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IT-Stratege warnt: „Deutschland ist zentrales Ziel russischer Cyberangriffe“

Дата публикации: 16-01-2026 18:59:00

Russland greift Europa längst digital an und Deutschland steht im Fadenkreuz, warnt der estnische IT-Stratege Sten Saluveer.

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Russland greift Europa längst digital an und Deutschland steht im Fadenkreuz, warnt der estnische IT-Stratege Sten Saluveer. Im Interview erklärt er, wo Deutschlands größte Schwächen liegen und weshalb Offenheit zur Sicherheitsfrage wird.

Noch fühlen sich viele Deutsche sicher: geografisch weit weg vom Krieg, geschützt durch Bündnisse und Aufrüstung. Doch im digitalen Raum gibt es keine Distanz. Cyberangriffe, Desinformation und hybride Operationen machen vor Grenzen nicht halt. Sten Saluveer, führender Cyber-Stratege aus Estland, warnt am Rande der DLD-Konferenz: Deutschlands Größe, Wirtschaftskraft und politische Rolle machen das Land besonders verwundbar. Und die größte Gefahr sei nicht mangelndes Geld, sondern mangelnde Geschwindigkeit.

Herr Saluveer, Sie sagen: Europa befindet sich mitten in einem Cyberkrieg. Wo steht Deutschland in diesem Konflikt? 

Saluveer: Deutschland ist kein Beobachter am Rand. Als größte Volkswirtschaft Europas, als politischer Taktgeber und als industrielle Kernnation ist Deutschland – und auch alle anderen europäischen Länder – zentrales Ziel russischer Cyber- und Hybridoperationen. Wer glaubt, Deutschland sei wegen seiner geografischen Lage weniger betroffen, irrt. Im digitalen Raum existiert diese Distanz nicht. 

Sie halten das Sicherheitsgefühl aufgrund der geografischen Lage für trügerisch? 

Saluveer: Dieser Abstand schützt Deutschland und die EU keinesfalls, das ist eine Illusion. Moderne Kriegsführung ist digital, hybrid und vor allem: grenzüberschreitend. Cyberangriffe, Desinformation, elektronische Kriegsführung oder Angriffe auf Lieferketten treffen Deutschland genauso wie Länder an der NATO-Ostflanke. 

Dass Russland seine Angriffe im Cyberraum intensiviert, ist ein Zeichen von Frustration und Schwäche.

Wie konkret ist die Bedrohung für Deutschland? 

Saluveer: Sehr konkret. Russische und russlandnahe Akteure richten ihre Aktivitäten gezielt gegen kritische Infrastrukturen, staatliche Institutionen, Finanzsysteme und Industrie. Mehr als öffentlich bekannt ist. Dass Russland seine Angriffe intensiviert, auch im Cyberraum, ist ein Zeichen von Frustration und Schwäche, denn es hat bisher keines seiner zentralen strategischen Ziele erreicht. Deutschland und die EU, besonders die zivile Infrastruktur, ist aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, seiner Rolle in der Ukraine-Unterstützung und seiner stark vernetzten Infrastruktur besonders attraktiv als Ziel. 

Also bedroht Russland auch gezielt zivile Bereiche in Deutschland? 

Saluveer: Absolut. Russland zeigt in der Ukraine, dass die zivile Infrastruktur ein bewusstes Ziel ist. Es wäre naiv anzunehmen, dass solche Methoden nicht auch gegen Deutschland eingesetzt würden, wenn es strategisch sinnvoll erscheint.  

Deutsche Langsamkeit nutzt Russland

Wo sehen Sie aktuell die größten Schwächen der deutschen Verteidigungsfähigkeit im Cyber- und Hybridraum? 

Saluveer: Die größte Schwäche liegt in der Fragmentierung – politisch, institutionell und gesellschaftlich. In Deutschland gibt es nach wie vor keine einheitliche, klare Anerkennung der tatsächlichen Bedrohungslage. Die Zuständigkeiten sind nicht gebündelt, sondern stark aufgeteilt, Entscheidungsprozesse zu lang, Verantwortlichkeiten oft unklar. 

Was bedeutet diese Fragmentierung in der Praxis? 

Saluveer: Sie verlangsamt Reaktionen, und genau das nutzt Russland aus. Russische Akteure beobachten sehr genau, wie lange inhaltliche Auseinandersetzungen dauern, wie zögerlich Entscheidungen getroffen werden und wo politische oder rechtliche Hürden bestehen. Und daran passt Russland seine Angriffe an. Geschwindigkeit ist im Cyberraum entscheidend und hier ist Deutschland strukturell im Nachteil. 

Verteidigung gegen Cyberangriffe als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Sie fordern, dass Cyberangriffe klar zugeordnet und öffentlich benannt werden. Passiert das nicht bereits? 

Saluveer: Europa ist in dieser Frage oft zu zurückhaltend. Aus Angst vor Eskalation oder politischen Konsequenzen wird die Benennung des Aggressors häufig vermieden oder nur sehr vorsichtig kommuniziert. Langfristig schwächt das die Abschreckung.  

Warum ist das gerade für Deutschland so wichtig? 

Saluveer: Die Menschen müssen verstehen, dass Transparenz kein Risiko ist, sondern ein Instrument, um Sicherheit herzustellen. Offenheit schafft Vertrauen. Wenn die Bevölkerung versteht, was passiert, stärkt das die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit. Verteidigung gegen Cyberangriffe ist kein Geheimprojekt der Sicherheitsbehörden. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ohne offene Kommunikation bleibt diese Aufgabe abstrakt. 

Aber Deutschlands eher zurückhaltende Haltung gegenüber der möglichen Bedrohung aus Russland könnte doch auch stabilisierend wirken? 

Saluveer: Kurzfristig mag sie deeskalierend wirken, langfristig lädt sie zu weiteren Angriffen ein. Russland interpretiert Zurückhaltung nicht als Verantwortung, sondern als Schwäche. Abschreckung entsteht nicht durch Schweigen, sondern durch klare Signale. 

Ist ein Kompromissfrieden mit Russland aus Ihrer Sicht also nicht realistisch? 

Saluveer: Nein. Ein Staat, der systematisch Zivilisten ermordet, wird nicht durch Zugeständnisse zu einem verlässlichen Partner. Frieden kann es nur zu den Bedingungen der Ukraine geben. Alles andere würde künftige Aggressionen auch gegen Länder wie Deutschland begünstigen. 

Das ist das grundlegende Problem einer Demokratie in Krisenzeiten

Sie sagen, die deutschen Reaktionen auf die russische Bedrohung sind zu zögerlich. Warum? 

Saluveer: Deutschlands politisches System ist wie das aller europäischen Länder stark konsensorientiert, rechtlich präzise und demokratisch vorbildlich. In Krisenzeiten führt das jedoch zu langen Entscheidungswegen. Autoritäre Staaten mobilisieren zentral, Demokratien stimmen erst ab. Das ist richtig, aber langsam und schwächt die Verteidigungsfähigkeit. 

Was müsste Deutschland ändern, ohne demokratische Prinzipien aufzugeben? 

Saluveer: Deutschland müsste Entscheidungsprozesse beschleunigen – etwa bei Cybersicherheitsmaßnahmen, beim Schutz kritischer Infrastruktur oder bei digitalen Verteidigungsprojekten. Andere Länder, wie etwa Estland, haben Genehmigungs- und Entscheidungsprozesse drastisch verkürzt. Deutschland muss sich fragen, was in einer Bedrohungslage noch „normaler Verwaltungsbetrieb“ sein kann und was nicht. 

Welche Rolle spielen Daten und künstliche Intelligenz für die Cyber-Verteidigung? 

Saluveer: Eine zentrale Rolle. Moderne Verteidigung erfordert Daten, KI-gestützte Analyse und schnelle Entwicklungszyklen. Deutschland verfügt über sehr starke Datenschutzregelungen – zu Recht. Aber es braucht eine ehrliche, offene und öffentliche Diskussion darüber, welche Daten für Sicherheits- und Verteidigungszwecke notwendig sind. Es braucht Kompromisse im digitalen Bereich, sonst ist Deutschland nicht verteidigungsfähig. Das ist keine ideologische, sondern eine strategische Frage. 

Investiert Deutschland genug Geld in seine Cybersicherheit? 

Saluveer: Entscheidend ist, das Deutschland die finanziellen Mittel schneller, gezielter und langfristiger einsetzt. Im Cyberraum ist Zeit oft wichtiger als Perfektion. 

Viele Deutsche verstehen nicht, dass das keine Militarisierung ist, sondern Schutz.

Saluveer: Eine wesentlich größere als bisher, denn sie schaffen Widerstandskraft. Und zwar nicht nur militärisch, sondern auch bei Naturkatastrophen, Infrastrukturkrisen oder hybriden Angriffen. Viele Deutsche verstehen nicht, dass das keine Militarisierung ist, sondern eine zusätzliche Schutzschicht für die demokratische Gesellschaft, die Wirtschaft und den Alltag. Und dazu gehören ebenso technologische Fähigkeiten, personelle Kompetenzen und klare strategische Leitlinien – auch im Cyberraum. Deutschland hat enormes Potenzial: technologisch, finanziell und industriell. Was fehlt, ist Geschwindigkeit, strategische Klarheit und der politische Wille, unbequeme Debatten offen zu führen

Wenn Sie drei Prioritäten für Deutschland setzen müssten: Welche wären das? 

Saluveer: Erstens: klare Anerkennung, dass Deutschland bereits Teil eines hybriden Konflikts ist. Zweitens: massive, schnelle Investitionen in Cyber-, KI- und Dual-Use-Fähigkeiten. Drittens: Transparenz gegenüber der eigenen Bevölkerung, denn ohne gesellschaftliches Vertrauen gibt es keine Resilienz. 

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