Erfolg bei der Entwicklung einer mRNA-Impfung gegen Hautkrebs: Laut Forscher kann der Impfstoff das Risiko für Rückfälle um die Hälfte senken.
Moderna hat vorläufige positive Ergebnisse bei der Entwicklung einer mRNA-Impfung gegen Hautkrebs vermeldet. Der Impfstoff könne das Risiko für Rückfälle und Fernmetastasen um knapp die Hälfte senken. Doch es gibt Zweifel.
Der Impfstoff gegen schwarzen Hautkrebs hat in einer Phase-3-Studie positive vorläufige Ergebnisse erzielt.
Nach Angaben der Pharmaunternehmen Moderna und MSD Sharp & Dohme (In den USA auch bekannt als Merck) hatte der individualisierte mRNA-Impfstoff Intismeran (Moderna) in Kombination mit dem Krebsmedikament Keytruda (MSD) das Hauptziel der Studie erreicht. Dies bestand darin, die Lebenszeit der Patienten ohne Rückkehr des Tumors signifikant zu verlängern – im Vergleich zur alleinigen Behandlung mit Keytruda.
Außerdem verhinderte die Kombinationstherapie das Risiko, dass sich Metastasen in anderen Körperregionen bilden. Mit den vorläufigen Ergebnissen ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zulassung dieser mRNA-Kombi-Therapie getan, erklärten die Unternehmen. Es wäre die erste ihrer Art im Kampf gegen den Krebs.
Die Zahlen klingen erst einmal spektakulär. Aber Krebsexperten sahen den Erfolg gegen Hautkrebs schon vorher kritisch.
Medikamente durchlaufen verschiedene Phasen mit wissenschaftlichen Studien, bis sie auf den Markt kommen.
Vorklinische Phase: Forscher testen in Labor- oder Tierversuchen beispielsweise, dass der Wirkstoff nicht giftig ist.
Phase 0: Die klinischen Studien beginnen mit etwa zehn bis 15 Teilnehmern und geringen Wirkstoffmengen.
Phase I: Die Tests werden auf 50 bis 100 gesunde Freiwillige ausgeweitet, um vor allem die Verträglichkeit zu untersuchen.
Phase II: Forscher prüfen an mehreren 100 erkrankten Teilnehmern, ob die Substanz wie erwartet wirkt und welche Nebenwirkungen bei welcher Dosis auftreten.
Phase III: Jetzt untersuchen Wissenschaftler bis zu 10.000 erkrankte Testpersonen. Wenn der Wirkstoff ihnen hilft und sicher ist, lassen die Behörden das Arzneimittel für den Markt zu. Insgesamt dauert der Prozess zehn bis zwölf Jahre.
Phase IV: In der Beobachtungsphase des neu zugelassenen Medikaments wirkt dann jeder mit, der es verwendet.
Der Geschäftsführer von Moderna, Stephane Bancel, feierte die vorläufigen Ergebnisse. „Das ist ein großer Moment für die Medizin, ein großer Moment für die Patienten“, sagte er in einem Interview mit dem US-amerikanischen TV-Sender „CNBC“.
Das Unternehmen plant, die Ergebnisse bald auf einer internationalen medizinischen Fachtagung vorzustellen. Darüber hinaus wolle man in den Austausch mit den Zulassungsbehörden gehen, um die Zulassungsanträge zu besprechen.
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Nach Verkündung der vorläufigen Studienergebnisse schoss die Moderna-Aktie um 90 Prozent in die Höhe, die von MSD um 8 Prozent.
Schon im Juni, bei der Präsentation der Phase-2-Studienergebnisse, hatten die Forscher von einem Meilenstein gesprochen.
„Unsere Studie bietet Melanom-Patienten den starken Beleg dafür, dass die Therapie mit der Intismeran-Impfung in Kombination mit einer Immuntherapie das Risiko für eine Rückkehr des Tumors senken und die klinischen Resultate bessern kann“, sagte Studienleiterin Janice Mehnert von der Grossman School of Medicine der New York University auf einem Krebskongress.
Der US-Hersteller Moderna, der die kleine Studie zusammen mit dem Pharmakonzern MSD finanziert hat, visiert eine Zulassung schon im Laufe des kommenden Jahres an. In der Krebsmedizin wäre es die erste Zulassung einer mRNA-Impfung.
In der Phase-2-Untersuchung testeten Ärzte die mRNA-Impfung Intismeran in Kombination mit der Standard-Immuntherapie mit dem Checkpoint-Hemmer Pembrolizumab.
107 Männer und Frauen, denen der Tumor zuvor entfernt worden war, erhielten zwischen 2019 und 2021 die Kombination aus neun intramuskulären mRNA-Impfungen und 18 intravenösen Gaben des bewährten Präparats. In der Kontrollgruppe bekamen 50 weitere nur das Immunpräparat, ohne zusätzliche Impfung. In beiden Gruppen lag das Durchschnittsalter bei Anfang 60.
Nach einem Zeitraum von fünf Jahren sanken das Risiko für eine Rückkehr des Tumors – ein sogenanntes Rezidiv – um 49 Prozent und für Fernmetastasen um 59 Prozent.
„Die Fünf-Jahres-Daten bestätigen frühere Daten – dass es gelingt, die Metastasenfrequenz zum aktuellen Standard um circa 50 Prozent zu reduzieren“, sagte der Dermatologe Dirk Schadendorf vom Universitätsklinikum Essen, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. „Das Neue an diesem Update ist die Länge der Beobachtung, die die langanhaltende Tumorkontrolle nach zwölf Monaten Therapie belegt.“
Unklar ist dagegen, ob die Kombination tatsächlich Überlebensvorteile bietet: In beiden Gruppen starben sieben Teilnehmer. Statistisch aussagekräftig ist das nicht. Zudem war die Studie nicht verblindet: Patienten und Behandelnde wussten, wer die Impfung bekommen hatte und wer nicht.
mRNA-Präparate wurden weltweit bekannt durch die Covid-Pandemie. Erforscht wird die Technologie aber schon seit Jahrzehnten – vor allem als Mittel, um das Immunsystem gegen Krebs zu mobilisieren. Außer für Hautkrebs wird eine Nutzung auch für weitere Tumorarten geprüft, etwa Lungenkrebs.
„Unsere Resultate können andere Krebsforscher weltweit ermutigen, dass mRNA-Impfungen wie Intismeran in Kombination mit einer Immuntherapie auch gegen andere Tumore helfen könnten“, meint Mehnert.
In Deutschland zählt schwarzer Hautkrebs zu den häufigsten Tumoren, mit deutlich mehr als 20.000 Neuerkrankungen pro Jahr, bei steigender Tendenz. Die Therapie käme im Falle einer Zulassung allerdings nur für wenige Tausend von ihnen infrage, sagte der Leiter des Hauttumorzentrums an der Berliner Charité, Thomas Eigentler.
Niels Halama vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg dämpfte die Euphorie nach den Phase-2-Ergebnissen: „Die vorgelegten Zahlen bestätigen nur das, was man schon vorher wusste“, sagte er. „Aber die große Frage bleibt offen: Ist das wirklich relevant?“ Anders ausgedrückt: Kann die Kombination tatsächlich Leben retten? „Das wird noch zu klären sein“, so der Tumorimmunologe.
Denn die Studie bestätigt auch die Bedeutung des Standardpräparats Pembrolizumab: Der Checkpoint-Inhibitor soll dafür sorgen, dass das Immunsystem die Tumorzellen angreift. Die mRNA-Impfung soll die Körperabwehr zusätzlich gezielt für spezielle Strukturen des individuellen Tumors sensibilisieren.
Dazu wurde bei den Teilnehmern das entfernte Tumorgewebe analysiert. Die Impfung enthält bis zu 34 typische Eigenschaften dieser Karzinome, sogenannte Tumorantigene. Besondere Nebenwirkungen stellte das Team nicht fest.
Nun richten sich die Blicke auf die Resultate der weltweiten Phase-3-Studie, an der auch mehrere deutsche Kliniken beteiligt sind. „Wenn die Studie 'positiv' ist – das heißt den primären Endpunkt der statistischen Verbesserung des rezidivfreien Überlebens erreicht – wird das die Zulassung in den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa ohne Hindernisse erlauben“, sagte Schadendorf.
Das würde „einen neuen Goldstandard für Melanom-Patienten im Stadium IIB bis IIID weltweit bedeuten“ – also für jene Patienten, bei denen bereits Lymphknoten befallen sind und die eine zusätzliche Therapie nach der Entfernung des Tumors benötigen. „Wenn dies mit einem patientenspezifischen Impfstoff gelänge, würde die Impfstoffentwicklung in der Onkologie einen riesigen Schub erhalten – mit vielfältigen Auswirkungen weit über das Melanom hinaus.“
DKFZ-Experte Halama sieht mit Blick auf die veröffentlichte Studie noch viele offene Fragen. „Man hat sich viel größere Unterschiede erhofft“, sagte er. „Das Bild ist mit der aktuellen Studie noch nicht klarer geworden.“ Offen bleibe die Frage, ob die Kombinationsbehandlung viele Todesfälle verhindern kann. „Da kann man skeptisch sein.“
Hinzu kämen im Falle einer Zulassung weitere Fragen: Gibt es in Deutschland genug Kapazitäten, patientenspezifische Impfstoffe nach Tumorentfernung zeitnah – also binnen einiger Wochen – herzustellen? Und was würde die Therapie kosten?
Carola Berking vom Universitätsklinikum Erlangen erläuterte den aufwendigen Herstellungsprozess: „Für jeden Patienten müsste individuell Tumorgewebe gewonnen und versendet und der Impfstoff hergestellt werden“, sagte die Direktorin der Hautklinik. „Die komplexe Logistik und die strengen Herstellungsrichtlinien machen die Therapie sehr teuer – es werden bereits sehr hohe Preise von über 300.000 Euro pro Patient diskutiert.“
Halama merkte dazu an, dass unter Fachleuten die Diskussion aufgekommen sei, ob dieses aufwendige Vorgehen überhaupt notwendig ist: Grundsätzliche Fragen zum Nutzen einer personalisierten mRNA-Krebsimpfung weckte eine Studie im Oktober letzten Jahres im Fachjournal „Nature“.
Darin untersuchte eine Gruppe um Adam Grippin vom Anderson Cancer Center in Houston (US-Bundesstaat Texas) ebenfalls den Nutzen einer mRNA-Impfung in Kombination mit einer Checkpoint-Immuntherapie an Menschen, die ein Melanom oder Lungenkrebs hatten.
Die mRNA-Impfung steigerte über drei Jahre die Überlebenschance deutlich, insbesondere bei schwer zu behandelnden Tumoren. Der Clou: Bei dem Präparat handelte es sich nicht um einen personalisierten – auf dem eigenen Tumorerbgut – basierenden Impfstoff, sondern um eine schlichte Covid-Impfung. Die genügte offensichtlich schon, um das angeborene Immunsystem anzuregen.
„Das wirklich Aufregende an unserer Arbeit besteht darin, dass sie die Möglichkeit aufzeigt, dass weithin erhältliche, kostengünstige Impfungen das Potenzial besitzen, die Effektivität bestimmter Immuntherapien drastisch zu verbessern“, sagte Erstautor Grippin damals.
Laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums ist der wichtigste Risikofaktor für fast alle Hautkrebsarten UV-Strahlung (ultraviolette Strahlung). Bis zu 90 Prozent aller Hautkrebserkrankungen stehen in direktem Zusammenhang mit Sonnenexposition.
Wichtige Schutzmaßnahmen:
mit Agenturmaterial