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«Als hätte eine Private-Equity-Firma ein Kind mit Google bekommen»: Das ist das italienische Einhorn Bending Spoons

Дата публикации: 10-07-2026 03:30:00

Sie kaufen gut eingeführte Internetfirmen und bauen sie um: Wie ein paar «ragazzi» aus einem Mailänder Startup ein globales Unternehmen gemacht und es an die Wall Street gebracht haben. Und was das mit dem Kultfilm «Matrix» zu tun hat.

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«Als hätte eine Private-Equity-Firma ein Kind mit Google bekommen»: Das ist das italienische Einhorn Bending Spoons

Sie kaufen gut eingeführte Internetfirmen und bauen sie um: Wie ein paar «ragazzi» aus einem Mailänder Startup ein globales Unternehmen gemacht und es an die Wall Street gebracht haben. Und was das mit dem Kultfilm «Matrix» zu tun hat.

Von Mailand an die Wall Street: Luca Ferrari (Mitte), Mitgründer und CEO von Bending Spoons, lanciert das Unternehmen am 1. Juli an der Börse in New York.

Von Mailand an die Wall Street: Luca Ferrari (Mitte), Mitgründer und CEO von Bending Spoons, lanciert das Unternehmen am 1. Juli an der Börse in New York.

Brendan McDermid / Reuters

Ist er der neue Gianni Agnelli? Die neue Vorzeigefigur der italienischen Wirtschaft? Vorbild für kommende Generationen von Unternehmern im Belpaese?

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Mit dem 2003 verstorbenen Fiat-Präsidenten verbindet Luca Ferrari zunächst wenig bis nichts – ausser vielleicht sein Nachname, der an die grossen Zeiten der italienischen Autoindustrie erinnert (aber damit nichts zu tun hat).

Luca Ferrari, Jahrgang 1985, ist mehr Mark Zuckerberg als Gianni Agnelli: T-Shirt statt offenes Hemd, bleicher Teint statt braungebrannte Haut, kaum Glitzer und Glamour. Von den Medien wird er als zurückhaltend geschildert, aber gleichzeitig als harter Verhandler.

Einzig in Sachen Reichtum kann er es mit Agnelli aufnehmen. Sein Unternehmen hatte bis vor wenigen Tagen einen Marktwert von rund 19 Milliarden Dollar. Seit dem Börsengang an der Wall Street vom 1. Juli 2026 sind zwischen 3 und 7 Milliarden Dollar dazugekommen. 2025 hat die Firma einen Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 277 Millionen erzielt.

Löffel biegen

Seine Firma: Sie heisst «Bending Spoons» und ist das Resultat einer Geschichte, wie man sie nicht in Italien vermuten würde.

Sie beginnt 2013 denn auch weiter nördlich, in Kopenhagen. Und zwar mit einem Misserfolg. Drei Freunde aus Norditalien, die an der DTU, Dänemarks technischer Universität, ein Studium in Ingenieurwissenschaften absolvieren, planen ihr nächstes grosses Ding.

Hinter ihnen liegt eine erste unternehmerische Erfahrung. Gemeinsam haben sie 2010 eine App entwickelt, Evertale heisst sie, die aufgrund der Daten ihrer Nutzer automatisch eine Art Tagebuch erstellen soll.

Doch Evertale kommt nicht zum Fliegen. «Mitte 2013 hatten wir keine Einnahmen, noch vier Monate Liquidität auf dem Konto – und eine bittere Wahrheit, die man erst einmal verdauen musste: Evertale war ein Flop», so wird Ferrari später zitiert.

Was sie nun, nach dieser Niederlage, planen, ist von anderer Qualität: Die drei Freunde, zu denen sich nun noch zwei Evertale-Mitstreiter gesellen, entwickeln ein neues – und zugleich altes – Geschäftsmodell. Statt selber von Grund auf eine Firma aufzubauen, beschliessen sie, künftig etablierte Internetunternehmen zu kaufen – oft unter Einsatz von Fremdkapital –, um sie anschliessend grundlegend umzubauen, zu sanieren und das Wachstum zu beschleunigen. «We acquire and improve iconic products», so lautet kurz und prägnant das Markenversprechen.

So entsteht 2013 Bending Spoons. Löffel biegen? Der eigentümliche Name ist vom Kultfilm «Matrix» inspiriert, den Matteo Danieli, einer der Freunde von Ferrari, damals, in jenem Sommer 2013, gerade gesehen hat. Darin schafft es ein Junge, allein mit der Kraft seines Verstandes und seines Willens einen Löffel zu verbiegen. «Wir fanden, dass die Szene tatsächlich einige der Grundsätze widerspiegelt, die uns inspirieren, und zeigt, dass der menschliche Geist viel bewirken kann», sagte Ferrari kürzlich zur «Financial Times».

Von Evernote bis WeTransfer

Die zu diesem Zeitpunkt fünf Gründer – einer steigt später wieder aus – gehen Schritt für Schritt vor, kaufen erst kleinere Firmen und Apps, bis sie 2023 ihren ersten grossen Coup landen. Sie erwerben Evernote, ein bekanntes und eingeführtes Unternehmen mit einer grossen Zahl an treuen Nutzern.

Evernote ist ein Internetdienst, der das Ordnen und Finden von Notizen, Dokumenten und Bildern unterstützt. 2025 kommt WeTransfer dazu, 2026 Eventbrite, dann AOL und Vimeo, alles Internet-Ikonen mit grossen Namen – und oft einigen Schwierigkeiten, sich selbst am Leben zu erhalten.

Über fünfzig Akquisitionen hat Bending Spoons inzwischen getätigt: Die erste im Jahr 2014 hat die Firma nach Medienangaben 10 000 Dollar gekostet, die letzte gegen eine Milliarde. In Italien wurde die Firma bekannt durch Immuni, die offizielle, kostenlose Kontaktnachverfolgungs-App des Römer Gesundheitsministeriums aus Covid-Zeiten.

Längst sind wichtige Financiers auf die vier «ragazzi» aufmerksam geworden, wie sie in der italienischen Presse genannt werden. Zu ihnen zählen Leute wie Giovanni Tamburi, Präsident einer wichtigen Mailänder Investmentbank, Luca Maestri, bis 2024 Chief Financial Officer von Apple, oder Andre Agassi, Tennisstar der neunziger und nuller Jahre. Der kürzliche Börsengang wurde von JP Morgan und Goldman Sachs begleitet.

Der Sitz der Firma befindet sich heute in Mailand, ganz in der Nähe der grossen Finanzhäuser rund um die Piazza Gae Aulenti, wo sich die Wolkenkratzer der wichtigsten Banken in die Höhe schrauben. Bending Spoons gilt als hipper Arbeitgeber kalifornischen Zuschnitts mit flachen Hierarchien und einer Arbeitsatmosphäre à la Google.

Die inzwischen etwa 700 Mitarbeiter nennen sich «Spooner». Jedes Jahr lädt das Unternehmen alle «Spooners», die draussen in der weiten Welt beschäftigt sind, nach Mailand ein, um eine Woche am Hauptsitz zu verbringen und die Unternehmenskultur zu verinnerlichen.

Luca Ferrari ist überzeugt, dass ein grosser Teil des unternehmerischen Erfolgs den jungen Leuten zu verdanken ist, die er einsetzt, um den aufgekauften Unternehmen neuen Schwung zu verleihen. 800 000 Bewerbungen sollen letztes Jahr eingegangen sein, nicht einmal 300 Personen hat man daraus ausgewählt.

Als hätte eine Private-Equity-Firma ein Kind mit Google

Aber ist Bending Spoons mehr als eine Private-Equity-Gesellschaft, die bestrebt ist, Firmen nach einigen Jahren mit hoher Rendite wieder zu verkaufen? «Wir sind sehr praxisorientiert», sagt Ferrari dazu in einem ausführlichen Talk, der auf der Website von Bending Spoons zu finden ist.

«Im Gegensatz zu einem Private-Equity-Unternehmen schreiben wir in der Regel die gesamte Software neu oder zumindest die wichtigsten Teile der Codebasis», erklärt Ferrari. So ändern die Leute von Bending Spoons die IT-Architekturen, nehmen Eingriffe an der jeweiligen Benutzererfahrung und der Benutzeroberfläche vor, fügen neue Funktionen hinzu, entfernen andere Funktionen und überarbeiten das Marketing und die Monetarisierung.

Bending Spoons sei ein Hybrid, sagt Ferrari, «es ist fast so, als hätte eine Private-Equity-Firma ein Kind mit Google bekommen». Bis heute hat das Unternehmen noch keine der akquirierten Firmen wieder auf den Markt gebracht. Stattdessen versucht man, Rendite ausschliesslich aus den Erträgen zu erzielen.

Kritische Stimmen

Vor harten unternehmerischen Eingriffen schreckt die Firma nicht zurück: Meldungen über Sanierungen, Entlassungen und Preiserhöhungen begleiten ihre Arbeit. Und manchmal gibt, wie bei Evernote, die Entfernung von beliebten Features zu reden, die von Langzeitnutzern der entsprechenden Apps besonders geschätzt wurden. Kritik wird auch laut an der mangelnden Offenlegung der Finanzdaten, was es schwierig macht, die Entwicklung der Unternehmen nach der Übernahme zu analysieren.

Experten sehen derzeit zwei Risiken. Zum einen die Verschuldung: Zum Zeitpunkt des Börsengangs hatte das Unternehmen Schulden in der Höhe von fast 4,4 Milliarden Dollar. Das zukünftige Wachstum müsse deshalb gegen die finanzielle Disziplin abgewogen werden, schreiben die Analysten der Saxo-Bank. Zum anderen bestehe ein Produktrisiko: «Kostensenkungen, Preiserhöhungen oder Änderungen an den Funktionen können zwar kurzfristig die Margen verbessern, aber die Nutzer merken, wenn ein Produkt schlechter wird», heisst es in dem Report.

Italienische Ambitionen

In Italiens Wirtschaftspanorama wirkt das Einhorn Bending Spoons wie ein Solitär. Das hybrid-digital-globale Geschäftsmodell und die risikoaffine Kultur, die dahinter steht, stehen schräg in einer Unternehmenslandschaft, die Traditionsfirmen von Armani bis Zegna und von Barilla bis Beretta vereint – und immer auch noch vom früheren Glanz der grossen Automarken zehrt.

Etwas Gianni Agnelli und Italien steckt trotzdem drin. Der Hauptsitz in Mailand steht offenbar trotz Börsengang in New York nicht zur Diskussion. «Mir gefällt die Vorstellung, Spuren zu hinterlassen und ein Unternehmen von internationalem Rang für Italien aufzubauen», sagte Ferrari vor einigen Monaten in einem Interview mit dem «Corriere della Sera». «Das könnte dem Land einen Ruck geben und den kulturellen Wandel bewirken, den es braucht.»

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