Neue Gaseinkäufe sollen Deutschlands Speicher schneller füllen. Von den Vorgaben zu Mindestfüllständen sind die weit entfernt. Mehrere Notfall-Maßnahmen sind möglich.
Neue Gaseinkäufe sollen Deutschlands Speicher schneller füllen. Von den Vorgaben zu Mindestfüllständen sind die weit entfernt. Mehrere Notfall-Maßnahmen sind möglich.
Die Ausgangslage am Gasmarkt ist angespannt: Deutschlands Gasspeicher sind historisch schwach befüllt, gleichzeitig steht die Heizsaison bevor. Vor einigen Tagen berichteten verschiedene Medien, dass der Gaskonzern Sefe viel neues Gas kaufe, um die Speicher zu befüllen – und das auf Weisung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) hin. Der Konzern dementierte das und gab an, auf eigene Faust zu handeln. Jetzt aber folgt die Kehrtwende.
Ein Sefe-Sprecher sagte am 30. September zu FOCUS online: „Wir bestätigen, dass Sefe vom BMWE als Vertreter des Shareholders die Anweisung erhalten hat, bis zum 15. Dezember acht Terrawattstunden Gas zu beschaffen und einzuspeichern.“
Der vorige Stand, Sefe würde bei diesen Zukäufen auf eigene Faust handeln, gilt damit nicht mehr. Allerdings haben die Regierung und die anderen Gasspeicher-Akteure noch einige weitere Asse im Ärmel, um die Speicher zu befüllen.
1. November: 80 Prozent mit Ausnahmen
1. November: 45 Prozent in den Gasspeicheranlagen Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen
1. Februar: 30 Prozent mit Ausnahmen
1. Februar: 40 Prozent in den Gasspeichern Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg
Dabei folgen sie grundsätzlich einem mehrstufigen und flexiblen Verfahren. Üblicherweise befindet sich Deutschland im normalen Modus (Stufe 1): Speichernutzer buchen über das Jahr Speicherkapazitäten und befüllen sie mit Gas. 2026 hat das eher schleppend funktioniert, weil Gas im Großhandel über den Sommer zu teuer war. Theoretisch befinden wir uns noch auf dieser Stufe, weil Sefe einer der Speichernutzer ist. Innerhalb Europas ziehen die Gaspreise wegen des unerwarteten Mehrbedarfs trotzdem wieder an.
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Für den Fall, dass der normale Marktvorgang nicht ausreicht, um die Füllstandsvorgaben zu erreichen, stehen im Gesetz über die Elektrizitäts- und Gasversorgung (auch EnWG, entscheidend sind § 35b und 35c) verschiedene Maßnahmen, die dabei helfen können, die Speicher zu befüllen. Hierbei spielt der Marktgebietsverantwortliche in Deutschland, „Trading Hub Europe“ (THE), eine Hauptrolle.
Wenn ersichtlich wird, dass die Füllstandsvorgaben technisch nicht erreicht werden, weil ein Nutzer schon gebuchte Gaskapazitäten nicht füllt, dann müssen Gasspeicherbetreiber dem THE Teile dieser Kapazitäten „bis zum Ende des Speicherjahres“ zur Verfügung stellen. Wie viel das ist, ergibt sich mit aus dem Bedarf und der nicht genutzten Menge.
Die Bundesnetzagentur sagt zu FOCUS online, dass Gaskapazitäten „entzogen“ werden können, sofern notwendig. Unabhängig kann THE das aber nicht tun: Es hängt von der Zustimmung des BMWE ab, ob THE diese neuen Kapazitäten dann nutzt und befüllt. Das passiert unter anderem mit zusätzlichen SSBO-Sonderausschreibungen (Strategic Storage-Based Options): Stufe zwei der Gasbeschaffung.
Wenn die zusätzliche Bereitstellung und Befüllung durch Ausschreibungen nicht ausreicht, kann THE zu Stufe drei greifen und selbst physisches Gas einkaufen und einspeichern. Bei solchen Einkäufen sind immer das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) und die Bundesnetzagentur involviert. Wenn THE selbst Gas einspeichert, muss er das außerdem bezahlen.
Riskant: Der Einkauf durch THE käme „einem weitaus direkteren Eingriff in den Gasmarkt gleich und würde Fragen aufwerfen“, warnt Natasha Fielding von Argus Media. Zum Beispiel würde es dabei um die Finanzierung gehen. Am Markt könnte die Maßnahme für kurzfristig stark steigende Gaspreise sorgen: Genau so war es passiert, als der Sefe vor einigen Tagen angekündigt hatte, neues Gas zu kaufen.
Als härtere Maßnahme für den Extremfall gibt das BMWE gegenüber FOCUS online das „geordnete Herunterfahren des Netzes“ an. Für alle diese Notfallmaßnahmen bestehen hohe Hürden, die das BMWE noch nicht genommen sieht.
Laut EnWG dienen die Notfallmaßnahmen:
Wir befinden uns zwar noch auf Stufe eins, doch die Weisung des BMWE stellt eine klare Eskalation gegenüber der Situation Mitte September dar. Die Gasmarktexpertin Natasha Fielding von Argus Media weist darauf hin, dass Sefe immer noch entscheiden kann, wie, wo und auf welche Weise es den Speichern Gas zuführen kann.
Abseits der Sefe-Anweisung durch das BMWE zeigt eine neue Ausschreibung des Trading Hub Europe, dass die Situation nicht mehr normal ist. Aktuell findet neben einer regulären Ausschreibung auch eine Sonderausschreibung für sogenannte Long-Term-Options statt (LTO).
„Durch die Sonderausschreibung soll sichergestellt werden, dass auch in Hochlastszenarien lokale Regelenergiebedarfe gedeckt werden können.“ – Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
In den vorigen Jahren fanden solche Sonderausschreibungen eher zum Ende des Jahres statt. Den Vorzug auf September begründet das BMWE mit der „aktuellen Situation“. THE zufolge hat diese Ausschreibung aber nichts mit § 35 Enwg zu tun.
Weiter eskalierende Maßnahmen gibt die aktuelle Situation offiziellen Angaben nach nicht her. Die drei Stufen der Gasversorgung sind außerdem nicht fest verankert. Je nach Situation können Stufen entweder ausgetauscht oder übersprungen werden. Es kann theoretisch sein, dass statt einer SSBO-Ausschreibung direkt der Gaskauf durch THE erfolgt.
Noch ein Blick auf die Speichersituation: Die Gasspeicher sind im Schnitt zwar längst nicht voll genug, aber zwischen den einzelnen Speichereinrichtungen gibt es erhebliche Unterschiede. So war Deutschlands größter Gasspeicher, der in Rehden liegt, Stand 30. September mit um die 26 Prozent eher schwach befüllt. Dafür aber sind die Kavernenspeicher zu mehr als 80 Prozent (teilweise 90 Prozent) voll. Gerade diese Speicher sind laut BMWE für die Versorgung entscheidend.
Zu beachten: Die Gasspeicher können nur teilweise Aufschluss darüber geben, wie die deutsche Gasversorgung aufgestellt ist. Die laufenden Importe, die Entwicklung der Nachfrage und die Marktsituation in Europa spielen alle eine Rolle dabei, wie viel Gas bei deutschen Verbrauchern ankommt.
Die Bundesnetzagentur rät Verbrauchern regelmäßig dazu, möglichst sorgsam mit der Energie umzugehen – unabhängig von der Versorgungslage.
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