Heute beginnt unsere Sommer-Reihe »Sommer im Film«. Teil 1: Es gibt ein Motiv, das nur im deutschen Kino auftaucht: der Badesee
Der deutsche Badesee ist nie zu kalt oder zu warm. Er ist ausschließlich dramaturgisch.
Foto: dpa/Peter Kneffel
Es gibt Motive, die sich wie rote Linien durchs Kino ziehen. Das Revolverduell im Western. Die Verfolgungsjagd im Actionfilm. Die Zigarette danach in der erotischen Komödie. Und dann gibt es dieses eine Motiv, das nur im deutschen Kino auftaucht. Das aber mit einer Häufigkeit, die, wenn man erst begonnen hat, darauf zu achten, verblüffend ist: der deutsche Badesee.
Man kann fast schon drauf wetten. Ein deutscher Film, Handlung spielt im Sommer. Oft ist es bloß eine Frage der Zeit, bis eine der Figuren einer anderen so etwas vorschlägt, wie »an den See« zu fahren. Manchmal genügt auch ein kurzer Shot auf ein paar halbnackte Jungs mit Handtüchern um die Hüften. Während amerikanische Produktionen ihre Protagonisten zum nächsten Pool schicken, schickt sie der deutsche Film an den Badesee.
Was dann folgt, ist ritualisiert wie die Liturgie in der Kirche. Klapprige Fahrräder werden geschoben, ein alter Kombi über einen Feldweg gelenkt, ein Zug am Provinzbahnhof verlassen. Dann öffnet sich der Blick. Schilf, Wasser, Enten und ein Holzsteg, der seine besten Tage schon zu Ostzonenzeiten hatte. Die Protagonisten schauen kurz aufs Wasser, als hätten sie es nie zuvor gesehen. Dann springen sie hinein.
Warum ist ausgerechnet der Badesee so ein beliebtes Sommerfilm-Motiv? Man könnte vermuten, beim Schwimmen in der Natur handle sich um das Abbild einer besonders deutschen Lebenswirklichkeit. Tatsächlich existieren hierzulande Tausende von Seen, Weihern, Bächen, Kanälen und sonstigen Gewässern, in denen viele Deutsche gerne baden. Der hiesige Badespaß könnte somit als Antwort auf die Côte d’Azur gelten. Wer keine Yacht in Nizza liegen und keine Villa in Cannes geerbt hat, fährt ans nächste Baggerloch.
Doch das allein erklärt noch nicht die Omnipräsenz des filmischen Motivs. Schließlich verbringen Deutsche erhebliche Teile ihres Lebens auch in Super- oder Baumärkten, an Arbeitsplätzen und in Autowaschanlagen oder bei der Online-Suche nach einem neuen Drucker oder einer elektrischen Zahnbürste. Trotzdem gibt es nur sehr wenige Filme mit einer bedeutsamen Szene an einem Hafermilch-Regal, zwischen Unterboden- und Wachsprogramm oder beim Schnäppchenvergleich auf Amazon.
Nein, der deutsche Badesee hat offenbar gewichtigere Aufgaben zu erfüllen. Vielleicht die eines Verwandlungs- oder Zauberportals? Schließlich herrschen bis zur Ankunft an den Gewässern meist eher alltägliche Probleme vor: Beziehungen sind kompliziert, Eltern schwierig, Karrieren festgefahren, Identitäten ungeklärt. Doch kaum sind Hosen und Schuhe abgestreift und die Füße im Wasser, öffnet sich etwas.
Die Protagonisten sprechen plötzlich über ihre Gefühle, Freundschaften vertiefen sich, Liebesgeschichten eskalieren. Am Ende stehen nur noch die badeanzugnassen Flecken auf der Liegedecke für die Unbilden des Lebens. Der Badesee könnte damit das sein, was in Fantasyfilmen der verborgene Wald ist oder wie in jedem ARD-»Tatort« die Pathologie: ein Übergangsraum. Nur mit mehr Mücken.
Der deutsche Badesee ist zu einer Art nationalem Filmrequisit geworden. Andere Länder besitzen den Highway, die Wüste oder die Großstadt-Skyline. Deutschland besitzt den vermoosten Holzsteg.
Besonders deutlich zeigt sich das in Coming-of-Age-Filmen. Da sitzen die jungen Leute an einem See, trinken Wein direkt aus der Flasche und blicken in die Ferne. Bis endlich alle ins Wasser springen, gerne splitternackt, und der Zuschauer versteht: Nein, das bis hierhin war noch nicht alles.
Bemerkenswert ist dabei mitunter die Temperaturunempfindlichkeit der Filmfiguren. Während reale Menschen selbst im Hochsommer erst vorsichtig einen Zeh ins Wasser halten und dann lange über die Temperatur diskutieren, springen Filmfiguren immer sofort hinein. Badeseen haben in deutschen Filmen grundsätzlich die richtige Temperatur. Sie ist nie zu kalt oder zu warm. Sie ist ausschließlich dramaturgisch.
Wie auch der Sommer im deutschen Film oft eher nur eine Empfehlung zu sein scheint. Manchmal wirken die Szenen so, als hätten die Außengrade beim Dreh knapp überm Gefrierpunkt gelegen. Die Darsteller zittern, ihre Haut erinnert an gekochtes Hühnerfleisch. Doch der Film behauptet unbeirrt: Hitze. Freiheit. Lebenslust. Und niemand fragt nach Blaualgen. Als gäbe es dafür einen geheimen Fördertopf.
So ist der deutsche Badesee zu einer Art nationalem Filmrequisit geworden. Andere Länder besitzen den Highway, die Wüste oder die Großstadt-Skyline. Deutschland besitzt den vermoosten Holzsteg.
Mal schauen, wie lange das Motiv noch Bestand hat. Wahrscheinlich wird eines Tages eine neue Generation von Filmemacherinnen rebellieren. Ihre Figuren werden sich nicht mehr an Badeseen treffen, sondern in klimatisierten Logistikzentren oder vor der Paketstation. Die großen Aussprachen finden dann neben E-Ladesäulen statt.
Bis dahin aber gilt für den deutschen Film: Wenn die Sonne scheint, junge Menschen durch ein Maisfeld pflügen und im Hintergrund Frösche quaken, kann man davon ausgehen, dass demnächst jemand ins Wasser springt. Nicht, weil die Handlung es verlangt. Sondern weil deutsche Produzenten einfach wissen, dass jede noch so verworrene Geschichte spätestens am Badesee zu sich selbst findet.
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