessen acht und elf Jahre alt. Dank regelmässiger Planung mit der Familie sei es heute nicht mehr schwierig, den Sport im Alltag unterzubringen, sagt sie. «Ich trainiere zweieinhalb Stunden pro Woche fix mit anderen. Den Rest versuche ich mit Tanzen, Radfahren und kleinen Wanderungen zu bereichern.» Natürlich mache sie auch noch Abstriche, beim Ausgang zum Beispiel. Aber sie trainiere in tollen Communitys, das wiege einiges auf. Dass sie den Weg zurück zum Sport eingeschlagen hat, hat Nina nie bereut. Sie fühlt sich heute «innerlich und äusserlich stärker».
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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