In Ebikon bei Luzern fanden die ersten Europameisterschaften im Rapid Surfing statt. Die Schweiz gehört zu den Pionierinnen dieser Surf-Disziplin – die 20-Jährige Eva Weiss steht dafür.
In Ebikon bei Luzern fanden die ersten Europameisterschaften im Rapid Surfing statt. Die Schweiz gehört zu den Pionierinnen dieser Surf-Disziplin – die 20-Jährige Eva Weiss steht dafür.
Wasserrauschen. 16 000 Liter Wasser pro Sekunde schiessen aus 8 Pumpen hervor, das Wasser bäumt sich durch die Wölbung im Boden zu einer stehenden Welle auf. 1,4 Meter hoch ist sie. In der Halle in Ebikon erklingt ein schriller Pfiff; 25 Sekunden sind um, es bleiben 5 Sekunden für den letzten Trick. Eva Weiss dreht sich auf der Welle mit ihrem Brett um die eigene Achse und verschwindet dann unter dem Applaus des Publikums hinter der stehenden Welle im Strudel.
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Rapid Surfing nennt sich die Disziplin. In diesen Tagen hat die erste EM in Ebikon bei Luzern stattgefunden, und Eva Weiss kämpft um die Goldmedaille. Der Name der Sportart ist neu, der Sport wird aber seit über sechzig Jahren in der Schweiz praktiziert. Flusssurfen hiess das früher. Nun musste ein neuer Begriff her, denn seit Jahren kann nicht nur in Flüssen auf stehenden Wellen gesurft werden, sondern auch in künstlich erbauten Wellenbecken. Der Name Rapid Surfing bedeutet eigentlich «das Surfen von Stromschnellen», er ist aber auch angelehnt an die schnellen Manöver, die auf der stehenden Welle möglich sind.
Die Sehnsucht nach dem Meer stillenEva Weiss, 20, kommt schon früh mit dem Surfen in Berührung. Ihr Vater ist Hobbysurfer. Die Familienferien verbringen sie am Strand, sie lernt surfen im Meer. 2021 nimmt der Vater die Jugendliche mit zur stehenden Welle in Bremgarten im Kanton Aargau. Wenig später surft sie das erste Mal auf der künstlichen Welle im Oana Surf in Ebikon. Weiss tritt einem Surfverein bei und merkt im Vergleich mit anderen: Sie ist gut. Ihren ersten Wettkampf surft sie 2023. «Jetzt ist es wie eine Sucht», sagt Weiss.

Sie macht beides: Rapid Surfing und Wellenreiten im Meer. Wobei es während ihrer Lehre als Polydesignerin schwierig war, ans Meer zu fahren, die Ferientage brauchte sie für verschiedene Rapid-Surf-Contests. Sie sagt: «Mit Rapid Surfing kann ich die Sehnsucht nach dem Meer stillen.»
Die Szene rund um stehende Wellen ist stetig gewachsen und hat sich auch professionalisiert. Gerade die künstlichen Wellen erlauben es den Surferinnen und Surfern, das ganze Jahr, egal bei welchem Wetter, zu surfen. Es ist auch sicherer als das Surfen in natürlichen Gewässern.
Verglichen mit dem Wellenreiten im Meer wirken die Bedingungen klinisch. Trotzdem oder gerade deswegen wirkt Rapid Surfing verspielter. Es ist tricklastiger als das klassische Wellenreiten im Meer. Die stehende Welle erlaubt es den Surfern, eine gefühlte Ewigkeit auf der Welle zu bleiben, sich um die eigene Achse hin- und herzudrehen, zu springen – Turns, Spins und Airs heisst das in der Surfsprache.

Rapid Surfing lässt sich auch einfacher vermarkten. Flusssurfen gibt es zwar schon seit den sechziger Jahren, es könnte aber für die Generation Tiktok erfunden worden sein. Die Surferinnen und Surfer treten beim Rapid Surfing in sogenannten Heats an: In kurzen Zeitintervallen müssen sie ihr Können auf der Welle beweisen, die Dauer eines Runs entspricht etwa der Länge einer Instagram-Story. Das Publikum sitzt nahe am Geschehen, es werden teilweise Regenponchos verteilt, weil die Gefahr besteht, von den Surfern nass gespritzt zu werden.
Das ist beim Wellenreiten anders. Da werden Wettkämpfe über mehrere Wochen angesagt, in der Hoffnung, dass irgendwann in der vorgesehenen Zeitspanne anständige Wellen entstehen. Manchmal vergehen während eines Heats 20 Minuten, bis überhaupt eine surfbare Welle bricht. Und oft brauchen die Zuschauer einen Feldstecher, um die Surferinnen im Meer tatsächlich beobachten zu können.
Zwischen «Hang Loose» und SpitzensportSeit den Olympischen Spielen in Tokio 2020 ist Surfen, also das klassische Wellenreiten, eine olympische Sportart. Der Schweizer Surfverband Swiss Surfing hat auch deshalb in den letzten Jahren die Strukturen professionalisiert und vor allem in den Nachwuchs investiert. Der Dachverband Swiss Olympic stellt Anforderungen für den Spitzensport, die auch von Swiss Surfing umgesetzt werden müssen.

Gleichzeitig bezieht der Surfverband dank Swiss Olympic Fördergelder, die wiederum den Sport voranbringen. Weil die Strukturen und Voraussetzungen im Surfen anders sind als beispielsweise im Skifahren, braucht es manchmal zusätzliche Gespräche. «Wir müssen uns oft einmal mehr erklären als andere Sportarten», sagt Delphine Sauvant, 26, sie ist im Vorstand von Swiss Surfing.
Das aktuellste Beispiel dafür sind die andauernden Gespräche mit der Schweizer Armee; Swiss Surfing möchte in deren Spitzensport-Strukturen aufgenommen werden. Das klingt nicht nach dem klischeebehafteten Surfer-Lifestyle, dem «Hang-Loose-Vibe», den viele mit der Sportart assoziieren.
Die Schweiz ist eben keine klassische Surfnation. In der Surfwelt ist sie die Exotin, dafür wird sie jedoch auch respektiert. Es gibt keine vergleichbare Nation, die sich als kleines Binnenland im Surfzirkus etabliert hat.

Die Schweiz gehört mit Deutschland und Österreich zu den entscheidenden Antreibern des Rapid Surfing. Die drei Länder veranstalten die meisten Wettkämpfe in der Disziplin und haben zusammen das Regelwerk für die Europameisterschaft erarbeitet, die eben in Ebikon stattfand.
Eine Surf-EM in der Schweiz, «das klingt erst einmal absurd, ja», sagt Weiss, «aber es gibt viele Wellen in der Schweiz». Stehende Wellen sind aber überall in Europa zu finden, von Wien bis Madrid, von Mailand bis Vilnius – warum also darf ausgerechnet das Binnenland Schweiz als erstes die EM organisieren?
«Ich glaube, der Vorteil ist, dass wir uns in der Schweiz direkt ins Zeug legen, engagiert sind und organisieren können», sagt Sauvant, die im OK war für die EM. Mit dem Urbansurf in Zürich und dem Oana Surf in Ebikon verfügt die Schweiz über zwei Veranstaltungsorte, die bereits mehrfach Wettkämpfe ausgetragen haben und dafür auch immer wieder gelobt werden. Erfahrung ist also da, die EM-Vergabe an die Schweiz überrascht so gesehen nicht.

Und die Schweizer Surfszene hat sich in den letzten fünf Jahren rasant weiterentwickelt. Athletinnen wie Eva Weiss spielen eine wichtige Rolle. Anders als viele der Schweizer Wellenreiter, die auf der ganzen Welt leben und anderswo aufgewachsen sind, wohnt sie in der Schweiz und surft auch hauptsächlich hier. Sie arbeitet 40 Prozent als Polydesignerin, die restliche Zeit investiert sie ins Surfen. Weiss lebt das Surferinnenleben lokal vor. Inzwischen ist sie die beste Rapid-Surferin der Schweiz.
Das inspiriert. Immer mehr Jugendliche fangen mit dem Surfen an; alleine an der EM in Ebikon waren 20 von 78 Surfenden aus der Schweiz. Bald sollen die ersten Weltmeisterschaften im Rapid Surfing stattfinden. Wann ist noch unklar, der Austragungsort steht aber fest: die Schweiz.
Da wirkt das von Sauvant formulierte Ziel der EM in Ebikon fast schon tiefgestapelt: «Die Leute sollen rauslaufen und sagen: ‹Krass, ich wusste nicht, dass die Schweiz so gut surfen kann.›» Immerhin kann Swiss Surfing behaupten, das Ziel erreicht zu haben: Schliesslich heisst die erste Europameisterin im Rapid Surfing Eva Weiss – und sie ist Teil der Schweizer Surfnation.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»