Der Rettungschef der Air Zermatt, Anjan Truffer, beobachtet den Trend Skyrunning schon seit einem Jahrzehnt. Früher waren es Profis, heute sind es Touristen.
Der Rettungschef der Air Zermatt, Anjan Truffer, beobachtet den Trend Skyrunning schon seit einem Jahrzehnt. Früher waren es Profis, heute sind es Touristen.
20.09.2026, 05.30 Uhr
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Screenshot Instagram
Zuletzt wurde Kalie McCrystal knapp unterhalb des Pic Tyndall auf über 4000 Metern Höhe gesehen. Der Pic Tyndall ist ein Nebengipfel des Matterhorns. Steigt man über den Liongrat auf, die übliche Route von der italienischen Seite her, ist er die letzte Zwischenstation, bevor die Kletterpartie auf die 4478 Meter hohe Spitze des Matterhorns beginnt.
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Eine polnische Seilschaft soll McCrystal da beim Abstieg gesehen haben, nur mit Shorts, Trailschuhen und einer Windjacke bekleidet und mit einem kleinen Rucksack. Das war am Nachmittag des 1. September. Seither fehlt von der Kanadierin jede Spur.
McCrystal ist eine Skyrunnerin. Skyrunning ist eine extreme und technisch anspruchsvolle Form des Trailrunnings. Es findet nicht auf irgendwelchen Wegen statt, sondern in alpinem Gelände oberhalb von 2000 Metern Höhe, wo die Steigung durchschnittlich mehr als 30 Prozent beträgt. Skyrunning umfasst Kletterstellen, felsiges Gelände, Grate, Geröllfelder, Schneefelder oder Gletscher und erfordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und eine absolute Konzentrationsfähigkeit. Es ist die schnellste und freiste Art, einen Berg zu erklimmen.

Screenshot Instagram
McCrystal ist eine erfahrene Skyrunnerin. Ende August wurde sie an der Trofeo Kima Vierte, einem der legendärsten Skyrunning-Rennen der Welt in Italien über 52 Kilometer und mit mehr als 4200 Höhenmetern.
Schon Wochen vor dem 1. September war die 38-jährige Anwältin in Cervinia, um sich auf ihr «grosses Ziel der Saison» vorzubereiten, wie sie Anfang August auf Instagram schrieb: das Matterhorn über den Liongrat in Rekordzeit zu erlaufen. Von Cervinia auf den Gipfel und wieder hinunter in weniger als 5 Stunden. Der Rekord der Frauen – die «fastest known time» (FKT) – ist in diesem Sommer schon mehrfach geknackt worden: Ende Juli schaffte die Australierin Milly Young die Strecke in 5 Stunden, 17 Minuten und 43 Sekunden, mehr als 33 Minuten schneller als zuvor. Anfang August schaffte die Amerikanerin Karina Andersen die Strecke nochmals fast 3 Minuten schneller.
Sie sei so dankbar, dass sie es geschafft habe, schrieb Andersen danach auf Instagram. «Und meine Güte!! Ich bin all den Frauen, die in diesem Jahr regelrecht auf den Berg GEFLOGEN sind, noch dankbarer. (. . .) Und hoffentlich bekommt auch @kalie_mcc (der Instagram-Name von Kalie McCrystal; Anm. d. Red.) eine Chance darauf, denn ich weiss, dass sie das Ding rocken kann. (. . .) Lasst uns weiter Gas geben, Ladys!!!»
Die FKT war an diesem 1. September nicht das Ziel von McCrystal. Sie war auf einem Trainingslauf.
Die Route gilt als «ziemlich schwierig plus»Das Tourenportal des Schweizer Alpenclubs (SAC) empfiehlt, für die Tour von Cervinia auf das Matterhorn und zurück 2 Tage einzuberechnen. Tag 1: 6 bis 7 Stunden reine Gehzeit bis zum Rifugio Carrel. Tag 2: 5 bis 6 Stunden für den Gipfelaufstieg vom Rifugio Carrel auf das Matterhorn, 4 bis 5 Stunden Abstieg zur Hütte und weitere 4 Stunden nach Cervinia.
Der Liongrat auf italienischer Seite gilt im Vergleich zum Schweizer Hörnligrat als etwas steiler und klettertechnisch anspruchsvoller. Der SAC bezeichnet ihn mit der Schwierigkeit ZS+, ziemlich schwierig plus: Wiederholte Sicherungen sind notwendig, längere und exponierte Kletterstellen sind vorhanden.
Für gut trainierte, erfahrene Bergsteiger sei er kein Problem, sagt der Bergführer und Rettungschef der Air Zermatt, Anjan Truffer. «Die schwierigen Stellen sind durch Fixseile, Ketten und Leitern entschärft.» Und doch: Wie jede andere Hochtour in den Alpen sei auch der Liongrat sehr anspruchsvoll. «Grundsätzlich», sagt er, «werden die Berge zu oft unterschätzt.»

Steve Christo / Corbis / Getty
Nachdem McCrystal am 1. September nicht zurückgekehrt war, suchten Rettungstrupps im Helikopter den Liongrat ab. Man versuchte, per Radarsignal ihr Material zu orten und ihre Position über das Mobiltelefon. Alpinisten wurden gebeten, nach Spuren Ausschau zu halten. Zuletzt versuchten die Einsatzkräfte, mithilfe von Mobilfunkdaten einer virtuellen SIM-Karte das Suchgebiet weiter einzugrenzen. Ohne Erfolg.
In der vergangenen Woche, 14 Tage nachdem McCrystal letztmals lebendig gesehen worden war, meldeten sich ihre Mutter und ihre Schwester mit einem Statement: «The Matterhorn is as majestic as it is unforgiving», das Matterhorn sei ebenso majestätisch wie unerbittlich, schreiben sie darin. Es deute alles darauf hin, dass sie beim Abstieg abgestürzt sei.
Die Familie dankt der Bergrettung, der kanadischen Polizei, der kanadischen Botschaft und McCrystals Freunden auf der ganzen Welt. Und auch wenn sie sich verzweifelt wünschten, sie wäre gefunden worden, «finden wir Trost in dem Wissen, dass sie bis zuletzt das tat, was ihr das Gefühl gab, wirklich zu leben, und dass sie nun in den Bergen ruht, wo sie sich am wohlsten fühlte».
Bergführer stellten die Besteigung des Matterhorns einDie Suche nach abgestürzten Menschen sei an der Westwand des Matterhorns, wo sich McCrystal bewegt hat, schwieriger als an der Ostwand, sagt der Rettungschef Truffer, weil die Geologie etwas anders sei. «Die Ostwand ist eher plattig und offen. Die Westwand ist zerklüfteter, fast wie Schluchten, man sieht schlecht hinein.» Sind die Bergsteiger zudem leicht bekleidet, bleibt davon nicht viel übrig, und man erkennt sie noch schlechter.
Die Bergsaison 2026 war anders als frühere Sommer. Sie war heiss, hat früh begonnen, und Ende Juli – mitten in der Hochsaison – rieten Zermatter Bergführer von der Besteigung des Matterhorns ab. «Die hohen Temperaturen haben den Berg komplett ausapern lassen», sagte Edith Lehner, Hüttenwartin der Hörnlihütte am Fuss des Matterhorns, der «NZZ am Sonntag». Der Berg begann zu bröckeln, und der Steinschlag wurde zur Gefahr für die Alpinisten.
Auf die Zahl und die Art der Bergrettungen habe dieser Sommer aber keine Auswirkungen gehabt, sagt Anjan Truffer nun, gegen Ende der Saison. Im Gegenteil. Nach den Empfehlungen, die hohen Berge zu meiden, ging die Zahl der Rettungen eher zurück. «Wir haben gemerkt», sagt er, «dass es doch auch vernünftige Menschen gibt, die zuhören und sich daran halten.»
Die Felsstürze am Matterhorn Anfang August beobachtete auch McCrystal. «Heisse Tage und stürmische Nächte sind für grosse Felsmassen nie eine gute Nachricht», schrieb sie auf Instagram. Die Bergführer stellten daraufhin geführte Besteigungen ganz ein, und auch das Rifugio Carrel auf dem Liongrat wurde geschlossen. «Die Wetterprognose für die nächsten Tage ist ziemlich mittelmässig», schrieb McCrystal, sie habe kein gutes Gefühl dabei, einen FKT auf einer halb geschlossenen Route anzustreben. «Even I have limits», auch ich habe meine Grenzen, Zwinkersmiley.
Dann, Ende August, entspannte sich die Situation. Die Bergführer kündigten die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit an, das Rifugio Carrel wurde wieder geöffnet.
Der Marathon muss an den BergDer Rettungschef Truffer beobachtet den Trend des Skyrunnings schon seit einem Jahrzehnt. Früher waren es Profiathleten, die verrückte Rekorde aufgestellt haben, heute rennt die Allgemeinheit auf die Bergspitzen. «Man hat den Eindruck, es muss immer extremer werden, möglichst lang, steil und exponiert», sagt er, der Marathon müsse nun am Berg stattfinden. Das führe dazu, dass auch Menschen auf über 4000 Meter rennten, die die technischen Fähigkeiten nicht hätten und schlecht akklimatisiert seien.
McCrystal war ein Profi. Ihr letztes Selfie schoss sie am 1. September beim Aufstieg oberhalb des Rifugio Carrel auf rund 3830 Metern Höhe. Ihren letzten Instagram-Eintrag verfasste sie bereits am 23. August, nach der Trofeo Kima. «Jetzt ist es an der Zeit, mal richtig auf den Putz zu hauen und meinen Oberschenkeln ein paar Tage Erholung zu gönnen.» Nun gehört McCrystal in die Reihe derjenigen, die am Matterhorn als vermisst gelten.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»