In Menschengruppen wollen immer alle an Ihnen vorbei? Das lässt manchmal verzweifeln. Was sagt die Forschung, liegt es an Ihrer Persönlichkeit?
In langen Schlangen oder Menschenmengen wollen immer alle an Ihnen vorbei? Das nervt – und lässt manchmal verzweifeln. Was sagt die Forschung: Liegt es an Ihrer Persönlichkeit?
Sie stehen an der Supermarktkasse, auf einem Konzert oder mitten in einer Menschenmenge. Eigentlich ist genug Platz vorhanden. Und trotzdem passiert es immer wieder: Alle wollen ausgerechnet an Ihnen vorbei.
Sie machen Platz. Dann kommt der Nächste. Dann noch einer. Irgendwann fühlen Sie sich wie eine menschliche Schiebetür und fragen sich: Warum eigentlich immer ich?
Joern Kettler ist Wirtschaftspsychologe, Mimik-Analyst und Bestsellerautor. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Die gute Nachricht zuerst: Eine wissenschaftlich belegte „Schiebetür-Persönlichkeit“ gibt es nicht.
Wenn jemand auf Sie zukommt, denken Sie vielleicht: „Warum will der jetzt ausgerechnet an mir vorbei?“ Der andere denkt wahrscheinlich: „Wo komme ich am einfachsten durch?“
Fußgänger beobachten unbewusst Abstände, Bewegungsrichtungen und andere Menschen. Eine Feldstudie mit mehr als 500 natürlichen Begegnungen zeigte, dass unter anderem der seitliche Abstand und die Zahl der Menschen in der Umgebung beeinflussen, ob Fußgänger ihre Laufrichtung verändern.
Menschen wählen also nicht unbedingt eine Person. Sie wählen einen möglichen Weg. Wenn Sie genau an dieser Stelle stehen, werden Sie Teil dieses Weges.
Warum kommen dann gleich mehrere hintereinander? Weil sich in Menschenmengen Bewegungsmuster entwickeln.
Forscher analysierten mehrere Tausend Fußgänger unter natürlichen Bedingungen. Dabei zeigte sich, dass Menschen innerhalb von Gruppen typische Formationen bilden und diese abhängig von der Personendichte verändern. Dadurch entstehen wiederum Lücken und Bewegungsachsen für andere Menschen.
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Das kennen Sie vom Bahnhof: Einer läuft irgendwo durch. Der Nächste sieht den Weg und folgt. Der Dritte ebenfalls. Plötzlich ist dort gefühlt ein Durchgang, obwohl ihn niemand geplant hat.
Wenn Sie an genau dieser Stelle stehen, denken Sie: „Jetzt kommen schon wieder alle bei mir vorbei.“ Für jeden einzelnen Passanten war es dagegen nur der gerade offensichtlichste Weg.
Warum hilft selbst „breit machen“ manchmal nicht? Das liegt daran, dass Menschen erstaunlich geschickt darin sind, enge Lücken zu nutzen.
In einer weiteren Studie wurde untersucht, wie Fußgänger aneinander vorbeigehen, wenn wenig Platz vorhanden ist. Menschen drehen dabei Schulter und Oberkörper und verändern ihre Körperausrichtung, um Kollisionen zu vermeiden.
Das bedeutet: Sie machen sich vielleicht breit. Der andere sieht trotzdem: „Da passe ich noch durch.“ Und dreht sich eben ein wenig. Der demonstrativ ausgestellte Ellenbogen ist daher nicht unbedingt die eleganteste Lösung.
Noch interessanter wird es beim gegenseitigen Ausweichen. Untersuchungen von Forschern zeigten, dass Fußgänger ihre Bewegungen aufeinander abstimmen und die zukünftige Bewegung des Gegenübers antizipieren. Besonders spannend: Menschen blickten häufig bereits vor ihrer tatsächlichen Ausweichbewegung in die Richtung, in der sie später vorbeigingen.
Wir kommunizieren beim Gehen also ständig ohne Worte. Blick. Schulter. Körperausrichtung. Tempo. Ein kleiner Schritt zur Seite.
Besonders spannend ist eine Studie von Forscher Adrien Gregorj und seinen Kollegen. Die Wissenschaftler untersuchten, ob einzelne Fußgänger zwischen zwei Personen hindurchgehen oder außen herum.
Das Ergebnis: Je stärker zwei Menschen miteinander verbunden und sichtbar miteinander beschäftigt wirkten, desto eher gingen entgegenkommende Fußgänger außen herum, statt die Gruppe zu durchtrennen.
Menschen beurteilen also nicht nur: „Ist dort physisch Platz?“ Sondern offenbar auch: „Ist das sozial ein Durchgang?“
Ein Paar, das miteinander spricht und einander zugewandt ist, wirkt eher wie eine geschlossene Einheit. Zwei Menschen, die zufällig nebeneinander stehen und keinen Bezug zueinander zeigen, können dagegen wie zwei Begrenzungen einer praktischen Lücke wirken.
Es wäre unseriös zu behaupten: „Freundliche Menschen werden häufiger als Durchgang benutzt.“ Oder: „Unsichere Menschen ziehen Passanten an.“
Sehr wohl beeinflussen jedoch sichtbare Faktoren das Ausweichverhalten. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass Körperbreite und Körperorientierung eine Rolle dabei spielen können, wie Menschen an anderen vorbeigehen.
Laut einer Studie sind die Gründe keine geheimnisvolle Ausstrahlung, sondern
Ein offizielles wissenschaftliches Anti-Schiebetür-Programm gibt es natürlich nicht. Aus der Forschung lassen sich aber einige praktische Regeln ableiten:
Wenn zwischen Regal, Absperrung oder anderen Menschen eine erkennbare Bewegungsachse entsteht, können zwei Schritte zur Seite bereits mehr bringen als demonstratives Breitmachen.
Bleiben Sie zunächst ruhig stehen und beobachten Sie, wie sich der andere bewegt. Da Menschen die Bewegungen ihres Gegenübers antizipieren, kann sehr frühes Ausweichen eine Passage erst eindeutig machen.
Das ist eine praktische Ableitung der Forschung, keine direkt getestete „Schiebetür-Technik“.
Menschen umgehen sichtbar zusammengehörende Gruppen häufiger statt mitten hindurchzulaufen. Und natürlich gilt: Es geht nicht darum, andere absichtlich zu blockieren oder einen Zusammenstoß zu provozieren.
Warum fühlt es sich trotzdem so persönlich an? Weil Sie jede einzelne Unterbrechung erleben. Der Passant erlebt Sie nur einmal. Für ihn ist es ein kurzer Durchgang. Für Sie ist es vielleicht schon Mensch Nummer sieben. Dadurch entsteht zwangsläufig das Gefühl: „Warum passiert das ständig mir?“
Ob hier zusätzlich bestimmte Wahrnehmungs- oder Erinnerungseffekte beteiligt sind, ist für genau diese Alltagssituation meines Wissens nicht direkt untersucht worden. Deshalb sollten wir auch hier nicht mehr hineininterpretieren, als die Forschung hergibt.
Wenn auf einem Konzert, am Bahnhof oder in einer Schlange immer wieder Menschen an Ihnen vorbeiwollen, sagt das wahrscheinlich sehr wenig über Ihre Persönlichkeit aus.
Sie wirken nicht automatisch schwach, nicht besonders unterwürfig. Und Sie besitzen auch keine geheimnisvolle „Bitte hier entlang“-Aura. Menschen suchen in Menschenmengen ständig den einfachsten möglichen Weg. Sie erkennen Lücken und beobachten Bewegungen. Sie antizipieren, wer Platz machen könnte.
Und manchmal entscheiden zehn Menschen unabhängig voneinander: „Genau dort komme ich durch.“ Wenn Sie genau dort stehen, werden Sie zur menschlichen Schiebetür. Nicht wegen Ihrer Persönlichkeit, sondern wahrscheinlich einfach wegen Fußgängerdynamik.
Und vielleicht reicht beim nächsten Konzert tatsächlich schon die einfachste psychologische Intervention überhaupt: zwei Schritte weiter links stehen.