Die Unruhen wegen Lehrermangel und maroder Schulen in Frankreich eskalieren. Vielfach ist unklar, ob es überhaupt noch Schüler sind, die Feuer legen. Zum Gesicht der Bewegung ist Ryad Rani geworden – ein 18-jähriger Aktivist mit Verbindung zu La France insoumise.
Die Unruhen wegen Lehrermangel und maroder Schulen in Frankreich eskalieren. Vielfach ist unklar, ob es überhaupt noch Schüler sind, die Feuer legen. Zum Gesicht der Bewegung ist Ryad Rani geworden – ein 18-jähriger Aktivist mit Verbindung zu La France insoumise.
02.10.2026, 22.35 Uhr
4 Leseminuten

Jean-François Badias / AP
In Marseille brannte am Donnerstagmorgen ein Feuerwehrwagen aus. Die Einsatzkräfte wollten vor dem Lycée Saint-Exupéry brennenden Müll löschen, als Jugendliche sie angriffen, den Wagen plünderten und anzündeten. Zurück blieb ein verkohltes Gerippe.
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Kurz darauf zerstörte ein Feuer die Eingangshalle des Lycée Nelson Mandela im westfranzösischen Nantes. Die für ihre Architektur ausgezeichnete Schule hatte mehr als 52 Millionen Euro gekostet. Mit Solarmodulen und natürlicher Belüftung galt sie als Vorbild nachhaltigen Bauens. Vermummte Jugendliche hatten den Brand gelegt.
Am selben Tag verfolgten junge Männer in Paris eine Polizeianwärterin, die ein heruntergefallenes Funkgerät aufheben wollte. Einer holte sie ein und riss sie zu Boden. Die anderen drängten sich um sie. «Tötet sie!», ist auf einem Video des Angriffs zu hören. Die junge Frau blieb körperlich unverletzt, stand jedoch unter Schock.

PD
Gut zwei Wochen nachdem Schüler in einem Vorort von Paris zunächst friedlich ein Lycée blockiert hatten, sind die landesweiten Proteste gegen Lehrermangel und schlechte Lernbedingungen zum Teil in regelrechte Strassenschlachten umgeschlagen. Es gehe nicht mehr um die Blockade von Schulen, zitierte das Magazin «Le Point» am Donnerstag einen Regierungsvertreter, «es geht um Gewalt in den Städten».
Für das Kabinett von Premierminister Sébastien Lecornu markiert der 1. Oktober einen Wendepunkt. An diesem Tag seien 1949 überwiegend minderjährige Personen festgenommen und 305 Einsatzkräfte verletzt worden, teilte das Innenministerium mit. Bis und mit Freitag sind 3000 weitere Festnahmen dazugekommen. Nach Brandstiftungen und Zusammenstössen mit der Polizei blieben Hunderte von weiterführenden Schulen geschlossen.
Frankreichs Bildungsminister Édouard Geffray appellierte an die Eltern, ihre Kinder von den Blockaden fernzuhalten: «Auf der Strasse sind sie in Gefahr», sagte er am Freitagmorgen im Fernsehsender BFMTV. Die Regierung setze auf mehr Polizeipräsenz, aber auch auf Gespräche mit Schülervertretern, erklärte Geffray. Als erstes Zugeständnis an die Protestierenden habe man bereits geplante Gebühren für bestimmte Berufsausbildungen gestrichen.

Jean-François Badias / AP
Für Ryad Rani sind das keine ernsthaften Konzessionen. Der 18-Jährige ist in Frankreich zum Gesicht der Protestbewegung geworden. Als sich die zunächst auf die Pariser Banlieue begrenzten Blockaden Ende September auf andere Städte ausweiteten, verschaffte er den Jugendlichen als Chef der Schülergewerkschaft Union syndicale lycéenne eine landesweite Stimme.
Im Fernsehen trägt der schmale junge Mann mit dem markanten Bart seither unermüdlich die Forderungen der Schüler vor: kleinere Klassen, Ersatz für fehlende Lehrer, kürzere Schultage, sanierte Schulgebäude, besseres Mensa-Essen. All das sind vernünftige Anliegen, aber Rani will auch «Parcoursup», das Verfahren zur Vergabe von Studienplätzen, abschaffen, weil es «sozial selektiv und rassistisch» sei. Er fordert niedrigere Studiengebühren für ausländische Studierende und generell mehr Geld für öffentliche Dienste. Eine Rangfolge lehnt er ab: «Alles ist dringend, alles muss erfüllt werden.»
Was die Gewalt betrifft, ruft Rani zwar zur Vorsicht auf, allerdings eher halbherzig. Man dürfe «der Gegenseite keinen Vorteil verschaffen», erklärte er dem Magazin «Marianne». In brennenden Mülltonnen sehe er kein Problem, schliesslich würden selbst Feuerwehrleute bei Demonstrationen Gegenstände anzünden. Seine Gewerkschaft sei zudem nicht dazu da, die Protestbewegung in feste Bahnen zu lenken.
Politisch verortet sich Rani klar links. Der aus der nordfranzösischen Stadt Roubaix stammende Abiturient kandidierte bei den Kommunalwahlen im März für eine Liste, die der Partei La France insoumise (LFI) nahestand. Auf seinen Social-Media-Accounts solidarisiert er sich mit dem libanesischen Extremisten Georges Ibrahim Abdallah und der verbotenen Antifa-Gruppe Jeune Garde.
Diese Querverbindungen sind nicht unerheblich. Denn mit der Eskalation der Proteste wird in Frankreich auch darüber gestritten, welche Rolle LFI bei ihrer Ausbreitung spielt. Premierminister Lecornu wirft der Partei von Jean-Luc Mélenchon vor, die Schüler politisch instrumentalisiert zu haben. Auch Geffray, der Bildungsminister, sagte, die ursprünglich legitime Protestbewegung sei von LFI «angeheizt» und von ultralinken Gruppen «gekapert» worden.

Tom Nicholson / Reuters
Auffällig ist, dass sich die radikale Linke sehr früh einschaltete. Bereits am 21. September, dem ersten Tag der Proteste, erschien der LFI-Abgeordnete Louis Boyard in der Pariser Vorstadt Créteil und verbreitete ein Video, das in den sozialen Netzwerken millionenfach gesehen wurde. Darin rief er dazu auf, die Blockaden auszuweiten. Bastien Lachaud, ein weiterer LFI-Abgeordneter, tauchte wenig später im Pariser Vorort Aubervilliers auf und ermunterte die Schüler, ihren «Widerstand» fortzusetzen. Ryad Rani bestreitet dagegen, dass Mélenchons Leute Regie bei den Protesten führten. Seine Gewerkschaft sei unabhängig, sagt er. Politische Unterstützung von aussen ändere daran nichts.
Der frühere Innenminister und konservative Präsidentschaftskandidat Bruno Retailleau brachte am Freitag ein Verbot von LFI ins Gespräch. Die Partei versuche offenkundig, einen Aufstand zu organisieren, sagte er. Justizminister Gérald Darmanin warf Mélenchon ebenfalls vor, die Krawalle politisch anzufachen. Zugleich sprach er von einer «gewaltbereiten Minderheit» und stellte infrage, ob es sich bei allen Beteiligten tatsächlich noch um Schüler handle. Für Schäden, die Minderjährige verursachten, sollten deren Eltern aufkommen. Das sei viel sinnvoller, als die Randalierer zu inhaftieren.
Inzwischen hat die Protestwelle auch Lycées erreicht, deren Schüler kaum im Verdacht stehen, vom Staat vergessen worden zu sein. Am Lycée Henri-IV, dem Pariser Elitegymnasium schlechthin, skandierten Jugendliche aus gutsituierten Familien am Donnerstag: «Wir sind alle Antifaschisten.» Das passte eher schlecht zur Erzählung, in Frankreich entlade sich derzeit vor allem der Frust chronisch vernachlässigter Banlieue-Schulen.
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