NEW YORK. Handyverbote, weniger Bildschirmzeit, kleinere Klassen, mehr Geld, mehr KI oder lieber weniger davon: An Ideen, wie Schulen besser werden könnten, mangelt es nicht. Die New York Times hat 37 Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher gebeten, 30 solcher Reformansätze nach erwarteter Wirksamkeit und Kosten zu bewerten. Das Ergebnis rückt manche aktuellen, auch in Deutschland geführten Debatten […]
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NEW YORK. Handyverbote, weniger Bildschirmzeit, kleinere Klassen, mehr Geld, mehr KI oder lieber weniger davon: An Ideen, wie Schulen besser werden könnten, mangelt es nicht. Die New York Times hat 37 Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher gebeten, 30 solcher Reformansätze nach erwarteter Wirksamkeit und Kosten zu bewerten. Das Ergebnis rückt manche aktuellen, auch in Deutschland geführten Debatten zurecht: Besonders viel versprechen sich die Fachleute von intensiver Förderung in kleinen Gruppen und wissenschaftlich fundiertem Leseunterricht. Andere derzeit prominent diskutierte Maßnahmen landen dagegen weit hinten.
And the winner is… (Symbolfoto.) Foto: ShutterstockWährend in Deutschland über die Schulstruktur gestritten wird, Handyverbote an Schulen diskutiert werden, die Rolle Künstlicher Intelligenz im Unterricht eine Grundsatzdebatte auslöst und in die Ausstattung mit digitalen Geräten erheblich investiert wird, haben 37 US-Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher deutlich unspektakulärere Antworten auf die Frage, was schulische Leistungen verbessern könnte: Schülerinnen und Schüler gezielt fördern, ihnen systematisch Lesen beibringen, ihnen gute Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen und den Zugang zu anspruchsvollen Kursen erleichtern.
Die New York Times hatte die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gebeten, insgesamt 30 Reformideen jeweils auf einer Skala von eins bis sieben zu beurteilen. „Die schulischen Leistungen zu verbessern, ist notorisch schwierig. Brauchen Schulen mehr Geld? Bessere Lehrkräfte? Mehr standardisierte Tests? Weniger? Was könnte tatsächlich helfen, die Entwicklung umzukehren?“, schreiben die Autorinnen Sarah Mervosh, Francesca Paris und Claire Cain Miller mit Blick auf (auch in den USA) sinkende Schülerleistungen.
Bewertet wurden zwei Kriterien: die erwartete Wirksamkeit für die schulischen Leistungen – und die Kosten. Es handelt sich damit ausdrücklich nicht um eine Vergleichsstudie, in der die Effekte der 30 Maßnahmen unter identischen Bedingungen empirisch ermittelt wurden. Das Ranking bildet die Einschätzungen von Fachleuten ab, die zu Bildung forschen.
Die Befragten bewerteten die erwartete Wirkung auf einer Skala von 1 bis 7: Werte unter 4 stehen für eine eher geringe, Werte ab 4 für eine eher hohe erwartete Wirksamkeit. Auch die Kosten wurden auf einer Skala von 1 bis 7 eingeschätzt; hier bedeuten höhere Werte höhere erwartete Kosten.
Die New York Times hebt zwei Ansätze als diejenigen hervor, denen das Panel die größte Wirksamkeit zuschreibt: Am deutlichsten fällt das Urteil der Expertinnen und Experten bei der intensiven Förderung von Schülerinnen und Schülern in kleinen Gruppen aus. Sie erreicht mit 6,0 Punkten den höchsten Wirksamkeitswert aller 30 Vorschläge. Billig wäre diese Förderung allerdings nicht: Bei den Kosten kommt sie auf 5,2 Punkte.
Auf Platz zwei der Wirksamkeitsbewertung steht wissenschaftlich fundierter Leseunterricht mit 5,3 Punkten. Gemeint ist der in den USA unter dem Begriff „Science of Reading“ diskutierte Ansatz, Lesen systematisch und auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vermitteln – insbesondere mit einem stärkeren Fokus auf die systematische Vermittlung von Laut-Buchstaben-Zuordnungen sowie weitere evidenzbasierte Verfahren. Die Kosten schätzen die Fachleute mit 3,2 Punkten deutlich niedriger ein als bei der intensiven Kleingruppenförderung.
Danach wird das Bild vielfältiger. Eine hochwertige Vorschulbildung für alle erreicht einen Wirksamkeitswert von 4,8 Punkten, ist mit 5,9 Kostenpunkten nach Einschätzung der Befragten allerdings teuer. Mehr Geld pro Schülerin und Schüler erhält ebenfalls 4,8 Punkte für die erwartete Wirkung und sogar 6,5 für die Kosten. Zusätzliche Lernzeit kommt auf 4,8 und 5,3 Punkte.
Dasselbe Wirksamkeitsniveau erreicht eine wesentlich gezieltere finanzielle Intervention: höhere Gehälter für Lehrkräfte an Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern aus armen Familien. Sie werden mit 4,8 Punkten bei der Wirkung und 4,1 Punkten bei den Kosten bewertet. Coaching für Lehrkräfte kommt auf 4,6 Punkte Wirksamkeit und 4,6 Punkte Kosten.
„Insgesamt reicht keine einzelne Idee für sich genommen aus, sagen die Fachleute. Und keine Idee wäre erfolgreich, wenn sie nicht gut umgesetzt würde“Damit zeichnet sich bereits ein Muster ab, das für die bildungspolitische Debatte interessant ist. Zusätzliche Ressourcen werden von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern keineswegs grundsätzlich als Minuspunkt gesehen. Entscheidend ist vielmehr, wie sie eingesetzt werden. Mehr Geld pro Schüler/in auszugeben und höhere Gehälter für Lehrkräfte an Schulen mit hoher Armut zu zahlen, werden mit jeweils 4,8 als gleich wirksam eingeschätzt. Bei den erwarteten Kosten unterscheiden sich die beiden Ansätze jedoch deutlich: Mehr Geld pro Schüler/in erreicht einen Kostenwert von 6,5, die gezielte bessere Bezahlung von Lehrkräften dagegen nur 4,1. Der gezielte Mitteleinsatz erscheint in der Expertenbewertung damit erheblich günstiger.
Besonders deutlich wird der Faktor Kosten bei einer Forderung, die auch in Deutschland seit Jahrzehnten erhoben wird: kleinere Klassen. Die Maßnahme erreicht 3,8 Punkte bei der erwarteten Wirksamkeit, zugleich aber mit 6,5 Punkten einen der höchsten Kostenwerte der gesamten Untersuchung. Eine generelle bessere Bezahlung aller Lehrkräfte schneidet ähnlich ab: 3,9 Punkte bei der Wirksamkeit stehen 6,3 Kostenpunkten gegenüber. Wirksamer (4,1) – und kostengünstiger (wenngleich immer noch relativ teuer, 4,4) – wird ein Faktor eingeschätzt, der hierzulande bislang kaum Aufmerksamkeit erfährt: „Heizung, Lüftung und Klimatisierung verbessern.
Umgekehrt finden sich unter den vergleichsweise günstig bewerteten Maßnahmen mehrere Ansätze, die in öffentlichen Bildungsdebatten weit weniger Aufmerksamkeit bekommen. Den Zugang zu anspruchsvollen Kursen für mehr Schülerinnen und Schüler zu öffnen, erreicht 4,7 Punkte bei der Wirksamkeit und 3,2 bei den Kosten. Geprüfte, hochwertige Unterrichtsprogramme kommen auf 4,5 beziehungsweise 3,0 Punkte. Schulen stärker für ihre Ergebnisse verantwortlich zu machen, wird mit 4,3 Punkten Wirksamkeit und 2,8 Punkten Kosten bewertet.
Auch die stärkere Gewinnung eines vielfältig zusammengesetzten Kollegiums landet mit 4,1 Punkten Wirksamkeit und 3,6 Kostenpunkten oberhalb der von der New York Times gezogenen Wirksamkeitsgrenze von 4,0. Das Erfassen von Fehlzeiten verbunden mit einer Information der Eltern erreicht genau 4,0 Punkte – bei lediglich 1,9 Punkten für die Kosten.
Gerade der Vergleich mit einigen hierzulande besonders intensiv diskutierten Reformideen ist bemerkenswert. Ein Verbot von Handys während des gesamten Schultags erhält lediglich 3,7 Punkte für die erwartete Wirksamkeit. Zwar schätzen die Befragten auch die Kosten mit 1,7 Punkten als gering ein. Gemessen am erklärten Ziel des Rankings – einer Verbesserung schulischer Leistungen – gehört das Handyverbot aber nicht zu den Maßnahmen, denen die Fachleute eine besonders hohe Wirkung zutrauen.
Ähnlich sieht es bei anderen Versuchen aus, digitale Technologien aus Schule zurückzudrängen. Die KI-Nutzung einzuschränken, kommt auf 3,9 Punkte Wirksamkeit und 1,7 Punkte Kosten, die Bildschirmzeit zu begrenzen auf 3,9 beziehungsweise 1,6 Punkte.
Daraus folgt allerdings nicht, dass die Fachleute einen möglichst umfassenden Einsatz digitaler Technik empfehlen würden. Adaptive digitale Lernangebote erreichen lediglich 3,5 Wirksamkeitspunkte bei 3,6 Kostenpunkten. Und der Vorschlag, Schülerinnen und Schülern den Zugang zu Künstlicher Intelligenz auf Schulgeräten zu ermöglichen, bildet mit 2,2 Punkten das Schlusslicht der gesamten Wirksamkeitsbewertung.
Allerdings: Die Zahlen ergeben keine einfache Gebrauchsanweisung für bessere Schulen. Die Autorinnen der New York Times warnen davor, einzelne Maßnahmen als Patentrezepte zu verstehen: „Insgesamt reicht keine einzelne Idee für sich genommen aus, sagen die Fachleute. Und keine Idee wäre erfolgreich, wenn sie nicht gut umgesetzt würde. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass es eine Reihe von Ansätzen gibt, die funktionieren können.“ News4teachers
Hier geht es zum vollständigen Ranking der New York Times.
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