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Zeitenwende und Russenhass: Wenn aus Hitlers Vernichtungskrieg ein „Befreiungskrieg“ wird

Дата публикации: 03-10-2026 12:19:46

Die „Zeitenwende“ kippt Europas Erinnerung. War die UdSSR 1941 mitschuldig, war Hitlers Vernichtungskrieg ein „Befreiungskrieg“?

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Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in Bezug auf den Ukraine-Krieg richtet sich für gewöhnlich auf das Militärische. Spektakuläre Drohnenangriffe tief im russischen Hinterland, die Raffinerien und reihenweise ungeschützte Wildberries, das russische Äquivalent von Amazon-Warenlagern, treffen, nehmen die energischsten Unterstützer des außenpolitischen Kurses der Bundesregierung und der EU-Kommission als Genugtuung wahr.

Endlich schmecke der Aggressor seine eigene Medizin. Man jubelt und schwenkt Fahnen wie bei einer Fußball-WM, wenn das eigene Team der gegnerischen Mannschaft gerade mit einem besonders schönen Freistoß ein Tor eingeschenkt hat. Aber da man nicht selbst auf dem Platz steht, kann man geflissentlich ignorieren, dass die russische Antwort ihrerseits eine Eskalation gegen zivile Einrichtungen ist.

In diesem Sommer sind so viele Zivilisten wie seit Beginn des Krieges nicht mehr ums Leben gekommen. Die Tatsache, dass der Westen zwar Patriot-Raketen zur Abwehr der russischen Raketen liefern würde, aber nicht mehr in ausreichender Stückzahl liefern kann, eskaliert die Zerstörungen. Infrastruktur liegt am Boden und demnächst kommt der Winter und trifft eine besonders vulnerable Bevölkerung.

Während aber die Hauptaufmerksamkeit auf dem Militärischen ruht, tut sich viel auch an den Heimatfronten. In Russland stehen Wahlen an und die Regierung sah sich offenbar gezwungen, die liberale kriegsgegnerische Jabloko-Partei von der Wahl auszuschließen. Umgekehrt wächst in der Ukraine, wo die Regierung fast alle Oppositionsparteien verboten hat, der Druck auf Präsident Wolodymyr Selenskyj, nun auch im Krieg Wahlen abzuhalten.

Ukrainische Massenmörder: Für die einen Helden, für die anderen Verbrecher

Der trotz Massenprotesten von Selenskij entlassene Mychajlo Fedorow hat den Präsidenten offen zu Wahlen auch noch während des Krieges aufgefordert. Wie diese ausgehen würden, ist längst nicht ausgemacht angesichts der Kriegsmüdigkeit und des immer mehr Regierungsmitglieder und Selenskij-Vertraute erfassenden Korruptionsskandals um Bereicherungen an Waffenlieferungen. Oligarchen verdienten sich goldene Nasen und einer gönnte sich buchstäblich eine goldene Toilette.

Wie innerlich zerrissen das Land ist, zeigen die offenen Rivalitäten zwischen verschiedenen Geheimdienstfraktionen, die zuletzt in einer Schießerei gipfelten. Innenpolitisch hat die ukrainische Regierung zuletzt außerdem durch pompös inszenierte Heimholungen und Umbettungen von Nationalhelden wie Andrij Melnyk und Jewhen Konowalez auf sich aufmerksam gemacht. Die Nationalhelden des einen sind jedoch die Kriegsverbrecher und Massenmörder des anderen.

Eine Frau wirft Erde auf den Sarg von Jewhen Konowalez, dem ersten Vorsitzenden der OUN, bei seiner feierlichen Umbettung nahe Kiew am 18. August 2026.

Eine Frau wirft Erde auf den Sarg von Jewhen Konowalez, dem ersten Vorsitzenden der OUN, bei seiner feierlichen Umbettung nahe Kiew am 18. August 2026.

© IMAGO/Danylo Antoniuk

Dass mit Selenskyj ausgerechnet ein jüdischer Präsident heute den in die Ukraine umgebetteten Antisemiten, SS-Männern und Holocaust-Kollaborateuren von der OUN seinen Segen geben muss, ist signifikant. Die OUN waren in ihrer Zeit eine rechtsextreme Splittergruppe ohne Mehrheit in der Bevölkerung. Die Geschichtspolitik der Regierung zeigt heute vor allem ihre Verbindung und Angewiesenheit auf Rechtsextremisten. Selenskijs Geschichtspolitik soll die Nationenbildung der Ukraine finalisieren.

Rückbezug auf Faschismus in der Ukraine nicht alternativlos

Aber der Rückbezug auf die faschistische Tradition ist nicht alternativlos. Denkbar wäre auch ein anderes Nationen- und Geschichtsbild als multiethnische, seit Ewigkeiten bilinguale, postsowjetische Nation, die als Teil der Sowjetunion auch den Zweiten Weltkrieg gewann und sich unter anderem auch auf die kurzlebige Kosakenrepublik bezieht.

Das bilinguale Erbe würde dann bedeuten, dass russischsprachige Ukrainer wie Michail Bulgakow und Nikolai Gogol ebenso der Nation angehören wie die überwiegend auf Ukrainisch schreibenden Taras Schewtschenko und Lesja Ukrainka. Oder wie der auf Ruthenisch schreibende Bogdan Chmelnitzki. Es würde bedeuten, dass sich ein ukrainischer Jude wie Leo Bronstein, genannt Trotzki, der sich als internationalistischer Kommunist begriff, ebenfalls zur Nationalgeschichte gehört.

Genauso wie in der ukrainischen Sowjetrepublik aufgewachsene Künstlerinnen und Politiker, die sich – wie die Filmregisseurin Larissa Schepitko und der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew (1964–1982) – als postnationale Sowjetbürger begriffen, auch Teil der ukrainischen Nationalgeschichte sind.

Die Ukraine geschichtlich in die Tradition der auf mörderische Weise antirussischen, antipolnischen, antisemitischen und antitatarischen Kräfte zu stellen, sie also letztlich in rassistischer Abgrenzung zu gründen, ist nicht zwangsläufig. Tatsächlich bleibt diese Banderaisierung der ukrainischen Erinnerungspolitik bis heute ein Minderheitenprojekt ukrainischer Rechtsextremer.

Eine Umfrage der Rating Group vom August 2026 fand heraus, dass die Bevölkerung in der Ukraine als die „größten historischen Figuren des Landes“ nur zu 11 Prozent Stepan Bandera nannte und nur zu 2 Prozent Roman Schukewitsch. Mehr als 60 Prozent nannten Schewtschenko, 28,4 Prozent nannten Lesja Ukrainka und 15,9 Prozent nannten Chmelnitzki. Mit anderen Worten: Nur etwa jeder Zehnte in der Ukraine unterstützt die nach dem Euromaidan mit generöser Förderung des Westens vorangetriebene geschichtspolitische Wende im Land.

Tatsächlich ist sogar das Ansehen der Roten Armee trotz der geschichtsrevisionistischen Offensive nach wie vor positiv: 87 Prozent der Befragten sehen sie in einem positiven Licht, mehr sogar als die UPA, deren Ansehen von der Regierung in den letzten Jahren systematisch im Sinne der Nationenbildung gefördert worden ist (74 Prozent), die UPA als nationale Befreiungsbewegung konstituierend.

Straße zu Massenmordstätte von Juden nach Nazi benannt

Nun aber gibt es seitens der Regierung den Rückbezug auf den mörderischen Ultranationalismus der 20er-, 30er- und 40er-Jahre. Das führt zwangsläufig zu Unappetitlichkeiten wie der Tatsache, dass der Weg zur Gedenkstätte Babyn Jar heute über die 2016 so benannte Stepan-Bandera-Allee (Prospekt Stepana Bandery) führt. In der im Norden der Hauptstadt Kiew gelegenen Schlucht wurden am 29./30. September 1941 beim größten Einzelmassaker an Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg mehr als 33.000 Menschen, die allermeisten aus Kiew, von den deutschen Faschisten unter Beteiligung ukrainischer Nationalisten ermordet.

Der ukrainische Historiker Vitaly Nachmanowitsch widerspricht der international verbreiteten Darstellung, wonach Angehörige der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) direkt an den Erschießungen und ihrer Absicherung beteiligt gewesen seien. Als belegt gilt hingegen, dass ukrainische Nationalisten „bloß“ beim Zusammentreiben der Kiewer Juden und bei der Plünderung ihres Eigentums halfen. Zu den damals führenden OUN-Strömungen gehörten die Fraktionen um Stepan Bandera und Andrij Melnyk. Gefördert wird die neue Geschichtspolitik von einer in Kanada ansässigen Exilukrainer-Community, die zu großen Teilen von den ehemaligen Tätern abstammt.

Es liegt bei (völkischem) Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in der Natur der Sache, dass diese todbringenden Ideologien nach innen die Widersprüche und Klassengegensätze zudecken, sie aber nach außen aufplatzen lassen. Gerade daraus ergibt sich ja der historisch sehr enge Zusammenhang zwischen Nationalismus und Krieg. „Deutschland über alles“, „Deutsche zuerst“ – das war und ist der Krieg, und das muss man wissen. Das sieht man dann heute daran, dass die gleichsam nationalistischen Regierungen Polens und Israels Sturm laufen gegen die ukrainische Glorifizierung der Anführer von Organisationen, die Mittäter des Holocaust waren und im nationalistischen Geist massenhaft Polen ermordeten.

Der ukrainische Geschichtsrevisionismus ist jedoch nicht nur für die Ukraine, Polen oder Israel ein Problem. Er wird es auch für Deutschland und Westeuropa. Die Frage ist: Wann wird eigentlich in Westeuropa, vor allem in Deutschland, der Kipppunkt erreicht sein?

Sowjetunion selbst schuld an Hitlers Überfall?

Die „Zeitenwende“ hat heute schon eine Binnendimension. Sie verändert Deutschland nach innen. Sie tut es auch geschichtspolitisch. Zur „inneren Zeitenwende“ gehört heute schon ein Neo-Nolteismus, der der Sowjetunion die oder wenigstens eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg gibt, also auch an ihrer eigenen systematischen Vernichtung durch Deutschland. Eine entsprechende EU-Resolution gab es schon 2019.

Dabei kommt diese Art des Geschichtsrevisionismus nicht von Rechtsaußen, wo der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland das „Dritte Reich“ mitsamt Vernichtungskrieg im Osten und Holocaust zum „Vogelschiss“ in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte erklärt hat. Oder wo Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hat. Der Neo-Nolteismus wird heute besonders rabiat von den Grünen vorgetragen.

Es gehört zum Irrsinn dieser Tage, was da im Rahmen der „inneren Zeitenwende“ in Deutschland und Europa ideologisch ins Rutschen gekommen ist. Die Geister, die hier gerufen worden sind, werden die deutsche Gesellschaft noch Jahrzehnte beschäftigen. Sie werden Übel bringen.

Das Massaker von Babyn Jar am 29. und 30. September 1941 war eine der größten Massenerschießungen des Holocaust. Innerhalb von zwei Tagen ermordeten deutsche SS- und Polizeieinheiten unter Beteiligung ukrainischer Hilfskräfte 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder.

Das Massaker von Babyn Jar am 29. und 30. September 1941 war eine der größten Massenerschießungen des Holocaust. Innerhalb von zwei Tagen ermordeten deutsche SS- und Polizeieinheiten unter Beteiligung ukrainischer Hilfskräfte 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder.

© CPA Media/Imago

Die Duldung, ja Förderung des ukrainischen Geschichtsrevisionismus bringt mich jedoch zunehmend zur Frage: Wann wird der Punkt erreicht sein, wenn hierzulande die ersten geschichtspolitischen Akteure der sich für einen Krieg gegen Russland rüstenden „Mitte“, inspiriert durch den Geschichtsrevisionismus der Ukraine und im EU-deutschen Herrschaftsgebiet in Osteuropa insgesamt, erstmals ganz offen und direkt – und nicht bloß, scheinbar „harmlos“ und „unverdächtig“, über die Bande des Neo-Nolteismus gespielt – eine Neubetrachtung des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion vorschlagen?

Ganz nach dem Motto: Der Holocaust war natürlich absolut nicht okay, sicherlich auch alle Kriegsverbrechen gegen Zivilisten nicht, und überhaupt: Musste Deutschland wirklich Krieg nach Westen und Osten gleichzeitig führen und sogar den USA den Krieg erklären? So haben wir das Ding ja verloren …

Davon und natürlich von der Person Hitler usw. wird sich ein solcher Geschichtsrevisionismus moralisch distanzieren müssen, kaum anders als Linke es machen, wenn sie über den Stalinismus sprechen – hat ja nix mit der edlen Sache selbst zu tun.

Am Ende sind es bloß die Liberalen, die scheinbar niemand für die Verbrechen des Kapitalismus, Kolonialismus usw. verantwortlich machen will und die darum, in ihrer gemütlichen „Mitte“-Ecke, die Verbrechen des Liberalismus ja überhaupt nicht auf sich und ihre Ideologie beziehen und darum auch niemals selbstkritisch reflektiert haben, sondern das alles hübsch durch die Totalitarismusdoktrin eskamotieren konnten.

Allianz der Revisionisten im EU-deutschen Herrschaftsgebiet

Also davon müsste sich der neue „Make Russia small again“-Geschichtsrevisionismus distanzieren: Hitler, Goebbels, Himmler, Göring, Ribbentrop, Heydrich, Eichmann und Co. können schon allein aus Gründen der Außenpolitik sicherlich niemals wieder in einem positiven Licht erscheinen. Aber die Sache selbst? Am Ende, nun ja … könnte die revisionistische Argumentation dann etwa so lauten: Hat Deutschland nach 1941 nicht auch behauptet, die Völker Osteuropas vom Joch des Kommunismus und des russischen Imperialismus zu befreien?

Wird man dann jenseits der in Nürnberg Verurteilten usw. vielleicht sogar „alternative“ Heldenfiguren ausfindig machen, die sich trotz „Kommissarbefehl“ und Co. z.B. einen sauberen Krieg wünschten oder an den Massakern mal etwas rumzumäkeln hatten? Das alles getragen vom Wunsch, die unverbrüchliche Freundschaft mit einer ukrainischen Regierung und anderen osteuropäischen Regierungen aufrechtzuerhalten, die allesamt auf ihre Art hart revisionistisch unterwegs sind und eben im EU-deutschen Herrschaftsgebiet liegen?

Und sollte dieser Punkt tatsächlich eines Tages kommen – etwas, das in den 90er- und 2000er-Jahren jenseits der NPD noch völlig undenkbar schien –, stellt sich die Frage: Träumt man dann nur, oder wird tatsächlich suggeriert, es sei irgendwo, an und für sich, doch ein solcher Befreiungskrieg im Sinne von „Deutschlands europäischer Sendung“ gewesen, wie die Nazis ihren „Kreuzzug gegen den Kommunismus“ damals selbst nannten?

Gleichzeitig distanziert man sich natürlich von der industriellen Vernichtung des (ost-)europäischen Judentums und erklärt, die Massaker an Zivilisten seien selbstverständlich nicht korrekt gewesen. Aber die Motive? Die waren ja edel. Irgendwie. Und wo gehobelt wird, fallen schließlich Späne … You know: „die Drecksarbeit (…) für uns“, echte Geschichte. Das Ziel „mehr Russen töten“ ist schließlich keine „Barbie-Welt“ – das sagt heute schon Michael Martens von der FAZ.

Das alles wäre dann tatsächlich die Wiederauferstehung des „alten Notar Bolamus“, den Franz Josef Degenhardt 1965 im gleichnamigen Lied beschrieben hat: „‚Nur Auschwitz‘, sagt er, ‚das war ein bisschen zu viel.‘“ Mit Auschwitz begründen wir seit dem Kosovokrieg ja jedes neue Großmachtstreben und jeden völkerrechtswidrigen Krieg.

In jedem Fall wäre das dann die echte höckesche „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, allerdings nicht vom rechtsextremen Rand, sondern im Ergebnis des neuen Rechtsextremismus aus der Mitte.

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