Dr. Matthias Riedl warnt im KURIER-Interview: Wer diesen entscheidenden Fehler macht, riskiert, dass die verlorenen Kilos zurückkommen.
Abnehmspritzen wie Ozempic oder Wegovy können beim Gewichtsverlust wirkungsvolle Unterstützer sein. Viele wollen sie, versprechen sich schnell eine Traumfigur. Laut einer Studie von YouGov haben bereits mehr als vier Millionen Haushalte in Deutschland die neuen Medikamente im Einsatz oder denken darüber nach. Doch wer nicht aufpasst, hat nach dem Absetzten wieder mehr Gewicht als vorher auf den Rippen.
Schon während der Therapie Ernährung umstellenErnährungsmediziner und Diabetologe Dr. Matthias Riedl warnt: Wer sich erst beim Absetzen Gedanken über seine Ernährung macht, riskiert, dass die zuvor verlorenen Kilos nach Ende der Therapie schnell wieder zurückkommen.
Ohne Rezept bei Adippositas sind die vermeindlichen Heilsbringer teuer: Drei Monate mit einer Abnehmspritze können zwischen 240 Euro und 1.470 Euro kosten. Der exakte Preis hängt vom gewählten Präparat und der benötigten Dosierung ab, die Dosis wird in den ersten Monaten schrittweise gesteigert wird. Wer dann ohne Plan Pille oder Spritze abesetzt, hat ein Problem. Im KURIER erklärt der Ernährungs-Doc Dr. Matthias Riedl, wie man dauerhaft Erfolg beim Abnehmen hat.
Herr Dr. Riedl, worauf muss man bei der Ernährung schon mit der ersten Abnehm-Spritze oder Pille achten?
Gerade zu Beginn sollte die Ernährung leicht verträglich und eher in kleinen Portionen gestaltet werden. Semaglutid (in Ozempic und Wegovy) und Tirzepatid (in Mounjaro) können die Magenentleerung verlangsamen und das Sättigungsgefühl verstärken. Dadurch können größere oder sehr üppige Mahlzeiten schneller zu Übelkeit, Völlegefühl, Erbrechen oder Reflux führen. Wer Probleme mit einer Speiseröhrenentzündung hat, wie viele Übergewichtige, wird das verstärkt merken.
Ernährungsmedizin für die Hosentasche: Dr. Matthias Riedl hat mit myFoodDoctor eine App für gesündere Essgewohnheiten entwickelt.
© Andreas Sibler
Kleinere Mahlzeiten essenDas bedeutet, dass man lieber kleinere Mahlzeiten statt sehr großer Portionen essen sollte. Außerdem langsam essen, gründlich kauen und bei Übelkeit gegebenenfalls 4–6 kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt zu sich nehmen.
Wichtig ist außerdem ausreichend zu trinken (2 Liter am Tag) und zunächst Lebensmittel wählen, die gut vertragen werden. Bei Übelkeit können außerdem frische oder kühle Lebensmittel wie Naturjoghurt, Banane oder Beeren besser verträglich sein.
Und bei stärkeren Magen-Darm-Beschwerden sollte man vorübergehend eher eine leichte Kost wählen. Sofern es vertragen wird, sollte man ebenfalls die Ballaststoffmenge auf 30 g pro Tag bei Verstopfungen steigern. Das sind etwa 50 g Haferflocken (ca. 5 g Ballaststoffe) 1 Esslöffel Leinsamen (ca. 4 g Ballaststoffe) 1 Apfel (ca. 4 g Ballaststoffe).
Oft berichten die Patientinnen und Patienten, dass besonders fettige Lebensmittel sowie kohlensäurehaltige und alkoholische Getränke deutlich schlechter vertragen werden.
Gibt es eine bestimmte Diät, die ich einhalten sollte?
Es gibt keine wissenschaftlich begründete „Spritzen-Diät“, bei der bestimmte Lebensmittel grundsätzlich verboten wären. Entscheidend ist vor allem die individuelle Verträglichkeit und, dass trotz des geringeren Hungergefühls ausreichend Nährstoffe aufgenommen werden.
Unerlässlich aber ist, dass überhaupt eine Ernährungstherapie begleitend stattfindet. Das beinhaltet eine Analyse der bisherigen Fehler und eine schrittweise Optimierung der Ernährung. Das kann auf eigene Faust mit unserem Buch, in einer Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin (www.bdem.de) oder mittels einer digitalen Lösung erfolgen: Oviva, zanadio und myFoodDoctor sind derzeit die einzige medizinischen Apps, die von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden.
Leider wird die Abnehmspritze nicht nur in Deutschland nahezu ausschließlich ohne Ernährungstherapie verschrieben und angewandt. Das ist ein kollektiver Kunstfehler.
Wie schnell stellt sich mit der Abnehmspritze oder Pille ein Gewichtsverlust ein?
Der Gewichtsverlust beginnt nicht bei allen Menschen gleich schnell. Bereits in den ersten Wochen kann sich das Gewicht verändern, allerdings wird die Dosis von Semaglutid und Tirzepatid normalerweise schrittweise gesteigert. Deshalb ist die maximale Wirkung nicht sofort zu erwarten.
Die großen Studien zeigen den Gewichtsverlust vor allem über mehrere Monate: Bei Semaglutid 2,4 mg lag der durchschnittliche Gewichtsverlust nach 68 Wochen bei etwa 14,9 % des Ausgangsgewichts. In einer Verlängerung der Studie lag der beobachtete Gewichtsverlust nach 68 Wochen bei 17,3 %. Bei Tirzepatid wurden in einer anderen Studie ebenfalls nach 36 Wochen durchschnittlich 20,9 % Gewichtsverlust erreicht.
Das bedeutet, dass ein Gewichtsverlust innerhalb der ersten Wochen möglich ist, aber der eigentliche Therapieeffekt entwickelt sich über Monate. Einzelne Personen können schneller oder langsamer abnehmen. Rund ein Drittel gilt als Nonresponder bei einer Gewichtsabnahme unter 5 %.
Wie lange nimmt man durchschnittlich die Spritze?
Heute wird Adipositas zunehmend als chronische Erkrankung betrachtet. GLP-1-basierte Medikamente wie Semaglutid und Tirzepatid können deshalb grundsätzlich langfristig eingesetzt werden, sofern sie wirksam und verträglich sind.
Die WHO empfiehlt GLP-1-Therapien bei Erwachsenen mit Adipositas als langfristige Behandlungsoption für 6 Monate oder länger. Jedoch muss die individuelle Dauer ärztlich festgelegt werden. Der Grund für eine längere Therapie ist unter anderem, dass nach dem Absetzen häufig wieder Gewicht zugenommen wird.
Wie kann man vermeiden, dass nach dem Absetzen wieder Gewicht zugenommen wird? Welche Essgewohnheiten sollte man schon während der Therapie einüben?
Die Fachgesellschafts-Leitlinie empfiehlt konkret: regelmäßige, kleine Mahlzeiten zu festen Zeiten, Flexibilität bei der Lebensmittelauswahl statt strikter Verbote, bewusst portionierte „Genussmomente“, ausreichend Flüssigkeit und wenig Alkohol.
Dagegen sollten emotionales und gedankenloses, nächtliches Essen sowie sehr lange Essenspausen vermieden werden. Ergänzend zeigen Daten des amerikanischen National Weight Control Registry, dass regelmäßiges Frühstücken, feste Essenszeiten und der bevorzugte Griff zu wenig verarbeiteten, ballaststoff- und proteinreichen Lebensmitteln mit dauerhaftem Erfolg zusammenhängen.
Das sind Verhaltensweisen, die man am besten schon während der medikamentösen Phase einübt, weil der reduzierte Appetit das Erlernen neuer Routinen erleichtert.
Dr. Matthias Riedl gibt in seinem Buch Tipps für gesundes Abnehmen.
© Gräfe und Unzer
Wie lange dauert es, bis Ernährungsgewohnheiten dauerhaft verändert und umgestellt sind?
Hier gibt es keine feste Zahl. Gewohnheiten entstehen individuell unterschiedlich schnell. Eine Studie untersuchte 96 Personen, die eine neue Gewohnheit täglich in einem festen Zusammenhang ausübten. Die Zeit bis zu einer weitgehend automatisierten Gewohnheit lag – je nach Person – zwischen 18 und 254 Tagen. Das zeigt vor allem: Es gibt keinen festen Zeitraum, nach dem eine Ernährungsgewohnheit bei jedem Menschen automatisch „sitzt“.
Was verändert sich im Körper unter Einsatz der Spritze? Was, wenn sie wieder abgesetzt wird?
Unter der Therapie mit Semaglutid oder Tirzepatid verändert sich vor allem die Regulation von Hunger und Sättigung. Das Medikament verstärkt das Sättigungsgefühl und reduziert den Appetit. Gleichzeitig wird die Magenentleerung verlangsamt, sodass man sich länger satt fühlt und häufig kleinere Mengen isst.
Zusätzlich wirkt das Medikament auf den Zuckerstoffwechsel und kann dadurch die Blutzuckerregulation verbessern. Wird die Spritze wieder abgesetzt, fällt diese Unterstützung der Appetit- und Sättigungsregulation weg.
Dadurch können Hunger und Appetit wieder stärker werden und es kann leichter fallen, größere Mengen zu essen. Studien zeigen deshalb, dass nach dem Absetzen häufig wieder Gewicht zugenommen wird. Besonders bei abruptem Absetzen kann sich ein gewaltiger JoJo-Effekt mit bis zu 160 Prozent einstellen. Daher ist das Absetzen zwingend ausschleichend zu dosieren. Das zeigen Studien und unsere Erfahrungen in unserem Zentrum.
Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Gewichtszunahme zwangsläufig ist. Besonders wichtig ist, die während der Ernährungs-Therapie entwickelten Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten auch nach dem Absetzen beizubehalten.
Idealerweise sollte gerade das Absetzen ernährungstherapeutisch begleitend werden oder mit einer medizinischen App getrackt werden. Wir erleben bei vielen Patienten, dass mit der Verwendung der myFoodDoctor App (entwickelt von Dr. Riedl) über Jahre das Gewicht weiter langsam nach unten gehen kann bzw. der JoJo Effekt vollkommen ausfällt.
Was sollte konkret auf dem Teller landen, damit die neue Ernährung langfristig trägt?
Auch mit der Spritze sollte die Ernährung möglichst abwechslungsreich und nährstoffreich sein. Empfehlenswert sind vor allem Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Milchprodukte, magere Eiweißquellen wie Geflügel, Fisch und Eier sowie Nüsse, Samen und pflanzliche Öle. Gleichzeitig sollten stark verarbeitete Lebensmittel, zuckerhaltige Getränke, Süßigkeiten, salzige Snacks, Fast Food sowie viel rotes und verarbeitetes Fleisch möglichst selten gegessen werden.
Besonders wichtig ist eine ausreichende Eiweißzufuhr, da während einer Gewichtsabnahme auch Muskelmasse verloren gehen kann. Als Orientierung gelten etwa 1,2–1,6 g Eiweiß pro kg Körpergewicht pro Tag. Eiweiß allein reicht jedoch nicht aus: regelmäßiges Krafttraining ist ebenfalls wichtig, um die Muskulatur möglichst gut zu erhalten.
Mit der Frage, wie man auch nach der Spritze sein Gewicht hält, hat sich Dr. Matthias Riedl in seinem Buch „Nie wieder dick nach der Abnehmspritze“ (GU) ausführlicher befasst.
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